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Religion + Theologie
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Die Religion der Êzîden (Êzîdî / Êzdî, Eigenbezeichnung Êzdiyatî) ist eine eigenständige, mündlich überlieferte Glaubenstradition mit altiranisch-mesopotamischen Wurzeln. Im Zentrum steht ein transzendenter Schöpfergott (Xwedê), der die Welt sieben heiligen Wesen anvertraut hat, angeführt von Tawûsî Melek, dem Pfauen-Engel. Dieser Artikel ist der theologische Überblick des Wikis: Er fasst Gottesbild, Heptade, das Verhältnis von Religion, Kultur und Ethnos, die Glaubenspraxis, die heiligen Texte und die soziale Ordnung zusammen, ordnet die Forschungsdebatten ausgewogen ein und verweist für die Vertiefung jeweils auf die eigenen Detailartikel.
Stand: 2026-06-16 · Heft-Sirran-Tabu eingehalten · Eigennamen lateinisch · ezdixan.de Wiki
Inhalt
- Grundlagen und Selbstverständnis
- Verhältnis Religion – Kultur – Ethnos
- Kosmologie und Theologie
- Die sieben heiligen Wesen (Heft Sirr)
- Zentrale Konzepte: Sünde, Reinheit, Seelenwanderung
- Soziale und religiöse Ordnung
- Glaubenspraxis im Überblick
- Reinheit, Tabus und Speisegebote
- Heiligtümer und heilige Orte
- Mündliche Überlieferung und heilige Texte
- Verhältnis zu anderen Religionen
- Religionswissenschaftliche Einordnung
- Zeitgenössische theologische Debatten und Reform
- Êzdîkî-Glossar (Kernbegriffe)
- Quellen
1. Grundlagen und Selbstverständnis
Die Êzîden (im Deutschen auch Yeziden oder Jesiden) bilden eine ethnisch-religiöse Gemeinschaft mit Kerngebieten in Şingal (Sinjar) und der Region um Lalîş in Nordirak sowie großen Diaspora-Gruppen im Kaukasus (Armenien, Georgien) und seit den 1960er-Jahren in Deutschland. Ihre Religion ist nicht missionarisch und nicht durch Konversion zugänglich: Man wird als Êzîd*in geboren. Die Überlieferung erfolgt fast vollständig mündlich in heiligen Hymnen (Qewl), eine kanonisierte Heilige Schrift im Sinne der abrahamitischen Religionen existiert nicht [Kreyenbroek 1995, S. 1–17; Allison 2001, S. 26–40].
Wesentlich für das Verständnis: Die Êzîden grenzen ihren Glauben bewusst vom Islam ab und benutzen ein eigenes religiöses Vokabular. So heißt Gott bei ihnen vor allem Xwedê (auch Êzdan, Xwedawend oder Padîşah, „König"), und gerade nicht im alltäglichen Sprachgebrauch das arabisch-islamisch geprägte Allah; der Gruß lautet Silav statt der islamischen Grußformel; und das Êzîdî-Neujahr Sersal (Çarşema Sor, „Roter Mittwoch") ist ausdrücklich nicht mit dem muslimisch-kurdischen Newroz identisch [Kreyenbroek 1995, S. 145–152; Açıkyıldız 2010, S. 132].
Theologische Klarstellung (wichtig, oft missverstanden). Das Êzîdîtum ist streng monotheistisch: Es gibt einen einzigen Schöpfergott. „Allah" ist lediglich das arabische Wort für „Gott": es bezeichnet also denselben einen Schöpfer, nicht eine andere Gottheit. Die Êzîden sagen nicht, Gott dürfe nur „Xwedê" genannt werden (anders als manche, die umgekehrt darauf beharren, allein die arabische Form „Allah" sei zulässig). Im Gegenteil kennt die êzîdîsche Überlieferung 1.001 bzw. 3.003 Namen Gottes (je nach Qewl); zu den gebräuchlichsten zählen Xwedê, Xwedawend, Êzdan und Padîşah („König"), seltener auch Ellah und Heq („das Wahre/die Wahrheit") [Wikipedia: Yazidism, Abschnitt „God"; vgl. Kreyenbroek 1995]. Wichtig: Die êzîdîsche Form lautet Ellah (Kurmancî), sprachlich verwandt mit dem arabischen Allah, aber eine eigenständige, vor-/nicht-islamische Lautung; sie bezeichnet denselben einen Schöpfer. In einzelnen Qewls (heiligen Hymnen) tauchen daher Formen wie Ellah (gelegentlich auch Allah) oder Înşallah auf, das ist kein Islam und keine Islamisierung, sondern gemeinsames religiöses Wortgut der Region und des Kurmancî. Worum es den Êzîden geht, ist also nicht die Leugnung, dass es derselbe Schöpfer sein könnte, sondern die eigene religiöse Identität und Sprache: im Alltag und in der Selbstbezeichnung verwenden sie ihr eigenes Vokabular (Xwedê) und meiden islamische Formeln als Identitätsmarker, eine Frage der Praxis und Abgrenzung, keine Aussage über zwei verschiedene Götter.
Sprachhinweis. Die Sprache der Êzîden ist eng mit dem Kurmancî-Kurdischen verwandt. Im Kaukasus und in Teilen der Diaspora wird sie als eigenständige Sprache Êzdîkî bezeichnet; viele Linguisten sehen sie hingegen als Kurmancî-Varietät. Dieser Artikel nennt religiöse Begriffe in lateinischer Bedirxan-/Hawar-Schrift und behandelt eziden-eigene Begriffe als das, was sie sind: identitätsstiftendes religiöses Fachvokabular.
Identität: Êzîden und die „Kurden"-Frage. Ob die Êzîden eine eigenständige ethno-religiöse Gruppe oder eine religiöse Untergruppe der Kurden sind, ist umstritten, und hat sich seit dem Genozid von 2014 verschärft. Êzîden sprechen Kurmancî und sind kulturell eng mit der kurdischen Welt verflochten; ein Teil versteht sich als kurdisch. Viele Êzîden lehnen die Fremdzuordnung „Kurden" jedoch ausdrücklich ab und verstehen sich als eigenes Volk mit eigener Religion, Sprache (Êzdîkî) und Geschichte, auch deshalb, weil an zahlreichen historischen Verfolgungen und Fermanen (u. a. die kurdischen Emirate Soran und Botan im 19. Jh.) sowie am Rückzug kurdischer Kräfte vor dem IS in Şingal 2014 (muslimisch-)kurdische Akteure beteiligt waren; man möchte sich nicht mit einer Gruppe gleichsetzen, der Mitverantwortung an Genoziden an den Êzîden zukommt. Offiziell werden die Êzîden in Armenien und im Irak (Bagdad) als eigenständige ethnische Gruppe geführt, während die Autonome Region Kurdistan sie als „Ur-Kurden" zählt. Dieses Wiki respektiert die Selbstbestimmung der Êzîden als eigenständige Gemeinschaft und stellt die Debatte offen und faktenbasiert dar [Wikipedia: Yazidis, Abschnitt „Ethnic identity"; van Zoonen, USIP 2017].
