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Schöpfung und Kosmogonie im Êzîdîtum
Die Schöpfungslehre (Kosmogonie) bildet das theologische Herzstück des Êzîdîtums (auch Yeziden oder Jesiden). Sie erzählt, wie der eine Gott Xwedê aus seinem eigenen Licht zunächst die weiße Perle (Dur / Durr) und die Sieben Mysterien (Heft Sirr / Heft Sur) hervorbrachte und wie aus der zerborstenen Perle die materielle Welt entstand. Anders als die abrahamitischen Schöpfungsberichte ist die êzîdîsche Kosmogonie keine Erschaffung aus dem Nichts (creatio ex nihilo), sondern eine Emanation: Das Geschaffene fließt stufenweise aus dem Göttlichen hervor. Die Erzählung wird nicht in einem einzigen kanonischen Text festgehalten, sondern lebt in den mündlich überlieferten Qewl (sakralen Hymnen) und ihren Begleiterzählungen (çîrok) und existiert daher in mehreren, teils abweichenden Versionen (Kreyenbroek 1995; Omarkhali 2017; Spät 2010).
Wichtig vorweg: Tawûsî Melek ist in der êzîdîschen Schöpfungslehre der oberste der sieben heiligen Wesen und das demiurg-nahe schöpferische Prinzip, niemals ein „Teufel", „Iblis", „Şeytan" oder gefallener Engel. Gerade bei einem Schöpfungs- und Engelthema ist diese Unterscheidung zentral: Im êzîdîschen Kosmos gibt es kein widergöttliches Prinzip, das erschaffen oder gefallen wäre. Die Gleichsetzung mit dem Teufel stammt aus polemischer Fremdliteratur und widerspricht den êzîdîschen Quellen vollständig (Kreyenbroek 1995; Asatrian & Arakelova 2014). Siehe ausführlich /wiki/tawusi-melek.
1. Xwedê: der eine Gott und der Ursprung
Im Zentrum steht Xwedê (auch Xwedawend, Êzdan, Padîşah), der eine, einzige Gott. Er ist absolut transzendent, unbegreiflich und in seinem Wesen unzugänglich; nach der Hymnentradition trägt er „1.001 Namen" (in anderen Überlieferungen 3.003 Namen). Charakteristisch für das êzîdîsche Gottesbild ist, dass Xwedê die Welt zwar ins Dasein ruft, sie aber nicht selbst unmittelbar lenkt: Die Schöpfung und Verwaltung des Kosmos überträgt er den Heft Sirr, den sieben heiligen Wesen, die aus seinem Licht hervorgehen und Anteil an seiner göttlichen Essenz (sûr, sirr) haben (Kreyenbroek 1995; Omarkhali 2017).
Die êzîdîsche Theologie ist damit streng monotheistisch und nicht-dualistisch: Es gibt nur einen Gott, keine ihm ebenbürtige Gegenmacht, und folglich auch kein eigenständiges, absolutes Böses. Diese Grundstruktur unterscheidet das Êzîdîtum fundamental von dualistischen Systemen und ist der Schlüssel zum Verständnis der gesamten Schöpfungserzählung (Asatrian & Arakelova 2014). Mehr zum Glaubenssystem unter /wiki/religion.
2. Die weiße Perle (Dur / Durr): die Urmaterie
2.1 Gott in der Perle
Am Anfang, in einem zeit- und raumlosen „Vor-Ewigkeits"-Zustand, schuf Xwedê aus seinem eigenen Licht bzw. seiner eigenen Seele eine weiße Perle (kurmancî Dur oder Durr, vgl. arabisch durr, „Perle"). In dieser Perle ruhte die ganze Welt verborgen und unentfaltet, ein in sich geschlossener, lichtdurchfluteter Urzustand, in dem das Göttliche und das künftig Geschaffene noch ungetrennt beieinanderlagen. Nach mehreren Überlieferungen verharrte die Welt in diesem winzigen, eingeschlossenen Zustand über eine symbolische „magische" Zeitspanne hinweg, oft mit der Zahl vierzig oder vierzigtausend Jahren angegeben (Kreyenbroek 1995; Spät 2010; Omarkhali 2017).
