Chronologie der wichtigsten Ereignisse für die Êzîdîsche Gemeinschaft weltweit — von der Antike bis heute. Jeder Eintrag mit Quellen und Authentizitäts-Score.
Zeitraum:–46 Ereignisse
Tragödie weltweit, GlobalAuthentizität 100
10-jähriges Genozid-Gedenken Sinjar
10 Jahre Sinjar-Genozid (03.08.2024). Internationale Gedenkfeiern am Yazidi Genocide Memorial Sinjar. Zahlen 2024: ca. 2.000-2.600 Êzîden weiterhin entführt (UN/Yazda), >150.000 Binnenvertriebene in IDP-Camps, Rückkehr nach Şingal nur partiell (~30%), Massengrab-Exhumation laufend. IS-Hauptquartier vernichtet 2017 (Mosul-Befreiung), aber Trauma- und Wiederaufbau-Krise nicht beendet. Iraqi PM Al-Sudani besucht White House (Biden) zum 10. Jahrestag.
Der Deutsche Bundestag erkennt am 19. Januar 2023 einstimmig den IS-Verbrechen an Êzîden 2014 offiziell als Völkermord an (Drucksache 20/5228, gemeinsamer Antrag Ampel-Koalition + CDU/CSU). Beschluss enthält Forderungen: irakische Strafrechts-Reform (Genozid einfügen), finanzielle Unterstützung Beweissicherung Kurdistan, Hilfe Suche nach verschleppten Frauen und Kindern, Wiederaufbau Êzîdî-Heimat (für ca. 300.000 Vertriebene).
Folgen und Bedeutung
Stärkere Rechte für Êzîdî-Geflüchtete in Deutschland. Deutschland hat mit ~250.000 die größte Êzîdî-Diaspora weltweit.
Nach dem Tod seines Vaters Tahsin Said Beg am 27. Juli 2019 wird Hazim Tahsin Beg neuer Mîr der Êzîden.
Quellen (1)
AWikipedia 'Hazim Tahsin Beg'
Politik Lalîş, IrakAuthentizität 95
Hazim Tahsin Said Beg wird neuer Mîr
Nach dem Tod von Mîr Tahsin Said Beg am 28.01.2019 in Hannover (regierte 75 Jahre) wird sein Sohn Hazim Tahsin Said Beg am 27.07.2019 in Lalîş vom 5-köpfigen Hohen Geistigen Rat zum neuen Mîr inthronisiert. Auswahl umstritten: Teile der Êzîdî-Community kritisieren KDP-Einfluss + dass Hazims Mutter nicht aus einer Mîr-Familie stammt.
Israelische Knesset lehnt Êzîdî-Genozid-Anerkennung ab (58-38)
Antrag der MK Ksenia Svetlova (Zionist Union) auf offizielle Anerkennung des Êzîdî-Genozids wird am 21. November 2018 von der Knesset 59:38 abgelehnt. Begründung der Koalition unter Tzipi Hotovely: UN habe (damals) noch keine formelle Anerkennung gegeben, Sorge vor Präzedenzfall (Armenien). Svetlova: 'shameful'. Israel hat den Êzîdî-Genozid bis heute (2026) NICHT anerkannt.
Folgen und Bedeutung
Korrektur einer verbreiteten Falschmeldung: viele Quellen behaupten Israel hätte 2018 anerkannt — das stimmt NICHT. Die Anerkennung scheiterte am Plenum.
Anerkennung UN-Hauptquartier New York, USAAuthentizität 100
Nadia Murad wird UN-Goodwill-Ambassadorin
Êzîdî-Sinjar-Überlebende Nadia Murad Basee Taha wird am 16. September 2016 in der UN Trusteeship Council Chamber als erste UNODC-Goodwill-Ambassadorin für die Würde der Überlebenden des Menschenhandels eingesetzt (Anlass: International Day of Peace). Anwesend: UN-GS Ban Ki-moon, US-UN-Botschafterin Samantha Power, Amal Clooney (Murads Anwältin). Erste Trafficking-Überlebende in dieser Rolle.