Aus diesem Selbstverständnis ergibt sich auch der Ton dieses Wikis: Tawûsî Melek wird niemals mit „Teufel" oder „Satan" gleichgesetzt; Gott wird mit seinem eigenen êzîdîschen Namen Xwedê genannt (nicht das arabische Allah im Alltagsgebrauch, zur theologischen Einordnung, dass dennoch derselbe eine Schöpfer gemeint ist, siehe Klarstellung oben); und das êzîdîsche Neujahr Sersal wird nicht mit Newroz verwechselt. Diese Unterscheidungen sind keine sprachliche Spitzfindigkeit, sondern Kern der êzîdîschen Glaubensidentität.
2. Verhältnis Religion – Kultur – Ethnos
Eine Besonderheit des Êzîdentums ist, dass Religion, Volkszugehörigkeit und Kultur untrennbar ineinanderfallen. Êzîd*in ist man durch Geburt: und zwar nur, wenn beide Elternteile Êzîden sind; Konversion ist ausgeschlossen, und die Religion ist nicht missionarisch. Damit ist die Gemeinschaft zugleich eine Glaubensgemeinschaft und eine ethno-religiöse Gruppe: Die Forschung beschreibt sie als „closed group", in der religiöse Identität und ethnische Zugehörigkeit zu einer Einheit verschmolzen sind [Spät 2005, S. 9–25; Allison 2001, S. 26–40; Iranica „Yazidis i"].
Daraus folgt eine wichtige Abgrenzung, die in der Gemeinschaft selbst diskutiert wird: das Verhältnis zum Kurdentum. Die êzîdîsche Religion ist kurmancîsprachig und teilt mit den muslimischen Kurd*innen Sprache, Region und viele Bräuche; zugleich verstehen sich viele Êzîden, besonders in der kaukasischen Diaspora, als eigene ethno-religiöse Nation, nicht als „kurdische Religionsgruppe". Beide Sichtweisen existieren nebeneinander; das Wiki behandelt das Êzîdentum primär als eigenständige Glaubenstradition und überlässt die identitätspolitische Frage den Êzîden selbst [Allison 2001, S. 26–55; Kreyenbroek 1995, S. 1–17].
Praktisch bedeutet die Verschmelzung von Religion und Ethnos:
- Die Religion trägt sich durch das soziale Gefüge. Das Kastensystem (siehe Abschnitt 6), die Heiratsregeln und die geistliche Verwandtschaft sind nicht „nur" Sozialstruktur, sondern religiös begründete Ordnung: sie sichern die Weitergabe der mündlichen Tradition und die rituelle Reinheit.
- Kultur = gelebte Theologie. Feste, Speisegebote, Kleidung, Tänze und Lieder sind Ausdruck derselben Glaubensvorstellungen, nicht davon ablösbares „Brauchtum".
- Kein Glaubensbuch als Identitätsanker. Weil keine kanonisierte Schrift existiert (siehe Abschnitt 10), ruht die Identität auf Abstammung, mündlicher Überlieferung und Praxis: was die Gemeinschaft gegenüber Verfolgung verwundbar, aber zugleich erstaunlich widerstandsfähig gemacht hat.
Detailartikel. Die soziale Ausgestaltung dieser Ordnung, Kasten, Ämter, Endogamie, geistliche Verwandtschaft, ist im Artikel gesellschaftsordnung ausführlich beschrieben. Dieser Abschnitt liefert nur den theologischen Rahmen.
3. Kosmologie und Theologie

Tawûsî Melek (Pfauen-Engel): historische Abbildung aus George Percy Badgers The Nestorians and their Rituals (1852), eine der frühesten westlichen Darstellungen. · Lizenz: Public Domain · Quelle: Wikimedia Commons
3.1 Xwedê: der eine, verborgene Schöpfergott
Die êzîdîsche Theologie ist strikt monotheistisch: Es gibt einen einzigen, höchsten, ungeschaffenen Gott, Xwedê (etymologisch verwandt mit persisch Xudā; daneben Êzdan). Er ist der alleinige Schöpfer, hat keinen Gegenspieler und teilt seine Göttlichkeit mit niemandem, die sieben heiligen Wesen sind Geschöpfe und Diener Gottes, keine eigenständigen Götter. Êzîden betonen ausdrücklich, dass nur Xwedê der Anbetung würdig ist; die Verehrung Tawûsî Meleks gilt ihnen als Verehrung des von Gott eingesetzten Statthalters, nicht als zweite Gottheit [Kreyenbroek 1995, S. 45–55; Asatrian/Arakelova 2014, S. 1–40; Iranica „Yazidis i"].
Charakteristisch ist die Transzendenz dieses Gottes: Xwedê ist nach der Schöpfung „weltabgewandt", die Forschung spricht von einem deus otiosus, einem Gott, der nicht mehr unmittelbar in den Weltlauf eingreift, sondern die Verwaltung der Welt sieben heiligen Wesen übertragen hat. Die religiöse Aufmerksamkeit der Gläubigen richtet sich darum im Alltag stärker auf Tawûsî Melek, Şêx Adî und Sultan Êzî als auf den fernen Schöpfer selbst [Kreyenbroek 1995, S. 45–55; Allison 2017 (EI³ „Yazidism"); Iranica „Yazidis i"]. Gott wird poetisch als Xwedawend oder Pedşa („König") angerufen.
Der zentrale Schöpfungsmythos erzählt von einer weißen Perle (dur): Gott schuf sie aus seinem eigenen Licht und ruhte zunächst allein in ihr. Als die Perle zerbarst, ging aus ihr der materielle Kosmos hervor, ein „Urozean", aus dem sich Erde und Himmel formten [Kreyenbroek/Rashow 2005, S. 30–45; Rodziewicz 2014; Wikipedia „Yazidism"].
Detailartikel. Die ausführliche Darstellung der Kosmogonie, weiße Perle, Urozean, die Reihenfolge der Schöpfungsakte, der Sonntag als Schöpfungstag Tawûsî Meleks, steht im Artikel schoepfung. Hier nur der theologische Kern.