2.2 Das Zerbersten und der Urozean
Die Schöpfung der materiellen Welt setzt mit dem Zerbrechen der Perle ein. Als Xwedê sich von der Perle löste (in manchen Versionen durch einen gewaltigen Ruf oder Schrei), zerbarst sie, und es entfaltete sich eine kosmische Kettenreaktion: Aus dem weißen Licht der Perle traten die Urfarben hervor, und gewaltige Wellen bildeten den primordialen Ozean, aus dem alle weitere Existenz floss. Aus den zerstreuten Bruchstücken der Perle entstanden Erde, Himmel und Gestirne (Spät 2010; Kreyenbroek 1995).
Die Perle ist damit die zentrale Urmaterie der êzîdîschen Kosmogonie. Der Religionswissenschaftler Artur Rodziewicz hat in seiner Monografie Eros and the Pearl (2022/2023) gezeigt, dass dieses Perlenmotiv im Geflecht spätantiker und mystischer Traditionen steht und das Bild von Perle und kosmischer Liebe mit dem orphischen Motiv von Ei und Eros parallelisierbar ist, als mögliche, in der Forschung diskutierte Bezugslinie, nicht als gesicherte Ableitung (Rodziewicz 2023).
2.3 Die Perle als Urzustand: Stufenmodell, Dur–Nûr–Sûr und Çarşema Sor
Die Forschung gliedert die êzîdîsche Kosmogonie um die Perle herum in mehrere Stufen. Eszter Spät und Artur Rodziewicz unterscheiden im Kern drei Phasen: (1) den raum- und zeitlosen Vor-Ewigkeits-Zustand, in dem die noch ungeöffnete Perle (Dur) Gott und die verborgene Welt umschließt; in der Forschungsliteratur wird dieser unentfaltete Urzustand teils mit dem kurdischen Begriff Enzel (Ezel, „Vor-Ewigkeit") gefasst; (2) das Zerbersten der Perle und das Hervortreten von Licht, Farben und Urozean; (3) die Anthropogonie, die Festigung der Erde und die Erschaffung des Menschen. Die Weiße Perle ist in diesem Modell nicht eine bloße Episode am Anfang, sondern das Strukturprinzip der gesamten Schöpfungslehre: Sie markiert die Schwelle zwischen dem verborgenen, unentfalteten Göttlichen und der entfalteten, geordneten Welt (Spät 2010; Spät 2016; Rodziewicz 2023).
Theologisch trägt die Perle das zentrale Geheimnis Gottes. Rodziewicz hat herausgearbeitet, dass die êzîdîsche Schöpfungsvorstellung um eine Trias verwandt klingender Begriffe kreist: Dur (die Perle), Nûr (das Licht) und Sûr/Sirr (das göttliche Mysterium, die Essenz). In der Perle war das Licht Gottes verborgen; mit ihrem Zerbersten wird dieses Geheimnis, die „Sûra Xwedê" (das Mysterium Gottes), in die Welt ausgestreut und in den sieben heiligen Wesen (Heft Sirr) wirksam. Die Perle ist damit zugleich Urmaterie und Träger des göttlichen Geheimnisses, was die enge Verbindung zwischen dem Perlenmotiv (Abschnitt 2) und der Heptade (Abschnitt 3) erklärt (Rodziewicz 2014; Rodziewicz 2023; Omarkhali 2017).
Dieser kosmogonische Urzustand wird im êzîdîschen Festkalender rituell vergegenwärtigt: Das Neujahrsfest Çarşema Sor („Roter Mittwoch", erster Mittwoch im April nach dem östlichen Kalender) gilt in der Deutung Rodziewiczs als symbolische Wiederholung der ersten Schöpfungsschritte, des Übergangs aus der dunklen Unbestimmtheit hin zum Erscheinen der lichten Perle, die Farben annimmt und zerbricht. Damit ist die Weiße Perle nicht nur Mythos-Element, sondern lebendiger Bezugspunkt der gelebten Religion (Rodziewicz 2016, „And the Pearl Became an Egg"; Spät 2010). Zum Festkalender siehe /wiki/feste.
3. Die Heft Sirr / Sieben Mysterien (Heft Sur)
3.1 Die heilige Heptade
Vor oder während der Entfaltung der materiellen Welt rief Xwedê die Heft Sirr ins Dasein, die „Sieben Geheimnisse" bzw. „Sieben Mysterien". Sie werden auch Heft Sur genannt; in der englischsprachigen Forschung ist die Schreibung Haft Sirr / He Sur gebräuchlich. Es handelt sich um eine Heptade sieben heiliger Wesen (oft „Engel" genannt), die aus dem Licht Gottes emanieren, Anteil an seiner Essenz haben und denen Xwedê die Lenkung und Bewahrung der Welt anvertraut. Nach der Tradition schloss Gott mit ihnen einen Bund (Kovenant) und übertrug ihnen „alle Angelegenheiten der Welt" (Kreyenbroek 1995; Allison, Encyclopædia Iranica).
