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Lalîş: das Herz des Êzîdîtums
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Lalîş (auch Laliş, Lalish; arabisch/kurdisch teils Laleş) ist das zentrale Heiligtum der Êzîden (auch Yeziden oder Jesiden) und der heiligste Ort ihrer Religion. In einem engen, bewaldeten Tal im nordirakischen Şêxan-Distrikt gelegen, birgt es das Mausoleum von Şêx Adî ibn Musafir und gilt als irdisches Zentrum der Welt, jener Ort, an dem nach êzîdîscher Überlieferung die Schöpfung ihren Anfang nahm und an dem die heiligen Wesen auf Erden gegenwärtig sind. Jede Êzîdin und jeder Êzîde ist gehalten, Lalîş mindestens einmal im Leben zu besuchen.
Lalîş ist weit mehr als ein Pilgerziel: Es ist der spirituelle Bezugspunkt des täglichen Gebets, der Geburtsort wichtigster Riten (darunter die Taufe mor-kirin) und der Versammlungsort des großen Herbstfestes Cejna Cemaiyê. Architektur, Wasser, Schwellen und das Licht der Türme verdichten sich hier zu einem dichten Geflecht religiöser Bedeutung.
Schreibweise-Hinweis: Auf diesem Portal verwenden wir die kurmancî-lateinische Form Lalîş und die Begriffe Êzîdî/Êzîden (nicht „jesidisch", außer in direkten Zitaten). Der oberste heilige Engel Tawûsî Melek wird niemals mit dem „Teufel" gleichgesetzt, siehe Tawûsî Melek.
Lage und Geografie
Lalîş liegt im Şêxan-Distrikt (kurmancî Şêxan, „Land der Scheichs") der Provinz Ninive im Nordirak, heute Teil der Region Kurdistan. Das Tal befindet sich rund 60 Kilometer nördlich von Mossul und etwa 14 Kilometer westlich des Ortes Eyn Sifnî (Ain Sifni), auf einer Höhe von ungefähr 861 Metern.
Wichtig ist die Abgrenzung zu einer häufigen Verwechslung: Lalîş liegt nicht im Sindjar-Gebirge (Şingal). Şingal, die zweite große êzîdîsche Kernregion, Schauplatz des Genozids von 2014, befindet sich rund 150 Kilometer weiter westlich, jenseits des Tigris. Lalîş hingegen ist das religiöse Zentrum im östlichen Siedlungsraum der Êzîden, im hügeligen Vorland der kurdischen Berge.
Das Heiligtum schmiegt sich in eine schmale, von dichten Eichen- und Maulbeerbäumen bewachsene Talsohle. Die êzîdîsche Sakraltopografie ordnet das Tal drei umgebenden Anhöhen zu, die nach heiligen Orten anderer Traditionen benannt sind, darunter ein Berg Arafat und ein Şerat-Brücken-Motiv (pira selat), das an den jenseitigen Steg über die Hölle erinnert. Diese Namensgebung verweist auf das êzîdîsche Selbstverständnis, in Lalîş ein Abbild der gesamten heiligen Geografie zu besitzen.
Religiöse Bedeutung und Pilgerpflicht
Lalîş ist die Qibla der Êzîden: die Richtung, in die sie sich beim Gebet wenden. Wie für andere Religionen ein zentrales Heiligtum den Bezugspunkt der Frömmigkeit bildet, so richtet sich êzîdîsches Beten, etwa das Gebet zur aufgehenden Sonne, auf Lalîş aus. Der Ort verbindet damit die kosmische Verehrung des göttlichen Lichts (siehe Religion) mit einem konkreten geografischen Mittelpunkt.
Nach êzîdîscher Lehre ist jede gläubige Person verpflichtet, mindestens einmal im Leben nach Lalîş zu pilgern, um das Grab von Şêx Adî und die weiteren heiligen Stätten des Tals zu besuchen. Die idealtypische Pilgerfahrt dauert mehrere Tage und umfasst eine Abfolge von Stationen: das Niederknien an den Toren, das Küssen der Schwellen, das Trinken und Waschen an den heiligen Quellen, das Überschreiten der symbolischen Brücke und das Verweilen am Mausoleum.