EU-Parlament (Feb. 2016) + UK House of Commons (Apr. 2016): Êzîdî-Genozid-Anerkennung
Korrekte Daten: 04.02.2016 Europäisches Parlament erkennt einstimmig per Resolution 2016/2529(RSP) Daesh-Verbrechen an Êzîden + Christen als Genozid. 20.04.2016 UK House of Commons stimmt 278:0 zu (erste solche Bestimmung des britischen Parlaments). Beide Resolutionen sind politisch, nicht justizförmig.
Daesh umstellt das Êzîdî-Dorf Kocho (Şingal). Cetorelli (UN 2019): ca. 1.200 Bewohner zur Schule getrieben — ca. 400-600 Männer erschossen oder enthauptet, ~1.000 Frauen und Kinder versklavt. Frauen wurden nach Mosul/Tal Afar/Syrien zum Verkauf transportiert. Nadia Murad ist Überlebende. Massengrab-Exhumation ab 2019, Beerdigung der identifizierten Opfer Februar 2021.
Folgen und Bedeutung
Wird symbolisch für den gesamten Genozid. Kocho ist heute Erinnerungsort.
Yezidi Center of Sweden + Yezidiene i Norge gegründet
Kulturhuset Yezidiene i Norge in Sandefjord (Bueråsen 26, 3234 Sandefjord) wird am 22.08.2014 als religiöse Organisation registriert (Org-Nr. 914003881), unter Leitung Walid Rasho Khalaf Khalaf + Morad Revin Aswad — direkte Reaktion auf den Sinjar-Genozid. Schweden hat seit 2008 eine signifikante Êzîdî-Diaspora (Region Linköping/Söderhamn).
Der sogenannte Islamische Staat (Daesh) greift am 3. August 2014 den Sinjar an. Cetorelli et al. 2017 (PLOS Medicine): ca. 3.100 Êzîden getötet, 6.800 entführt (Zahlen 2014-2015 retrospektive Haushalt-Surveys IDP-Camps Kurdistan). UN-Berichte sprechen von >5.000 Toten, >7.000 versklavten Frauen/Mädchen. 400.000 Vertriebene. Über 70 Massengräber dokumentiert. UN-Untersuchungskommission Syrien (A/HRC/32/CRP.2 vom 15.06.2016): 'Genocide is ongoing.'
Folgen und Bedeutung
73. Ferman in Êzîdî-Gedächtnis. Massive Flüchtlingswelle nach Europa (DE+150k seit 2014). UN-Mission UNITAD eingerichtet. Internationale Anerkennung als Genozid in mehreren Ländern.
Erste systematische schriftliche Aufzeichnung der mündlich tradierten Qewlê und Beytê durch Kreyenbroek-Projekt und kurdisch-êzdîsche Akademiker.
Quellen (1)
AOmarkhali 2017
Kultur Yerevan, ArmenienAuthentizität 95
Riya Teze (Zeitung) gegründet
Riya Teze ('Der Neue Weg') — kurmancî-/êzîdî-Zeitung in Yerevan. Gegründet 25.03.1930 in lateinischer Sowjet-Kurdisch (Shamilov-Latin). 1937 unter Stalin geschlossen. 1955 nach Stalins Tod als Cyrillic-Zeitung (Heciyê-Cindî-Alphabet) wieder eröffnet, lief bis 2006. 4.800 Ausgaben digitalisiert (Special Collections Exeter).
Heciyê Cindî (1908-1990, Êzîde aus Yemençayir/Kars, geflüchtet nach Armenien) wird 1941 von der armenischen Regierung mit dem Umstieg des kurdischen Alphabets von Latein auf Cyrillic beauftragt. 1946 wird das 40-Buchstaben-Cyrillic-Alphabet approved + publiziert. Wird bis heute in Riya Teze (ab 1955) + sowjet-armenischer Êzîdî-Diaspora benutzt. Cindî war zudem Lehrstuhl-Inhaber für Kurdisch an der Universität Yerevan (1968-1974).
Folgen und Bedeutung
Standard für Cindî-Cyrillic-Schreibung (mit ejektiven Apostrophen К', П', Т', Ч'). Wird in der b1.qatani.de DB als `body_cyrillic`-Feld respektiert.