Ein für die êzîdîsche Theologie kennzeichnendes Wortspiel verbindet die Schlüsselbegriffe: sur / sirr („Mysterium, Essenz"), dur („Perle") und das sufische sirr („das innerste Geheimnis der Seele") klingen nahezu gleich. Diese Klangverwandtschaft ist kein Zufall, sondern trägt die theologische Aussage, dass die sieben Wesen Träger desselben göttlichen Geheimnisses sind, das in der Perle verborgen war (Rodziewicz 2014; Omarkhali 2017).
3.2 Tawûsî Melek als oberstes der sieben Wesen
Unter den sieben nimmt Tawûsî Melek (der „Pfauenengel") den ersten und höchsten Rang ein. Er ist der Anführer der Heft Sirr, der „Herr dieser Welt" (Padîşahê) und der demiurg-nahe Vollstrecker des göttlichen Schöpfungswillens: das aktive, ordnende Prinzip, durch das die transzendente Absicht Xwedês in der materiellen Welt verwirklicht wird. In mehreren Versionen formt Tawûsî Melek nach Bestehen einer Prüfung den Kosmos aus der zerborstenen Perle bzw. dem „Welt-Ei". Seine Verehrung ist niemals Verehrung einer zweiten Gottheit, sondern Verehrung des einen Xwedê, dessen sichtbarer, wirkender Ausdruck er ist (Kreyenbroek 1995; Açıkyıldız 2010). Ausführlich unter /wiki/tawusi-melek.
3.3 Die Identitäten der Sieben
Die Forschung benennt die sieben heiligen Wesen anhand der Qewls und der religiösen Überlieferung. Neben Tawûsî Melek als oberstem werden in der heutigen Tradition vor allem folgende Gestalten als die Heft Sirr bzw. ihre irdischen Manifestationen genannt (Kreyenbroek 1995; Allison, Encyclopædia Iranica; Rodziewicz 2014):
| Heiliges Wesen | Rolle / Manifestation |
|---|---|
| Tawûsî Melek | Pfauenengel, oberstes der Heft Sirr, „Herr dieser Welt" |
| Şêx Adî (Şêx Adî ibn Misafir) | irdische Inkarnation des göttlichen Mysteriums; in Lalîş begraben |
| Şêx Hesen (Şêx Sin) | „Şêx Sin"; verbunden mit Weisheit/Schrift; eigenes geistliches Geschlecht |
| Şemsedîn (Şêx Şems) | mit der Sonne assoziiertes lichthaftes Wesen |
| Fexredîn | Bewahrer/Ordnungsprinzip |
| Sicadîn (Sêcadîn) | eines der vier „Söhne"-Wesen der Triade |
| Nasirdîn (Nasredîn) | eines der vier „Söhne"-Wesen der Triade |
Die genaue Zuordnung schwankt zwischen den Überlieferungen, teils werden andere Gestalten (etwa Sultan Êzî als göttliche Manifestation) mitgezählt, teils erscheinen die letzten vier als Gruppe der „vier Söhne" um die zentrale Triade. Diese Variabilität ist für eine mündliche, regional differenzierte Tradition typisch und kein Widerspruch (Kreyenbroek 1995; Omarkhali 2017). Vgl. /wiki/genealogie.
3.4 Şêx Adî, Şêx Sin und die zyklische Manifestation
Ein Kernelement êzîdîscher Theologie ist die Lehre, dass die heiligen Wesen sich zyklisch in menschlicher Gestalt manifestieren (eine dem sufischen Konzept der Inkarnation, ḥulûl, nahestehende Vorstellung). Şêx Adî ibn Misafir (gest. 1162, in Lalîş begraben) gilt in der Tradition als irdische Inkarnation des göttlichen Prinzips bzw. Tawûsî Meleks; Şêx Sin (Şêx Hesen) und die übrigen erscheinen ebenfalls als Verkörperungen einzelner der Heft Sirr (Kreyenbroek 1995; Allison, Encyclopædia Iranica; Açıkyıldız 2010).