Pilgern ist in Lalîş nicht allein feierlich-ernst. Vielfach kommen ganze Familien über Generationen hinweg, picknicken in den Hainen, lassen ihre Kinder taufen und feiern Hochzeiten. Diese Verbindung von tiefer Heiligkeit und gelöster Gemeinschaft prägt den besonderen Charakter des Ortes.
Das Mausoleum von Şêx Adî ibn Musafir
Im Mittelpunkt des Heiligtums steht das Mausoleum von Şêx Adî ibn Musafir (gest. um 1162). Şêx Adî, ein aus dem Libanon-/Bekaa-Raum stammender Mystiker des frühen 12. Jahrhunderts, ließ sich im Tal von Lalîş nieder, sammelte Anhänger um sich und wurde nach seinem Tod ebendort bestattet. In der êzîdîschen Heilsgeschichte gilt er als zentrale heilige Gestalt, als irdische Manifestation des Göttlichen und Mittelpunkt der heiligen Genealogie. Sein Name erscheint in zahlreichen Qewl (heilige Hymnen, siehe Qewl-Tradition), wo er eng mit dem höchsten Engel verflochten ist.
Das Grabgebäude ist der Brennpunkt aller Pilger. Über dem Sarkophag erhebt sich einer der charakteristischen kegelförmigen, geriffelten Türme. Der Innenraum ist von Höfen, Säulengängen und Kammern umgeben; in den Wänden und an den Pfeilern hängen die bunten Knotentücher der Pilger. An einer Wand neben dem Eingangsportal ist die berühmte schwarze Schlange dargestellt (siehe unten).
Das Mausoleum ist nicht nur Grabstätte, sondern lebendiger Kultraum: Hier werden Riten vollzogen, heilige Gegenstände aufbewahrt und während des Herbstfestes die großen Zeremonien abgehalten.
Weitere Schreine im Tal
Lalîş ist kein einzelnes Gebäude, sondern ein über die ganze Talsohle verteiltes Ensemble aus Höfen, Quellen und mehreren Schreinen. Das Mausoleum von Şêx Adî bildet den Mittelpunkt, an den sich auf drei Seiten weitere Heiligtümer anschließen. Zu den bekanntesten zählen:
- Şêx Hesen (Şêxisin): Das Mausoleum des Şêx Hesen grenzt unmittelbar an die große Versammlungshalle und ist mit dem Grabbau von Şêx Adî baulich verbunden. Şêx Hesen gilt als eine der zentralen Gestalten der heiligen Genealogie.
- Şêx Şems (Şemsê / „Sonne"): Der westlich gelegene Schrein ist dem Sonnenheiligen gewidmet, der mit dem göttlichen Licht verbunden wird. An seinem Schrein wird beim Herbstfest das Stieropfer dargebracht.
- Ezdîna Mîr: Ebenfalls im westlichen Teil des Tals gelegen, einer der altehrwürdigen Schreine des Ensembles.
- Şêx Ûbekir (Şêx Abû Bekir): Im hinteren Bereich des Hauptgebäudes ruht der mit einem schwarzen Tuch bedeckte Sarkophag dieses Heiligen.
- Kaniya Sipî: Die südwestlich gelegene „Weiße Quelle" mit dem Taufbecken (siehe unten).
Über diese hinaus tragen zahlreiche kleinere Kammern, Türme und Nischen im Tal die Namen weiterer heiliger Wesen. Zur Formensprache dieser Bauten und ihrer Verbreitung über die êzîdîschen Siedlungsgebiete hinaus siehe Heiligtümer und Heiligtümer und sakrale Architektur.
Die heiligen Quellen: Kaniya Sipî und Zimzim
Im Innern und Umfeld des Heiligtums entspringen zwei heilige Wasser, die für die êzîdîsche Frömmigkeit von höchstem Rang sind.