Erebê Şemo: 'Şivanê Kurmanca' — erster Êzîdî-Roman (1935)
Erebê Şemo (Arab Shamilov, 1898-1978), Êzîde aus Kars/Sowjet-Armenien, veröffentlicht 1935 in Yerevan 'Şivanê Kurmanca' (Der Kurdische Schäfer) — den ersten Roman in Kurmancî-Latein. Begründer der modernen kurdischen Literatur. Frühere Datierung '1934' kursiert in Sekundärquellen; Erstausgabe Yerevan 1935 (lateinisches Sowjet-Kurdisch).
Isya Joseph: 'Devil Worship: The Sacred Books and Traditions of the Yezidi'
Erste umfangreiche englische Publikation Êzîdîscher Texte (Mishefa Reş, Kitêba Cilwe). Heute akademisch umstritten — möglicherweise von nicht-Êzîdîschen christlichen Autoren in Mosul kompiliert.
Folgen und Bedeutung
Problem: Mishefa Reş + Kitêba Cilwe gelten heute als wahrscheinlich westlich-orientalistische Konstruktion. Authentische Êzîdî-Theologie steht in den Qewlê (mündlicher Tradition), nicht in diesen 'Büchern'.
Sultan Abdülhamid II. ordnet Massenkonversion oder Mord an Êzîdî an im Rahmen seiner Islamisierungskampagne.
Quellen (1)
AEppel 2018
Genozid Sinjar, IrakAuthentizität 80
Großes Sinjar-Massaker
Schweres Êzîdî-Massaker im späten 19. Jh.: Ottoman-Forces unter Rashid Pasha + Hafiz Pasha entvölkern Şingal zu drei Vierteln (Yazidis flüchten in Höhlen, werden durch Feuer oder Artillerie getötet). 1892 Omar Wahbi Pasha-Kampagne (Sultan Abdülhamid II): Konvertierung-zu-Islam-Ultimatum + Hamidiye-Kavallerie + Sohn Asem greift Sheikhan am 15.09.1892 an. Lalîş-Şrein wird geplündert, Şêx-Adî-Tempel verbrannt, religiöse Symbole nach Bagdad verschleppt. Anmerkung: Das konkrete Jahr '1875' ist in der akademischen Sekundärliteratur nicht eindeutig belegt — die hauptkampagnen liegen 1832-34 (Mîrê Kor) + 1892 (Omar Wahbi).
Êzîden zählen 73 Verfolgungs-Edikte ('Ferman') — osmanische und kurdische Vernichtungs-Kampagnen. Bestbelegt: 1640 (40.000 osmanische Truppen gegen Şingal, 3.000-5.000 Tote, 300 Dörfer niedergebrannt); 1832-34 Mîrê Kor von Soran (Muhammad Pasha Rawanduz): 70.000-135.000 Tote, ~5% Überlebende, ~10.000 versklavte Frauen/Kinder nach Rawanduz — bis 2014 das blutigste dokumentierte Êzîdî-Massaker; 1844 Bedirxan Beg (~12.000 Tote am Tigris); 1892 Omar Wahbi Pasha (Sheikhan-Kampagne, Lalîş geplündert, Şêx-Adî-Schrein verbrannt). Sinjar wurde unter Rashid Pasha + Hafiz Pasha (mittleres 19. Jh.) zu drei Vierteln entvölkert. Die Zahl 73 ist ritueller Gedächtnis-Marker — 2014 wird als 74. Ferman gezählt.
Die Reihenfolge der weltlichen Êzîdî-Fürsten (Mîr) ist ab dem 16. Jh. in osmanischen + missionarischen Quellen punktuell nachweisbar (Hussein Beg †1534). Klar dokumentierte hereditäre Sukzession ab ca. 1770 (Bedagh Beg, Jolo Beg). Sitz: Bashiqa/Sheikhan. Der Mîr ist als Mitglied der Qatani-Şêxe legitimer Nachfolger Şêx Adîs.
Şêx Hesen (Adī II.) wird in Mosul von Atabeg Badr al-Dīn Luʾluʾ enthauptet. Akademische Trennlinie: ab jetzt entwickelt sich Êzîdîsmus eindeutig weg von islamischer Norm.