Diese Manifestationen sind keine eigenständigen Götter neben Xwedê, sondern Erscheinungsweisen des einen göttlichen Mysteriums in der Geschichte. In den Hymnen gehen die Gestalten Tawûsî Melek, Sultan Êzî und Şêx Adî oft ineinander über und werden nicht scharf getrennt, ein Ausdruck der Einheit des Göttlichen, nicht eines Pantheons. Die Darstellung dieser Manifestationslehre folgt hier ausdrücklich den Primärquellen-basierten Studien und vermeidet spekulative Ausdeutung (Kreyenbroek 1995; Kreyenbroek & Rashow 2005). Zur Verankerung in der heiligen Genealogie siehe /wiki/genealogie.
4. Die Erschaffung und Festigung der Welt
4.1 Vier Elemente, Ark und Gewar-Baum
Aus der zerborstenen Perle und dem Urozean ging die geordnete Welt hervor. Xwedê schuf die vier Elemente (Erde, Wasser, Wind/Luft, Feuer) sowie die kosmischen Gegensatzpaare, Himmel und Erde, Tag und Nacht, Sonne und Mond. In der Mitte des Urozeans erhob sich nach mehreren Überlieferungen der ewige Baum (Dara Gewar / Ghewar-Baum); eine Arche mit den Prototypen der Geschöpfe wurde bewahrt, als eine Schlange ihr Leck verschloss (Spät 2010; Kreyenbroek 1995).
4.2 Die bebende Erde
Ein wiederkehrendes Motiv ist die anfängliche Unbeständigkeit der Erde: Nachdem das Meer fest und zu Land geworden war, „zitterte" und bebte die Erde noch und musste erst gefestigt werden. In der mythischen Erzählung sammelt Xwedê die Bruchstücke der Perle und bringt die Welt zur Ruhe; in manchen Versionen werden Berge als „Nägel" oder Anker eingesetzt, die das Land festhalten (Spät 2010). Das Bild einer ursprünglich bebenden, dann verankerten Erde gehört zum altorientalischen Erzählgut und verbindet die êzîdîsche Kosmogonie mit einem breiteren mesopotamischen Substrat (siehe Abschnitt 6).
4.3 Das Kosmos-Bild: Erde auf Stier und Fisch
Das in der Region weit verbreitete Bild der auf einem Stier (und dieser auf einem Fisch) ruhenden Erde findet sich auch im êzîdîschen Umfeld; es gehört jedoch eher zum allgemeinen altorientalisch-islamischen Volkskosmos als zum spezifisch êzîdîschen Lehrkern und ist in den Qewls nicht als dogmatisch fixiertes Schöpfungselement belegt. Die belegbaren, der êzîdîschen Tradition eigenen Elemente sind Perle, Urozean, vier Elemente und bebende/gefestigte Erde; das Stier-Fisch-Motiv ist als kulturell geteiltes Bild der weiteren Region einzuordnen, nicht als gesicherter Bestandteil der Hymnen-Kosmogonie (Spät 2010). Diese Differenzierung ist wichtig, um Volkskosmologie und theologischen Kern nicht zu vermengen.
4.4 Gestirne und die Erschaffung des Menschen
Aus zwei Stücken der Perle setzte Gott, der Erzählung nach durch den Engel Cebraîl (Gabriel), Sonne und Mond an die „Tür des Himmels" und unter die Erde; aus den verstreuten Splittern entstanden die Sterne. Der Körper Adams wurde aus den vier Elementen geformt; seine Seele aber weigerte sich zunächst, in den Leib einzutreten, bis die heiligen Instrumente, die Rahmentrommel Def und die Flöte Şibab, gespielt wurden und die Musik die Seele in den Körper zog (Spät 2010; Kreyenbroek 1995).
Quellenkritischer Hinweis: Die ausführlichsten erzählerischen Fassungen dieser Episoden (Perle auf dem Vogel Anfar/Anqar, Gabriel mit den Perlenstücken, Sonne/Mond/Sterne) stammen teils aus den im 19./frühen 20. Jahrhundert zirkulierenden Texten Mishefa Reş und Kitêba Cilwe, die in der Forschung als spätere Kompilationen bzw. Fälschungen gelten (von Außenstehenden mitgeprägt, aber echtes Überlieferungsgut spiegelnd). Der theologisch gesicherte Kern: Xwedê, weiße Perle, Heft Sirr, Tawûsî Melek als oberstes Wesen, Emanation, wird dagegen durch die echten Qewls getragen (Kreyenbroek 1995; Omarkhali 2017). Vgl. /wiki/faelschungen und /wiki/qewl-tradition.