Kaniya Sipî: die Weiße Quelle
Die Kaniya Sipî („Weiße Quelle") gilt als Ursprungswasser der Schöpfung. In der êzîdîschen Kosmogonie steht ihr Wasser für die uranfängliche Quelle, aus der alles spätere Sein hervorging. Aus ihr wird das geweihte Wasser für die Taufe geschöpft. Wo Êzîden zu weit von Lalîş entfernt leben, um das Kind dort taufen zu lassen, wird das Wasser der Weißen Quelle in Gefäßen zu ihnen gebracht, damit der Ritus auch in der Ferne, etwa in der Diaspora, vollzogen werden kann.
Zimzim
Die zweite heilige Quelle, Zimzim (auch Zemzem), liegt in einer dunklen Grotte unterhalb des Mausoleums. Ihr Name nimmt bewusst die heilige Quelle Zamzam von Mekka auf und unterstreicht erneut den Anspruch von Lalîş, eine eigene, vollständige heilige Geografie in sich zu tragen. Pilger trinken von ihrem Wasser, waschen sich und nehmen es mit nach Hause.
Mor-kirin: die êzîdîsche Taufe
Der Begriff mor-kirin bedeutet wörtlich „siegeln, stempeln" und bezeichnet den Taufritus, mit dem ein êzîdîsches Kind förmlich in die Gemeinschaft aufgenommen wird. Im Vollzug ähnelt er der christlichen Taufe: Das Kind wird dreimal mit dem Wasser der Kaniya Sipî über den Kopf begossen.
Idealerweise findet mor-kirin in Lalîş selbst statt; alle Êzîden, die nahe genug wohnen, vollziehen den Ritus dort. Da das geweihte Wasser transportabel ist, kann die Taufe jedoch grundsätzlich überall stattfinden, ein wichtiger Mechanismus, der den religiösen Zusammenhalt über die weit verstreute Diaspora hinweg sichert. Die Taufe gehört zu den prägenden Stationen des êzîdîschen Lebenslaufs (mehr zu Riten und Übergängen unter Traditionen).
Schwellen-Etikette: Cilûka und die Heiligkeit der Türschwellen
Wer Lalîş betritt, folgt einer strengen Etikette, die den heiligen Charakter des Ortes körperlich erfahrbar macht.
- Barfuß: Das gesamte Heiligtum wird ohne Schuhe betreten; Pilger legen ihr Schuhwerk am Eingang ab.
- Schwellen nicht betreten: Die Türschwellen (cilûka / kolek) der zahllosen Tore und Portale dürfen niemals mit dem Fuß berührt werden. Man tritt über sie hinweg und küsst sie häufig zur Begrüßung. Eine Schwelle zu betreten gilt als grobe Entweihung.
Diese Praxis zieht sich durch das ganze Tal: Jede Tür markiert einen Übergang in einen heiligeren Raum, und die Schwelle selbst ist Gegenstand der Verehrung. Die sorgsame Beachtung dieser Regeln ist Ausdruck von Demut und Reinheit, zentralen Werten êzîdîscher Frömmigkeit.
Die kegelförmigen Türme: Licht und Sonnenstrahlen
Das unverwechselbare Wahrzeichen von Lalîş sind die kegelförmigen, längs geriffelten Türme, die über dem Mausoleum und über zahlreichen weiteren Schreinen im Tal aufragen. Sie bilden den Kern der êzîdîschen Sakralarchitektur (ein Sammelüberblick zu Schreinformen findet sich unter Heiligtümer).
Der Bautyp folgt einem klaren Schema: Über einem würfelförmigen Unterbau, der das Grab oder Kenotaph birgt, erhebt sich auf einem Tambour eine kegelförmige Spitze aus mehreren scharfen Längsgraten (Falten). Diese Rippen sind nicht bloß Zierwerk:
- Die geriffelte Kegelform symbolisiert die Strahlen der Sonne, die Erde und Menschheit erleuchten. Das Sonnenlicht ist im Êzîdîtum sichtbarer Ausdruck des göttlichen Lichts; die Türme übersetzen diese Theologie in Stein.