3.2 Tawûsî Melek: der Pfauen-Engel
Tawûsî Melek (auch Melekê Tawûs, „Engel-Pfau") ist der höchste der sieben Engel und der von Gott eingesetzte Herr und Verwalter dieser Welt. Er hatte als einziges Wesen unmittelbaren Zugang zur göttlichen Essenz (sirr) und gilt als Statthalter Gottes auf Erden; sein Symbol ist der Pfau [Wikipedia „Tawûsî Melek"; Spät 2005, S. 25–40; Rodziewicz 2014, S. 25–60].
Konventions-Hinweis (strikt): Tawûsî Melek ist NICHT der Teufel. Die Gleichsetzung des Pfauen-Engels mit „Satan" ist eine von außen herangetragene Verleumdung durch muslimische und christliche Beobachter, die Êzîden seit Jahrhunderten Verfolgung eingebracht hat. In der êzîdîschen Theologie gibt es kein eigenständig böses Prinzip: Gut und Böse gehen letztlich auf Gott bzw. seinen Statthalter zurück, und der Mensch trägt selbst die Verantwortung für seine Taten. Das arabische Wort für „Satan" ist bei Êzîden tabu und wird nicht ausgesprochen [Wikipedia „Yazidism"; Kreyenbroek 1995, S. 59–63; Asatrian/Arakelova 2014, S. 1–20].
In manchen Qewls und Erzählungen klingt ein Motiv an, das die êzîdîsche Würdigung Tawûsî Meleks gerade von der islamischen Iblīs-Erzählung abhebt: Als Gott die Engel aufforderte, sich vor Adam niederzuwerfen, verweigerte sich Tawûsî Melek, weil allein Gott der Anbetung würdig sei. Diese Treue zu Gott wurde ihm nicht als Sünde, sondern als höchste Hingabe angerechnet, und er wurde zum Herrn der übrigen Engel erhoben. Êzîden lesen dieselbe Grunderzählung also genau umgekehrt zur muslimisch-christlichen Satans-Deutung [Kreyenbroek 2016 (Wiley „Yezidi and Yarsan Traditions"); Asatrian/Arakelova 2014, S. 1–40; servantgroup.org].
Detailartikel. Die Theologie Tawûsî Meleks, sein Symbol, der Sancak, die „Devil-Worshipper"-Verleumdung und ihre Geschichte sind im Artikel tawusi-melek vertieft.
3.3 Sultan Êzî und Şêx Adî: irdische Manifestationen
Die Tradition kennt drei eng verbundene göttliche „Hypostasen": Tawûsî Melek, Şêx Adî ibn Misafir und Sultan Êzî (Sultan Êzîd). Die Grenzen zwischen ihnen sind in den Qewls bewusst fließend; Şêx Adî gilt häufig selbst als irdische Inkarnation Tawûsî Meleks [Wikipedia „Yazidism"; Kreyenbroek/Rashow 2005, S. 5–15].
- Şêx Adî ibn Misafir (gest. um 1162) war ein historischer Mystiker, der sich im Tal von Lalîş niederließ; sein dortiges Mausoleum ist das zentrale Heiligtum der Êzîden. In der späteren Überlieferung wurde er zur zentralen heiligen Reformfigur der Gemeinschaft [Açıkyıldız 2010, S. 35–50].
- Sultan Êzî gilt als irdische Manifestation Gottes und als Namensgeber der Êzîden (Êzîdî = „Anhänger Êzîds"). Die Forschung warnt davor, ihn vorschnell mit dem Umayyaden-Kalifen Yazīd I. gleichzusetzen, eine solche Verbindung ist umstritten und wird von Êzîden meist zurückgewiesen [Kreyenbroek 1995, S. 30–35].
4. Die sieben heiligen Wesen (Heft Sirr)
Gott vertraute die Welt sieben heiligen Wesen an, kollektiv Heft Sirr („Sieben Mysterien"; auch Heft Sur) genannt. Sirr bedeutet „Geheimnis" und bezeichnet zugleich die göttliche Essenz, aus der die Engel geschaffen wurden. Sie sind keine eigenständigen Götter, sondern emanierte Diener des einen Xwedê; Tawûsî Melek ist ihr Anführer [Wikipedia „Yazidism"; Rodziewicz 2014, S. 25–60; Iranica „Yazidis i"].
Tabu-Hinweis. Das innere Detail des Heft-Sirran-Komplexes ist Sirr (Geheimwissen, Tabu für Nicht-Êzîden). Hier werden nur die öffentlich bekannten Aspekte dargestellt [Kreyenbroek 1995, S. 122–128].
In der rituell relevanten Überlieferung erscheinen die heiligen Wesen meist als heilige Personen (xas) mit eigenen Funktionen, etwa Şêx Şems (Şêşims, Engel der Sonne, des Feuers und des Lichts), Fexredîn (mit dem Mond verbunden), Şêx Hesen („Herr der Feder"), Sicadîn und Naserdîn sowie Şêx Adî selbst. Neben dieser Heiligen-Liste existiert eine zweite, abrahamitisch geprägte Liste mit Engelnamen (Cibrayîl, Mîkayîl, Ezrayîl u. a.); die Forschung sieht diese als sekundäre, von muslimischen Engelvorstellungen beeinflusste Schicht, die in der Lalîş-Liturgie kaum eine Rolle spielt [Kreyenbroek/Rashow 2005, S. 5–25; Wikipedia „Yazidism"]. Eine herausgehobene weibliche Heilige ist Xatûna Fexra, Schutzpatronin der Geburt.
Die Sieben ist die heilige Leitzahl der Êzîden: sieben Engel, sieben Sancak (Bronze-Pfauen-Standarten), die sieben Tage des Hauptfests Cejna Cemayê, die sieben Kuppeln des großen Tempels in Aknalich (Armenien). Die Vorstellung, dass die heiligen Wesen sich periodisch in Menschengestalt verkörpern (etwa Tawûsî Melek in Şêx Adî), verbindet die Engellehre unmittelbar mit der Reinkarnationslehre des nächsten Abschnitts [Kreyenbroek 2016 (Wiley); Asatrian/Arakelova 2014].
5. Zentrale Konzepte: Sünde, Reinheit, Seelenwanderung
Drei eng verflochtene Lehren prägen das êzîdîsche Welt- und Menschenbild. Sie werden hier nur im theologischen Überblick dargestellt; die rituelle Ausgestaltung steht in den Detailartikeln.