5. Lalîş: der irdische Spiegel der Schöpfung
Das zentrale Heiligtum Lalîş (mit dem Grab Şêx Adîs) gilt in der êzîdîschen Vorstellung als Ort, an dem sich die Schöpfung verdichtet und der irdisch das kosmische Geschehen spiegelt. Die heilige Erde und das geweihte Wasser (etwa die Quelle Kaniya Sipî, „weiße Quelle", und Zemzem) verbinden die Gläubigen mit dem schöpferischen Ursprung; aus Lalîşer Erde geformte Kügelchen (Berat) tragen die Heiligkeit des Zentrums in die Gemeinschaft. Damit ist Lalîş nicht nur Wallfahrtsort, sondern theologischer Schnittpunkt von Kosmogonie und gelebter Religion (Kreyenbroek 1995; Spät 2017). Siehe /wiki/lalish und /wiki/heiligtuemer-weltweit.
6. Religionswissenschaftliche Einordnung
Die Herkunft der êzîdîschen Kosmogonie ist Gegenstand intensiver, teils umstrittener Forschung. Die folgenden Bezüge werden in der seriösen Literatur diskutiert: als mögliche Substrate, nicht als gesicherte Ableitungen:
- Vorislamisch-iranisch / zoroastrisch: Die Emanationsstruktur und die Siebenzahl der heiligen Wesen werden mit altiranischen Vorstellungen (etwa den sieben Amesha Spenta) verglichen; der Gottesname Êzdan erinnert an yazata („verehrungswürdiges Wesen"). Kreyenbroek sieht in Êzîdîtum und Ahl-e Haqq Reste einer vorzoroastrischen westiranischen Mythologie. Die ältere Gleichsetzung Tawûsî Meleks mit dem zoroastrischen Ahriman wird jedoch zurückgewiesen: sie beruht auf demselben dualistischen Fehlschluss wie die Teufelsanbeter-These (Kreyenbroek 1995; Asatrian & Arakelova 2014).
- Mesopotamisch / altorientalisch: Die Motive von Perle, Urozean, Arche und bebender/verankerter Erde werden mit altmesopotamischen Substraten in Verbindung gebracht (Spät 2010).
- Gnostisch / neuplatonisch / spätantik: Die stufenweise Emanation aus dem transzendenten Einen sowie das Perlen-und-Liebe-Motiv ähneln gnostisch-neuplatonischen und orphischen Kosmologien; Spät spricht von „spätantiken Motiven" eines gemeinsamen kulturellen Substrats der Region (Spät 2010; Rodziewicz 2023).
- Sufisch, die Adawiyya-Tradition: Das Êzîdîtum hat seine heutige Gestalt im Umfeld des Sufi-Şêx Adî ibn Misafir (um 1075–1162) und seines Adawiyya-Ordens in Lalîş ausgebildet. Adî, ein in Bagdad geschulter, in der Beqaa-Ebene geborener Sufi, war selbst orthodox; doch die Frömmigkeit seiner kurdischen Anhänger verschmolz mit lokalen, vorislamischen Traditionen, und Şêx Adî selbst wurde zur heiligen, manifesten Gestalt erhoben. Sufische Konzepte wie die Inkarnation/Manifestation des Göttlichen (ḥulûl) und das innere Geheimnis (sirr) prägten die êzîdîsche Manifestationslehre und das Heft-Sirr-Konzept mit (Kreyenbroek 1995; Açıkyıldız 2010; Rodziewicz 2014).
Die neuere Forschung (Allison, Spät, Omarkhali, Rodziewicz) betont zugleich, dass das Êzîdîtum eine eigenständige Religion mit eigener innerer Logik ist und nicht als bloßes „Synkretismus-Mosaik" oder als Ableger einer anderen Tradition erklärt werden sollte. Die diskutierten Parallelen erhellen mögliche historische Bezüge, ersetzen aber nicht das eigenständige theologische System (Allison 2001; Spät 2010).