- Die Spitze des Kegels trägt häufig einen bronzenen Aufsatz aus einer oder mehreren Kugeln, bekrönt von Ring, Mondsichel und einem Gestirn- oder Handsymbol. Dieser Aufsatz steht für den Kosmos: die von Gott geschaffenen Planeten, die Sonne und die Sterne.
Über das ganze Tal verteilt finden sich neben den Türmen weitere bedeutungstragende Zeichen: das Bild des Pfaus (Sinnbild für Tawûsî Melek), Sonnensymbole als Zeichen des göttlichen Lichts und die geheimnisvolle schwarze Schlange am Portal des Mausoleums. Einer Überlieferung zufolge verwandelte sich Şêx Mend, ein Gefährte Şêx Adîs und irdische Erscheinung eines der heiligen Wesen, in diese Schlange und wehrte einen Stamm ab, der die Êzîden gewaltsam zum Islam zwingen wollte.
Berat: die geweihten Lehmkügelchen aus Lalîş
Eine der greifbarsten Verbindungen, die Êzîden zu ihrem Heiligtum unterhalten, sind die Berat (auch barat, berat): kleine, geweihte Kügelchen, die ausschließlich in Lalîş hergestellt werden. Sie verkörpern in materieller Form die Bindung an den heiligsten Ort der Welt und an den Stoff, aus dem nach êzîdîscher Schöpfungslehre die Erde geformt wurde.
Herstellung
Berat werden aus Erde des heiligen Tals gefertigt, die mit dem Wasser der heiligen Quellen (vor allem der Kaniya Sipî) und weiteren Zutaten zu einem Teig vermengt wird. Aus dieser Masse formt man kleine, perlen- bzw. kugelförmige weiße Kügelchen, die anschließend getrocknet werden. Die Anfertigung obliegt eigenen religiösen Würdenträgern in Lalîş; die Berat gelten erst durch ihre Herkunft aus dem geweihten Boden und Wasser des Tals als heilig und können nirgends sonst rechtmäßig hergestellt werden.
Bedeutung
Theologisch knüpft die Berat an den êzîdîschen Schöpfungsmythos an: Lalîş gilt als der Ort, der zuerst im Himmel von Gott erschaffen wurde und dann als erster Punkt auf die Erde herabkam. Die Berat ist damit ein physisches Zeugnis der Verbindung zwischen dem Gläubigen und diesem uranfänglichen, heiligen Boden, ein Stück der heiligsten Erde selbst. Die Forschung hat die Berat treffend als „eine Handvoll geweihten Lichts" beschrieben, weil im êzîdîschen Denken das göttliche Licht und der heilige Ursprung in ihr verdichtet sind. Ein Tempeldiener der feqîr-Familie in Lalîş bezeichnete die Berat sinngemäß als eine Art „Pass", der ihren Träger als Angehörigen der êzîdîschen Gemeinschaft ausweist.
Verwendung
Wie das Wasser der heiligen Quellen sind die Berat transportabel und werden von Pilgern aus Lalîş mit nach Hause genommen. Dort werden sie mit Ehrfurcht behandelt und dienen als Schutz- und Segenszeichen für den Haushalt; vielfach trägt jede Êzîdin und jeder Êzîde eine Berat als eine Art Talisman bei sich. Damit erfüllt die Berat, ähnlich wie das geweihte Taufwasser (siehe mor-kirin), eine wichtige Funktion für den religiösen Zusammenhalt über die weit verstreute Diaspora hinweg.
Besondere Bedeutung haben die Berat in den Übergangsriten des Lebenslaufs:
- Bei der Eheschließung spielen sie eine Rolle als Segens- und Bindungszeichen.