5.1 Sünde, Gut und Böse
Das Êzîdentum kennt kein eigenständig böses Prinzip und keine „Erbsünde". Da Gott keinen Gegenspieler hat, gehen Gut und Böse letztlich auf den einen göttlichen Willen zurück, und der Mensch trägt selbst die Verantwortung für seine Taten. Verfehlung gilt weniger als „Sünde gegen ein Gesetz" denn als Verletzung der gottgewollten Ordnung und Reinheit: sie kann durch rechtes Handeln und durch die Seelenwanderung ausgeglichen werden [Kreyenbroek 1995, S. 59–63; Asatrian/Arakelova 2014, S. 1–40].
5.2 Reinheit
Die Sorge um rituelle Reinheit (paqijî) durchzieht den êzîdîschen Alltag: das Kastensystem, die Heiratsregeln, die Speise- und Farb-Tabus und die Reinigung vor dem Gebet sind alle Ausdruck desselben Strebens, die von Gott gesetzte Ordnung nicht zu verunreinigen. Reinheit und Seelenwanderung gelten der Forschung als die beiden charakteristischen, einander bedingenden Grundzüge der Religion [Allison 2017 (EI³ „Yazidism"); Kreyenbroek 1995, S. 45–63].
Detailartikel. Konkrete Reinheitsregeln, Tabus und Speisegebote sind im Artikel reinheit-tabus ausgeführt (siehe auch der Überblick in Abschnitt 8).
5.3 Seelenwanderung (Kiras guhorîn)
Eine Kernlehre des êzîdîschen Glaubens ist die Seelenwanderung, genannt Kiras guhorîn (auch kirasgorîn), wörtlich „der Hemdwechsel". Die Metapher ist programmatisch: Der Körper ist nur das „Hemd" (kiras), das die unsterbliche Seele nach dem Tod ablegt, um in einen neuen Körper überzugehen. Die Seele durchläuft so eine Folge von Leben, bis sie geläutert ist; Belohnung und Läuterung geschehen also innerweltlich über die Kette der Leben, nicht primär in einem fernen Jenseitsgericht [Kreyenbroek 1995, S. 45–55; Kreyenbroek 2016 (Wiley); peacock-angel.org].
Detailartikel. Tod, Seele, Jenseitsvorstellungen, Übergangsriten und die Verkörperung der heiligen Wesen sind im Artikel tod-seele vertieft.
6. Soziale und religiöse Ordnung
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Lalîş, Şêxan, Irak: Êzîden beim Sersal (18. April 2017); im Ritual wird das Drei-Kasten-System (Mirîd / Pîr / Şêx) sichtbar. · Foto: Levi Clancy · Lizenz: CC BY-SA 4.0 · Quelle: Wikimedia Commons
Überblick + Detailartikel. Dieser Abschnitt gibt den theologisch begründeten Überblick über die soziale Ordnung. Die vollständige Darstellung, alle Şêx- und Pîr-Linien, Ämterfolge, Heiratsrecht, Diaspora-Wandel, steht im Artikel gesellschaftsordnung.
6.1 Die drei Kasten
Die êzîdîsche Gesellschaft ist in drei erbliche, endogame Kasten gegliedert. Wichtig: Es handelt sich nicht um eine Rangordnung des sozialen Werts (anders als oft missverstanden), sondern um eine Aufteilung religiöser Funktionen: jede Kaste trägt eigene Pflichten für das geistliche Wohl der ganzen Gemeinschaft. Jeder Êzîdin, auch Angehörige der geistlichen Kasten selbst, ist verpflichtet, einen zugeordneten Şêx und einen zugeordneten Pîr zu haben; diese Zuordnung ist erblich [Iranica „Yazidis i"; Wikipedia „Yazidi social organization"; Spät 2005, S. 45–60].
- Şêx (Scheich), geistliche Oberkaste, zuständig für das religiöse Wohl der Gemeinschaft. Sie gliedert sich in drei Unterlinien: Şemsanî, Adanî und Qatanî. Die Qatanî-Linie ist herausgehoben, weil aus ihr der Mîr stammen muss.
- Pîr: zweite geistliche Kaste mit ähnlichen, jedoch geringer vergüteten Aufgaben; dokumentiert sind zahlreiche Pîr-Linien.
- Mirîd: die große Laienkaste (wörtlich „Schüler, Anhänger"), der die Mehrheit der Êzîden angehört.
Konventions-Hinweis. Die Endogamie ist strikt: Êzîden heiraten nur Êzîden, und die Kastenzugehörigkeit wird respektiert. Ein Verstoß konnte traditionell zum Ausschluss aus der Gemeinschaft führen. Diese Regel ist religiös als Schutz der Reinheit begründet, hat in der Diaspora aber zunehmend Diskussionen ausgelöst [Iranica „Yazidis i"; Açıkyıldız 2010, S. 90–100].
6.2 Ämter und Würdenträger
- Mîr (Mîrê Êzîdîyan), höchste politisch-religiöse Autorität, Nachfolger Şêx Adîs, mit Sitz in Şêxan; stammt aus der Qatanî-Linie.
- Babê Şêx (Extiyarê Mergehê), höchstes spirituelles Oberhaupt; muss aus der Şemsanî-/Fexredîn-Linie stammen und bleibt auf Lebenszeit im Amt.
- Peşîmam: vom Mîr ernannter, erblicher Hochzeitspriester.
- Qewwal (Qewal), erbliche Sänger der heiligen Hymnen, traditionell aus den zwei Gruppen der Dimlî (kurmancî-sprachig) und Tazhî (arabisch-sprachig), beide aus Başîqa und Bahzanê; Hüter der mündlichen Überlieferung. Ihre Instrumente sind die Rahmentrommel def und die Flöte şibab.
- Feqîr: Asket im schwarzen Wollgewand (xerqe) mit rotem Gürtel; verkörpert religiöse Reinheit.
- Koçek: Seher und Heiler unter Leitung des Babê Şêx.
[Iranica „Yazidis i"; Wikipedia „Yazidi social organization"; Allison 2001, S. 40–55]
6.3 Geistliche Verwandtschaft
Über die Blutsverwandtschaft hinaus kennt die êzîdîsche Ordnung gestiftete spirituelle Verwandtschaft:
- Birayê / Xuşka Axretê („Bruder / Schwester des Jenseits"), eine lebenslange spirituelle Geschwisterbeziehung, die in der Jugend gestiftet wird und die Person durch alle Übergangsriten bis ins Jenseits begleitet. Dieses Institut ist eziden-eigen und hat im Kurmancî keine Entsprechung [Wikipedia „Yazidi social organization"; Iranica „Yazidis ii"].