7. Korrekte Begriffe (Konventionen)
| Begriff | Bedeutung |
|---|---|
| Xwedê / Xudê | der eine, einzige Schöpfergott; im Alltag nicht „Allah" genannt (theologisch derselbe Gott, „Ellah" ist ein selten gebrauchter êzîdîscher Gottesname) |
| Dur / Durr | die weiße Perle, Urmaterie, aus der die Welt entsteht |
| Heft Sirr / Heft Sur | die Sieben Mysterien / sieben heiligen Wesen (Heptade) |
| Tawûsî Melek | „Pfauenengel", oberstes der Heft Sirr, niemals „Teufel" / „Iblis" / „Şeytan" |
| Sultan Êzî | göttliche Manifestation; Namensgeber der Gemeinschaft |
| Şêx Adî | Şêx Adî ibn Misafir (gest. 1162), irdische Inkarnation, in Lalîş begraben |
| Şêx Sin / Şêx Hesen | eines der sieben Wesen; eigenes geistliches Geschlecht |
| Qewl | sakrale Hymnen der mündlichen Überlieferung (Träger der Kosmogonie) |
| Lalîş | das zentrale Heiligtum, irdischer Spiegel der Schöpfung |
| Mishefa Reş / Kitêba Cilwe | spätere/umstrittene Texte, nicht der theologische Kern |
Quellen
- Birgül Açıkyıldız: The Yezidis, The History of a Community, Culture and Religion. London: I. B. Tauris, 2010.
- Christine Allison: The Yezidi Oral Tradition in Iraqi Kurdistan. Richmond: Curzon, 2001.
- Christine Allison / Philip G. Kreyenbroek: „Yazidis i. General", in: Encyclopædia Iranica (online)., https://www.iranicaonline.org/articles/yazidis-i-general-1
- Garnik S. Asatrian & Victoria Arakelova: The Religion of the Peacock Angel, The Yezidis and Their Spirit World (Reihe Gnostica). Durham: Acumen/Routledge, 2014.
- Philip G. Kreyenbroek: Yezidism, Its Background, Observances and Textual Tradition. Lewiston: Edwin Mellen Press, 1995.
- Philip G. Kreyenbroek & Khalil Jindy Rashow: God and Sheikh Adi are Perfect, Sacred Poems and Religious Narratives from the Yezidi Tradition. Wiesbaden: Harrassowitz, 2005.
- Khanna Omarkhali: The Yezidi Religious Textual Tradition, Transmission, Categorisation and Canonisation of the Yezidi Oral Religious Texts. Wiesbaden: Harrassowitz, 2017.
- Artur Rodziewicz: „Heft Sur, The Seven Angels of the Yezidi Tradition and Harran" (Aufsatz, 2014/2018)., https://www.researchgate.net/publication/361194410
- Artur Rodziewicz: „And the Pearl Became an Egg, The Yezidi Red Wednesday and Its Cosmogonic Background", in: Iran and the Caucasus 20/3–4 (2016), S. 347–367., https://brill.com/view/journals/ic/20/3-4/article-p347_7.xml
- Artur Rodziewicz: Eros and the Pearl, The Yezidi Cosmogonic Myth at the Crossroads of Mystical Traditions. Berlin: Peter Lang, 2022; vgl. Rezension in Iran and the Caucasus 27/3 (2023)., https://brill.com/view/journals/ic/27/3/article-p319_8.xml
- Eszter Spät: Late Antique Motifs in Yezidi Oral Tradition. Piscataway: Gorgias Press, 2010 (zugl. Diss.); dies.: The Yezidis. London: Saqi, 2005; dies.: „Materializing Memory, The Role of the Yezidi Peacock Sanjak" (2017).
- Encyclopaedia Iranica, „Yazidis i. General", Online-Ressource: https://www.iranicaonline.org/articles/yazidis-i-general-1
Hinweis: Als „diskutiert" oder „umstritten" gekennzeichnete Aussagen (Abschnitt 6) sowie das Stier-Fisch-Kosmosbild (4.3) spiegeln offene Forschungsfragen bzw. allgemeine Regionalkosmologie wider und sind nicht als gesicherte Fakten zu lesen. Die ausführlichen Erzähldetails aus Mishefa Reş / Kitêba Cilwe sind als spätere/umstrittene Quellen gekennzeichnet.
Dieser Artikel ist Teil des mehrsprachigen Êzdîxan-Wikis.
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