- Bei Bestattungen wird die geweihte Erde aus Lalîş (mit dem heiligen Wasser vermengt) der oder dem Verstorbenen auf Augen, Ohren und Mund gelegt, ein Ritus, der den Toten mit dem heiligen Ursprungsort verbindet.
Die Berat ist damit nicht nur Andachtsgegenstand, sondern ein durchgängiges Band, das den einzelnen Menschen von der Heirat bis zum Tod mit Lalîş und der heiligen Geografie des Êzîdîtums verknüpft.
Cejna Cemaiyê: das Herbstfest der Versammlung
Der große Höhepunkt des êzîdîschen Festkalenders in Lalîş ist die Cejna Cemaiyê („Versammlungsfest" / „Fest der Gemeinschaft"), die alljährlich vom 6. bis 13. Oktober begangen wird, über sieben Festtage hinweg, traditionell als sechstägige Pilgerfahrt zum Grab von Şêx Adî beschrieben. In diesen Tagen strömt die êzîdîsche Gemeinschaft aus aller Welt im heiligsten Tal zusammen; es ist die wichtigste Zeit der Einheit, der Erneuerung und der Begegnung (eine Gesamtschau aller Feiertage bietet Festkalender).
Die Festtage gliedern sich in eine dichte Abfolge von Riten:
- Frühe Tage: rituelle Waschungen an den heiligen Quellen und das Überschreiten der Şerat-Brücke (pira selat) unter Fackeln und mit Gesang.
- Sema-Prozession: Eine feierliche Prozession mit den höchsten religiösen Würdenträgern, dem Mîr (Fürst), dem Babê Şêx und den Pîr –, begleitet von den Qewals, den ausgebildeten Sängern der heiligen Hymnen. In einer rituellen Choreografie umschreiten in Weiß gekleidete Männer eine in der Mitte entzündete heilige Fackel, die zugleich Gott und die Sonne versinnbildlicht.
- Vierter Tag (10. Oktober): Erneuerung der Perî: der geweihten Tücher an den Schreinen, durch frisch getaufte Stoffe; ein Sinnbild für Erneuerung.
- Fünfter Tag (11. Oktober): das Stieropfer am Schrein des Şêx Şems (Sonnenheiliger). Das Fleisch wird gekocht und gemeinsam mit gekochtem Weizen an die Pilger verteilt.
- Sechster Tag (12. Oktober): das zeremonielle Tragen und Waschen des Berê Şibakê, eines heiligen kupfernen Gitterobjekts, in einem geweihten Becken.
Über die Riten hinaus ist die Cejna Cemaiyê auch das große soziale Ereignis der Êzîden: Stammesführer, religiöse Würdenträger und einfache Gläubige treffen zusammen, gemeinsame Mahlzeiten, Tänze und Begegnungen festigen die Gemeinschaft vor Gott und den Sieben Heiligen Wesen.
Zerstörungen, Bedrohungen und Schutz
Lalîš war über die Jahrhunderte wiederholt Ziel von Übergriffen, die im breiteren Kontext der gegen die Êzîden gerichteten Verfolgungen (Fermane) stehen (siehe Genozide weltweit).
- 1892: Im Zuge der Feldzüge des osmanischen Generals Omar Wehbi Pascha wurde das Tal besetzt, die Schreine geplündert und das Mausoleum zeitweise in eine Koranschule umgewandelt. Erst 1904 gelang es den Êzîden unter Führung des Mîr Alî Beg, ihr Heiligtum zurückzugewinnen.
- 2014: Während des Völkermords des sogenannten „Islamischen Staates" (ISIS) an den Êzîden von Şingal blieb Lalîš selbst von der Eroberung verschont und wurde zur Zuflucht: Flüchtlinge aus Şingal suchten im Tal Schutz. Der Genozid traf zwar primär die westliche Kernregion, doch er bedrohte das religiöse Überleben der gesamten Gemeinschaft, deren Mittelpunkt Lalîş bildet.
Lalîš steht heute auf der Tentativliste des UNESCO-Welterbes: ein Ausdruck seiner herausragenden kulturellen und religiösen Bedeutung und ein Schritt zu seinem dauerhaften Schutz.