Şêx Adî stirbt in Lalîş. Sein Grab wird Pilgerziel und Zentrum des Êzîdîsmus.
Quellen (1)
ABritannica 'Yazidi'
Religion Lalîş, Şingal, IrakAuthentizität 90
Lalîş wird zum Êzîdî-Zentrum
Şêx Adî verlässt Bagdad und etabliert um 1111-1115 in Lalîş eine Zawiya neben der heiligen Zemzem-Quelle. Lalîş wird Zentrum der Adawiyya-Tariqa. Das spätere Mausoleum (2. Hälfte 12. Jh.) ist bis heute wichtigstes Êzîdî-Heiligtum (jeder Êzîde soll mindestens einmal im Leben eine 6-tägige Pilgerfahrt unternehmen).
Şêx Adî verlässt Bagdad, siedelt nach Lalîş im Kurdistan-Bergland. Trifft kurdisch-iranische Religionsgemeinschaft, gründet Adawiyya-Sufi-Orden.
Quellen (1)
AKreyenbroek 1995
Religion Bayt Far, Bekaa, LibanonAuthentizität 92
Şêx Adî bin Musafir geboren (Bekaa-Tal, Libanon)
Geburt des Reformators der Êzîdî-Tradition (ca. 1070-1078) im Dorf Bait Far bei Baalbek (Bekaa-Tal, Libanon). Şêx Adî war Sufi-Lehrer (Schüler von Ahmad Ghazali, Abu al-Najib Suhrawardi, Abdul Qadir Gilani) und gründete die Adawiyya-Tariqa. Êzîden verehren ihn als Manifestation von Tawûsî Melek.
Şêx Adî wird ca. 1072–1078 in Beit Far (Beqaa-Tal, Libanon) geboren. Sufi-Lehrer in Bagdad.
Quellen (1)
AEncyclopaedia Iranica 'Yazidis i. General'
GeschichteAuthentizität 85
Arabisch-islamische Eroberung Mesopotamiens
Islamische Hegemonie über Kurdistan beginnt. Die kurdisch-iranische religiöse Tradition geht in den Untergrund / passt sich an / behält Form in abgelegenen Bergtälern (Lalîş, Sinjar).
Harranische Sabier (Sternereligion, Heptade), Manichäismus, Mithras-Kult durchziehen den nördlichen Mesopotamien-Raum. Diese Schichten beeinflussen das Êzîdî-Substrat.
Während im Osten Zarathustra reformiert, bleibt im West-Iran/Kurdistan eine vor-zoroastrische Mithra-Tradition lebendig. Schwester-Tradition der späteren Êzîdî.
Quellen (1)
AKreyenbroek 1995, p. 53-54
WissenschaftAuthentizität 85
Mitannî-Reich: Indo-iranische Götter in Nordmesopotamien
Mitannî-Hethiter-Vertrag (ca. 1380 v. Chr.) erwähnt Mitra, Varuṇa, Indra. Erste epigraphische Bezeugung einer indo-iranischen religiösen Schicht im Heimatraum der späteren Êzîdî.
Quellen (1)
AFournet, JIES 2010
Geschichte Mesopotamien, IrakAuthentizität 60
Mögliche frühe Wurzeln Êzîdîscher Kosmogonie
Akademisch (Asatrian, Rodziewicz) wird auf indo-iranische und altmesopotamische Sonnen-/Pfauen-Engel-Vorstellungen verwiesen. Direkte Belege fehlen — vor-abrahamitische Schichten (deutlich älter als Islam, Judentum und Christentum) der Êzîdî-Theologie sind aber Forschungskonsens.
Motiv-Reservoir: Weiße Perle, Sieben-Heptade, Sternetheologie. Diese Bauelemente speisen später die Êzîdî-Kosmogonie.
Quellen (1)
ARodziewicz, Eros and the Pearl 2022
ReligionAuthentizität 35
Êzîdî-Kalender: Schöpfung der Welt
Êzîdî zählen ihren Kalender seit der Schöpfung der Welt. 2026 entspricht dem Êzîdî-Jahr ~6776. Çarşema Sor (Rotes Mittwochsfest) commemoriert diese Schöpfung.