- Kerîv / Kirîv: der „Pate" bei der Beschneidung, der eine dauerhafte, quasi-verwandtschaftliche soziale Bindung zwischen zwei Familien stiftet [Allison 2001, S. 50–55].
7. Glaubenspraxis im Überblick
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Anzünden heiliger Öl-Lampen (çira) beim Sersal-Fest in Lalîş; das Lichtritual symbolisiert die Verbindung zur Sonne und zu Tawûsî Melek. · Foto: Levi Clancy · Lizenz: CC BY-SA 4.0 · Quelle: Wikimedia Commons
Überblick + Detailartikel. Dieser Abschnitt skizziert die Glaubenspraxis im Überblick. Vertiefung: Gebetszeiten, -richtung und Waschung im Artikel gebet-praxis; das Festjahr in festkalender; die Reinheitsregeln in reinheit-tabus; die heiligen Orte in heiligtuemer-weltweit und lalish.
7.1 Gebet und Sonnenausrichtung
Die frommsten Êzîden beten an festen Tageszeiten, besonders bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. Vor dem Gebet werden Hände und Gesicht gewaschen; gebetet wird mit gekreuzten Armen, dem Licht der Sonne zugewandt. Die Gebete richten sich an Tawûsî Melek bzw. an Şêx Şems (die Sonne). Die Sonne und das Feuer gelten als heilig [Iranica „Yazidis i"; servantgroup.org; Açıkyıldız 2010, S. 100–110].
7.2 Taufe: Mor kirin
Die zentrale Initiation ist das Mor kirin („Siegeln"): Ein Kind wird getauft, indem ihm dreimal heiliges Wasser aus der Kaniya Sipî („Weiße Quelle") in Lalîş, ersatzweise aus der Zimzim-Quelle, über den Kopf gegossen wird. Idealerweise geschieht dies in Lalîş; ist eine Reise dorthin nicht möglich, kann das Ritual später nachgeholt werden [Iranica „Yazidis ii"; Wikipedia „Yazidism"].
Weitere Lebenszyklus-Riten sind die Beschneidung (mit dem Kerîv als Paten) sowie die Hochzeit (dawet) mit eigenen Bräuchen wie der Brautwerbung (xwazgînî) und dem Wunschbaum (dara mirazê).
7.3 Feste und Fasten
Das Festjahr ist solar geprägt und folgt traditionell dem julianischen Schema (ausführlich im Wiki-Artikel Festkalender). Die Höhepunkte:
- Sersal / Çarşema Sor („Roter Mittwoch"), das Neujahrs- und Schöpfungsfest am ersten Mittwoch ab dem 14. April (gregorianisch). Es feiert die Erschaffung der Welt und das Herabkommen Tawûsî Meleks [Wikipedia „Yazidi New Year"; Açıkyıldız 2010, S. 130–140].
- Cejna Cemayê („Versammlungsfest"), das siebentägige Hauptfest im Oktober in Lalîş, eine Wallfahrt zum Grab Şêx Adîs mit dem rituellen Stieropfer (Qebaxgêran) und dem geweihten Gemeinschaftsmahl (simat).
- Cejna Êzî (Eyda Êzî), das Fest zu Ehren Sultan Êzîs im Dezember, dem ein dreitägiges Pflichtfasten (Di–Do) vorausgeht.
- Çile Havîn / Çile Zivistan: die beiden vierzigtägigen Asketenfasten im Hochsommer und Winter, die ausschließlich von der Geistlichkeit (Babê Şêx und Asketen) gehalten werden.
- Eyda Xidir Nebî û Elyas: das „Wunschfest" im Februar, verbunden mit Bitt- und Liebeswünschen.
Das Tawûsgêran schließlich war historisch die Prozession der Qewals, die mit dem Sancak (Bronzepfau) durch die Dörfer zogen, heute selten geworden, aber identitätsgeschichtlich zentral [Spät 2005, S. 95–130].
7.4 Tanz, Musik und Talismane
Beim Fest wird der heilige Tanz Sema aufgeführt; die Qewals begleiten ihn mit def und şibab. Viele Êzîden tragen als Schutz einen Berat: eine kleine Tonkugel aus Lalîş-Erde und Zimzim-Wasser [Wikipedia „Cejna Cemayê"; Omarkhali 2017, S. 60–80].
8. Reinheit, Tabus und Speisegebote
Die Sorge um rituelle Reinheit durchzieht den êzîdîschen Alltag und ist eng mit der Reinkarnationslehre verbunden (siehe Abschnitt 5). Sie äußert sich im Kastensystem, in Heiratsregeln und in einer Reihe von Tabus [Allison 2017 (EI³ „Yazidism"); Kreyenbroek 1995, S. 59–63]. Der folgende Überblick nennt die bekanntesten Tabus; Umfang und Strenge variieren stark und sind im Artikel reinheit-tabus ausführlich dargestellt.
- Sprach-Tabu. Das arabische Wort für „Satan" wird nicht ausgesprochen, da es als Beleidigung Tawûsî Meleks gälte. Regional werden auch ähnlich klingende Wörter (z. B. şer, na’l, kîtan) gemieden, die Quellen sind sich über den Umfang dieser Meidung uneinig.
- Speise-Tabus. Verbreitet sind Verzichte auf Kopfsalat (xas/kas, gemieden wegen des Gleichklangs mit xas, „heilige Person"), Schweinefleisch, Fisch (aus Respekt vor der Yûnis-/Jona-Tradition) sowie regional Gazelle. Umfang und Strenge variieren von Region zu Region und Familie zu Familie [Wikipedia „Yazidism"; Iranica „Yazidis i"].
- Farb-Tabu Blau. Blau gilt als Farbe Tawûsî Meleks und wird traditionell in der getragenen Kleidung gemieden. Das Tabu betrifft jedoch nicht jede rituelle Farbsymbolik (zu Sersal werden Eier u. a. blau gefärbt), und es wird in Şingal strenger befolgt als im Kaukasus, die Quellen sind hier nicht einheitlich [Wikipedia „Yazidism"; Britannica „Yazidi"].
9. Heiligtümer und heilige Orte
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Lalîş, Şêxan, Irak: das Hauptheiligtum mit den charakteristischen konischen Türmen; wichtigstes Pilgerziel der Êzîden. · Foto: Luay Qassim Hassan · Lizenz: CC BY-SA 4.0 · Quelle: Wikimedia Commons
Detailartikel. Ausführlich zu den heiligen Orten: heiligtuemer-weltweit; speziell zum Hauptheiligtum: lalish.