Heutige Verwaltung
Lalîš liegt in der Region Kurdistan (Irak) und wird von den höchsten Institutionen der êzîdîschen Religion betreut. Geistliches Oberhaupt ist der Mîr (der erbliche Fürst der Êzîden) zusammen mit dem Babê Şêx als oberstem religiösen Würdenträger; der Geistliche Rat (Encumena Ruhanî) wacht über die religiösen Angelegenheiten. Im Tal leben dauerhaft Hüter und Tempeldiener (feqîr, kocek und andere), die die Schreine pflegen, die heiligen Feuer und Quellen betreuen und die Pilger empfangen.
Das Heiligtum ist heute ein lebendiger Wallfahrtsort, der ganzjährig Pilger und Besucher empfängt und insbesondere zur Cejna Cemaiyê zum Zentrum des religiösen Lebens aller Êzîden wird.
Verwandte Themen
- Religion: Glaube, Kosmologie und Frömmigkeit der Êzîden
- Tawûsî Melek: Tawûsî Melek, der oberste heilige Engel
- Heiligtümer: Sammelüberblick zur êzîdîschen Sakralarchitektur
- Genealogie: Şêx Adî und die heilige Genealogie
- Festkalender: der êzîdîsche Festkalender im Überblick
- Qewl-Tradition: die mündliche Hymnen-Tradition (Qewl)
- Genozide weltweit: Verfolgungen (Fermane) und Genozide
- Diaspora: Êzîden außerhalb der Kernregionen
Quellen
Wissenschaftliche Standardliteratur:
- Philip G. Kreyenbroek: Yezidism, Its Background, Observances and Textual Tradition. Lewiston: Edwin Mellen Press, 1995.
- Philip G. Kreyenbroek / Khalil Jindy Rashow: God and Sheikh Adi are Perfect, Sacred Poems and Religious Narratives from the Yezidi Tradition. Wiesbaden: Harrassowitz, 2005.
- Khanna Omarkhali: The Yezidi Religious Textual Tradition, From Oral to Written. Wiesbaden: Harrassowitz, 2017.
- Eszter Spät: The Yezidis. London: Saqi Books, 2005.
- Birgül Açıkyıldız: The Yazidis, The History of a Community, Culture and Religion. London: I.B. Tauris, 2010.
- Eszter Spät: „The blessed handful of light, genesis and message of the Yezidi berat." In: British Journal of Middle Eastern Studies 51 (2024), Heft 1. (zur Herkunft, Herstellung und Bedeutung der Berat)
Online verifizierte Quellen (abgerufen Juni 2026):
- Encyclopaedia Iranica, „JAŽN-Ā JAMĀʿIYA" (Fest der Versammlung): https://www.iranicaonline.org/articles/jazn-a-jamaiya/
- Encyclopaedia Iranica, „YAZIDIS ii. INITIATION IN YAZIDISM" (mor-kirin, Taufe): https://www.iranicaonline.org/articles/yazidis-ii-initiation-in-yazidism/
- Mesopotamia Heritage, „The Spiritual Centre of Lalish and the mausoleum of Sheikh Adi": https://www.mesopotamiaheritage.org/en/monuments/le-centre-spirituel-yezidi-de-lalesh-et-le-mausolee-de-cheikh-adi/
- UNESCO World Heritage Centre, Tentative List, „Lalish Temple": https://whc.unesco.org/en/tentativelists/6467/
- Wikipedia, „Lalish": https://en.wikipedia.org/wiki/Lalish
- Wikipedia, „Cejna Cemayê": https://en.wikipedia.org/wiki/Cejna_Cemayê
- Kurdish History, „Cejna Cemaiye: The Yazidi Feast of the Assembly": https://www.kurdish-history.com/post/cejna-cemaiye
- Atlas Obscura, „Lalish Temple": https://www.atlasobscura.com/places/lalish-temple
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