- Lalîş (Lalişa Nûranî, „Lalîş des Lichts"), das heiligste Tal der Êzîden, rund 60 km nördlich von Mossul; es birgt das Mausoleum Şêx Adîs, die Kaniya Sipî (Taufquelle), die Zimzim-Quelle und die symbolisch dreimal überquerte Pira Silat (Brücke des Übergangs). Lalîş ist zugleich geografischer, theologischer und ritueller Mittelpunkt der êzîdîschen Welt, vergleichbar mit der Funktion Mekkas oder Roms. Jeder Êzîdin soll Lalîş wenigstens einmal im Leben besuchen [Wikipedia „Lalish"; Kreyenbroek/Rashow 2005, S. 15–25].
- Şingal (Sinjar): die traditionelle Bergheimat vieler Êzîden in Nordwest-Irak; 2014 Schauplatz des Völkermords durch den sogenannten „Islamischen Staat" (siehe Wiki-Artikel Fermane).
- Quba Mêrê Dîwanê in Aknalich (Armenien, 2019 eingeweiht), der größte Êzîden-Tempel der Welt; seine sieben Kuppeln verweisen auf die sieben Engel. Weitere bedeutende Tempel der Diaspora stehen in Aknalich (Ziaret, 2012) und Tbilisi (Sultan-Êzîd-Tempel, 2015) [Wikipedia „Quba Mêrê Dîwanê"; „Yazidis in Armenia"].
10. Mündliche Überlieferung und heilige Texte

Kitêba Cilwe (Buch der Offenbarung): Faksimile. Die eigentliche religiöse Tradition wird jedoch mündlich in Qewls weitergegeben. · Lizenz: Public Domain · Quelle: Wikimedia Commons
Das geistige Herz der Religion ist die mündliche Überlieferung. Wichtigste Gattung sind die Qewl (Sg. Qewl, „Wort, Spruch"), heilige Hymnen, die von den Qewwal vorgetragen und über Generationen erblich weitergegeben werden. Sie sind die eigentliche „Schrift" der Êzîden. Khanna Omarkhalis grundlegende Studie unterscheidet zahlreiche Gattungen der religiösen Dichtung: neben Qewl die Beyt (kürzere religiöse Gedichte/Lieder), Qeside, Du’a und längere Bittformen wie Dirozge sowie das Glaubensbekenntnis Şehdetiya Dîn; ihr Korpus verzeichnet über 1.150 religiöse Texte samt Varianten [Omarkhali 2017, S. 50–140; Allison 2001, S. 26–80; Wikipedia „Yazidi literature"].
Zur Überlieferung gehört, dass viele Qewls göttlichen oder heiligen Ursprung beanspruchen (zugeschrieben den heiligen Wesen, nicht menschlichen Autoren) und dass ihr Verständnis durch erläuternde Prosa-Stücke (çîrok, pişt-perde) und durch das auswendig gelernte Lehrstück sebeq gestützt wird. Die Tradition war jahrhundertelang bewusst nicht verschriftlicht: auch um sie vor Außenstehenden zu schützen [Omarkhali 2017, S. 30–140; Iranica „Qawl"; Kreyenbroek/Rashow 2005, S. 25–60].
Detailartikel. Die Gattungen, Vortragsweise, der Sebeq-Unterricht und die historische Verschriftlichung sind im Artikel qewl-tradition vertieft; Textbeispiele mit Übersetzung im Artikel qewl-texte.
Konventions- und Quellenhinweis. Die beiden oft genannten „Bücher", Mishefa Reş („Schwarzes Buch") und Kitêba Cilwe („Buch der Offenbarung"), wurden erst 1911/1913 publiziert. Die Forschung ist sich weitgehend einig, dass diese Manuskripte Fälschungen durch Nicht-Êzîden für ein westliches Publikum waren; ihr Inhalt spiegelt jedoch teilweise authentische êzîdîsche Vorstellungen. Êzîden selbst bewerten sie unterschiedlich: Manche akzeptieren sie, andere erkennen ausschließlich die Qewl-Tradition an [Kreyenbroek 1995, S. 10–17; Omarkhali 2017, S. 30–45; Wikipedia „Yazidism"].
Seit 2013 wird zudem die historische, eigenständige Êzîdî-Schrift (13.–17. Jh.) vom Geistlichen Rat in Tbilisi für religiöse Texte wiederbelebt [Wikipedia „Yezidi script"].
11. Verhältnis zu anderen Religionen
Das Êzîdentum ist in einer Region entstanden und gewachsen, in der Islam, Christentum, Judentum und altiranisch-mesopotamische Traditionen aufeinandertrafen. Sein Verhältnis zu diesen Religionen ist doppelt: theologische Abgrenzung bei gleichzeitiger Aufnahme einzelner Motive.
- Islam. Êzîden grenzen sich bewusst ab (eigenes Gottes-Vokabular Xwedê statt Allah, eigener Gruß, eigene Feste) und weisen die jahrhundertelange Fremdzuschreibung als „Teufelsanbeter" oder „häretische Muslime" entschieden zurück. Zugleich ist unstrittig, dass die Gemeinschaft im 12. Jh. durch den Sufi Şêx Adî geprägt wurde und einzelne Begriffe und Engelnamen islamischer Herkunft in sekundären Überlieferungsschichten erscheinen [Açıkyıldız 2010, S. 35–50; Kreyenbroek 1995, S. 1–17].
- Christentum. Einige Riten erinnern oberflächlich an christliche Praxis (Taufe mit heiligem Wasser, Wein bei bestimmten Anlässen, Verehrung von Heiligen-Gräbern); die Forschung wertet diese Ähnlichkeiten als Nachbarschafts-Phänomene einer gemeinsamen Region, nicht als Abhängigkeit [Açıkyıldız 2010; Spät 2005].
- Zoroastrismus / Yarsan (Ahl-e Haqq). Die strukturell engste Verwandtschaft besteht nicht zum Islam, sondern zur westiranischen religiösen Welt: Mit dem Yarsan-Glauben teilen die Êzîden Engellehre, zyklisches Zeitverständnis, Reinkarnation und die Figur eines mit dem „Teufel anderer Religionen" verwechselten, aber keineswegs bösen Engels [Kreyenbroek 2016 (Wiley „Yezidi and Yarsan Traditions"); Asatrian/Arakelova 2014]. Eine direkte Ableitung „aus dem Zoroastrismus" gilt jedoch als überholt (siehe Abschnitt 12).
Detailartikel. Die ausführliche Gegenüberstellung mit Islam, Christentum, Zoroastrismus und Yarsan steht im Artikel nachbarreligionen; mythologische Parallelen in mythologie-symbolik.
12. Religionswissenschaftliche Einordnung
Die Herkunft der êzîdîschen Religion ist Gegenstand einer lebhaften, bis heute offenen Forschungsdebatte. Die wichtigsten Positionen lassen sich so zusammenfassen, sie sind als Forschungspositionen zu verstehen, nicht als gesicherte Fakten:
- „Iranische Grundschicht" (Kreyenbroek). Philip Kreyenbroek argumentiert, dass hinter Êzîdentum und der verwandten Yarsan-/Ahl-e-Haqq-Tradition ein gemeinsames, vorislamisch-iranisches, aber nicht-zoroastrisches Religionssystem stehe, in dem eine demiurgische Gestalt (er nennt Mithra) zentral gewesen sei. Beide Traditionen hätten Spuren dieses Systems bewahrt [Kreyenbroek 1995, S. 1–17; Kreyenbroek 2016 (Wiley „Yezidi and Yarsan Traditions")].
- Sufisch-islamische Überformung. Unstrittig ist, dass die historische Gestalt Şêx Adîs und die Organisation der Gemeinschaft im 12. Jahrhundert sufische Elemente einbrachten (Adî gehörte einem sufischen Umfeld an); die Religion entwickelte sich danach jedoch eigenständig von der islamischen Mystik weg [Açıkyıldız 2010, S. 35–50].
- Kritik am „Synkretismus"-Etikett. Neuere Arbeiten (u. a. Spät, Omarkhali) warnen davor, Êzîdentum vorschnell als bloße „synkretistische" Mischung aus Islam, Christentum und Zoroastrismus zu beschreiben. Die ältere Forschung habe es zu oft als „häretischen Islam" verkannt; tatsächlich handle es sich um eine eigenständige Tradition mit eigener innerer Logik, die sich gerade durch transnationale Vernetzung zu einer bewussten „Orthodoxie" ausforme [Spät 2005; „Yezidism between Scholarly Literature and Actual Practice" 2013].
- Yarsan-Parallelen (Asatrian & Arakelova). Garnik Asatrian und Victoria Arakelova betonen die strukturellen Gemeinsamkeiten mit dem Yarsan-Glauben (Engellehre, zyklisches Zeitverständnis, Reinkarnation) und ordnen beide einer gemeinsamen westiranischen religiösen Welt zu [Asatrian/Arakelova 2014].
Fazit der Forschung (vorsichtig formuliert): Die êzîdîsche Religion ist weder eine islamische Sekte noch schlicht „Zoroastrismus". Sie besitzt altiranisch-mesopotamische Wurzeln, eine im 12. Jahrhundert durch Şêx Adî geprägte Gestalt und eine eigenständige, mündlich getragene Theologie. Pauschale Ableitungen, ob „aus dem Islam" oder „aus dem Zoroastrismus", gelten heute als überholt [Kreyenbroek 1995; Spät 2005; Açıkyıldız 2010].
13. Zeitgenössische theologische Debatten und Reform
Migration, Diaspora und der Völkermord von 2014 haben in der Gemeinschaft eine Reihe von Debatten ausgelöst, die unmittelbar theologisch sind und in der Forschung intensiv beobachtet werden.
- Verschriftlichung und Kanon. Die jahrhundertealte Norm, die Tradition rein mündlich weiterzugeben, gerät unter Druck: Geistliche Räte (u. a. in Tbilisi und im Irak) und Wissenschaftler*innen sammeln, transkribieren und veröffentlichen Qewls; manche befürworten einen geschriebenen Kanon zur Bewahrung, andere sehen darin einen Bruch mit dem Wesen der Religion. Omarkhali beschreibt diesen Übergang „von mündlich zu schriftlich" als die prägende Transformation der Gegenwart [Omarkhali 2017, S. 30–45, 140 ff.].
- Wiederaufnahme nach dem Völkermord. In Reaktion auf die Versklavung êzîdîscher Frauen durch den sogenannten „Islamischen Staat" hob der Babê Şêx 2014/2015 in Lalîş die jahrhundertealte Regel auf, nach der ein erzwungener Kontakt mit Nicht-Êzîden zum Ausschluss führte: Überlebende Frauen wurden durch ein Segnungsritual ausdrücklich wieder in die Gemeinschaft aufgenommen. Über die ebenfalls geforderte Aufnahme der dabei geborenen Kinder wird weiter gerungen [UNHCR 2019; „Changes in the Yazidi Society and Religion after the Genocide" 2019].
- Endogamie, Kaste und Mischehen. In der Diaspora stellen jüngere Êzîden die strikte Endogamie und das Heiratsverbot zwischen den Kasten zunehmend in Frage, eine Spannung zwischen religiös begründeter Reinheit und individuellen Lebenswirklichkeiten, die die Gemeinschaft noch nicht abschließend gelöst hat [„Changes in the Yazidi Society…" 2019; Spät 2005].
- Religion in der Zerstreuung. Studien zur Diaspora zeigen, dass die Religion in der Fremde teils erstaunlich stabil bleibt, teils „neu erfunden" wird, Rituale werden an Tempel in Armenien, Georgien und Deutschland verlagert, und die Frage nach religiöser Autorität ohne unmittelbaren Zugang zu Lalîş wird neu verhandelt [„Faith in displacement", Religion 2025].
Einordnung. Diese Debatten sind innerêzîdîsch und werden von den Gläubigen und ihren geistlichen Autoritäten selbst geführt; das Wiki dokumentiert sie, ohne Partei zu ergreifen.
14. Êzdîkî-Glossar (Kernbegriffe)
Auswahl der wichtigsten religiösen Begriffe in lateinischer Bedirxan-Schrift. Begriffe, die eziden-eigen sind oder von gleichlautenden Kurmancî-Wörtern bewusst abweichen, sind mit ★ markiert. Eine ausführliche Vokabel- und Alltagssammlung steht in den Wiki-Artikeln Grammatik-Tabellen und Festkalender.
| Êzdîkî | Deutsch | Anmerkung |
|---|---|---|
| Xwedê / Êzdan ★ | Gott | transzendenter Schöpfergott; im Alltag nicht „Allah" (derselbe eine Schöpfer; „Ellah" ist ein selten gebrauchter Gottesname) |
| Tawûsî Melek / Melekê Tawûs ★ | Pfauen-Engel | höchster der 7 Engel, Herr der Welt; nicht der Teufel |
| Heft Sirr / Heft Sur ★ | die 7 heiligen Wesen | „Sieben Mysterien"; inneres Detail ist Tabu |
| Sultan Êzî / Êzîd ★ | Manifestation Gottes | Namensgeber der Êzîden |
| Şêx Adî (ibn Misafir) ★ | Reformfigur (gest. ~1162) | Mausoleum in Lalîş |
| Şêx Şems / Şêşims ★ | Engel der Sonne/des Feuers | Gebetsrichtung Sonne |
| Kiras guhorîn ★ | Seelenwanderung | „Hemdwechsel"; Reinkarnation |
| Mor kirin ★ | Taufe / „Siegeln" | Wasser aus Kaniya Sipî |
| Mîr / Mîrê Êzîdîyan ★ | Fürst der Êzîden | aus der Qatanî-Linie |
| Babê Şêx ★ | höchstes geistliches Oberhaupt | aus Şemsanî-/Fexredîn-Linie |
| Şêx / Pîr / Mirîd ★ | die 3 erblichen Kasten | strikt endogam |
| Qewwal ★ | Sänger der heiligen Hymnen | aus Dimlî (kurmancî) / Tazhî (arabisch), Başîqa + Bahzanê |
| Feqîr / Koçek ★ | Asket / Seher-Heiler | religiöse Reinheit |
| Birayê / Xuşka Axretê ★ | Bruder/Schwester des Jenseits | gestiftete geistliche Geschwister |
| Kerîv / Kirîv ★ | Beschneidungspate | stiftet Familienbund |
| Qewl / Beyt ★ | heilige Hymne / rel. Gedicht | mündliche Überlieferung |
| Mishefa Reş / Kitêba Cilwe ★ | „Schwarzes Buch" / „Buch der Offenbarung" | Manuskripte umstritten |
| Sersal / Çarşema Sor ★ | Neujahr / „Roter Mittwoch" | nicht Newroz |
| Cejna Cemayê ★ | Versammlungsfest (Okt.) | 7 Tage in Lalîş |
| Cejna Êzî / Eyda Êzî ★ | Fest Sultan Êzîs (Dez.) | 3 Tage Pflichtfasten |
| Çile Havîn / Çile Zivistan ★ | 40-Tage-Fasten Sommer/Winter | nur Geistlichkeit |
| Lalîş ★ | zentrales Heiligtum | Tal bei Mossul |
| Berat ★ | Schutz-Talisman | Lalîş-Erde + Zimzim-Wasser |
| Sancak / Sinjaq ★ | Pfauen-Standarte | 7 Bronze-Pfauen |
| Silav | Gruß „Friede" | eziden-tauglich, nicht-islamisch |
| Pîroz | heilig / gesegnet | Cejna te pîroz be! = „Gesegnetes Fest!" |
Quellen
| Nr. | Quelle | Trust |
|---|---|---|
| 1 | Kreyenbroek, P. G. (1995) Yezidism: Its Background, Observances and Textual Tradition, Edwin Mellen Press, ISBN 0-7734-9004-3, Verlag · WorldCat | A |
| 2 | Kreyenbroek, P. G. & Rashow, Kh. J. (2005) God and Sheikh Adi are Perfect: Sacred Poems and Religious Narratives from the Yezidi Tradition, Harrassowitz (Iranica 9), ISBN 978-3-447-05300-6 | A |
| 3 | Allison, C. (2001) The Yezidi Oral Tradition in Iraqi Kurdistan, Curzon, ISBN 0-7007-1397-2 | A |
| 4 | Allison, C. (2017) „Yazidism", Encyclopaedia of Islam THREE (EI³), Brill, Brill | A |
| 5 | Omarkhali, Kh. (2017) The Yezidi Religious Textual Tradition: From Oral to Written. Categories, Transmission, Scripturalisation and Canonisation of the Yezidi Oral Religious Texts, Harrassowitz (Studies in Oriental Religions 72), ISBN 978-3-447-10856-0, Verlag · Inhalt PDF | A |
| 6 | Açıkyıldız, B. (2010) The Yazidis: The History of a Community, Culture and Religion, I.B. Tauris, ISBN 978-1-848-85274-7 | A |
| 7 | Spät, E. (2005) The Yezidis, Saqi Books, ISBN 978-0-86356-593-4 (Vorwort: P. Kreyenbroek) | A |
| 8 | Rodziewicz, A. (2014) „And the Pearl Became an Egg: The Yezidi Red Wednesday and Its Cosmogonic Background", Iran & Caucasus 18(4); ders. zu Heft Sur in Fritillaria Kurdica | A |
| 9 | Asatrian, G. & Arakelova, V. (2014) The Religion of the Peacock Angel: The Yezidis and Their Spirit World, Acumen/Routledge, ISBN 978-1-844-65761-2, Routledge | A |
| 10 | Kreyenbroek, P. G. (2016) „The Yezidi and Yarsan Traditions", in M. Stausberg/Y. Vevaina (Hg.) The Wiley Blackwell Companion to Zoroastrianism, Wiley, Kap. 32, Wiley · PDF | A |
| 11 | Encyclopaedia Iranica, „Yazidis i. General" (Kreyenbroek) · „Yazidis ii. Initiation" · „Qawl" · „Jelwa, Ketāb al-" | A |
| 12 | „Changes in the Yazidi Society and Religion after the Genocide, A Growing Rapprochement with Human Rights?" (2019), Open Journal of Social Sciences, SCIRP | B |
| 13 | „Faith in displacement: vernacular stability and the reinvention of Yazidi religion in exile" (2025), Religion, T&F | B |
| 14 | UNHCR (2019) „Yazidi women welcomed back to the faith", UNHCR | B |
| 15 | Wikipedia, „Yazidism", „Tawûsî Melek", „Yazidi social organization", „Yazidi literature", „Lalish", „Quba Mêrê Dîwanê", „Yazidis in Armenia", „Yezidi script", „Yazidi New Year", „Cejna Cemayê", „Gathering of the spiritual" | C |
| 16 | peacock-angel.org, Reincarnation / Yezidi tradition resources (E. Spät zit.) | B |
| 17 | servantgroup.org, „Yezidi Theology, Oral Tradition, and Ritual" | C |
| 18 | Encyclopaedia Britannica, „Yazidi" | C |
| 19 | Lalish Temple, UNESCO World Heritage Tentative List | B |
Trust: A = peer-reviewed akademisch · B = institutionell/NGO/anerkannte Community · C = journalistisch/Online-Übersicht.
Stand: 2026-06-16 · Êzîdî-Konventionen: Tawûsî Melek ≠ Teufel · Xwedê ≠ Allah · Sersal ≠ Newroz · Eigennamen lateinisch (Lalîş, Şêx Adî, Tawûsî Melek) · Heft-Sirran-Tabu respektiert.
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