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Zentrale Qewl-Texte: Einzelanalyse heiliger Hymnen

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Die Qewls (kurmancî qewl, „Wort, Spruch") sind die heiligen Hymnen der Êzîden (auch Yeziden oder Jesiden), gesungene, über Jahrhunderte rein mündlich tradierte Texte, die in der êzîdîschen Religion jene Stelle einnehmen, die in Judentum, Christentum und Islam die heiligen Bücher besetzen (Kreyenbroek & Rashow 2005). Was die Gattung Qewl insgesamt ausmacht, ihren göttlich-inspirierten Rang, die Träger (Qewwals), das jahrhundertealte Schriftlichkeits-Tabu, die Verschriftlichung seit den 1970er Jahren und die Gefährdung nach 2014, behandelt der Übersichtsartikel Qewl, die mündliche heilige Überlieferung.

Dieser Artikel geht eine Ebene tiefer: Er stellt einzelne, namentlich bekannte und wissenschaftlich edierte Qewls und Beyts mit ihrem dokumentierten Inhalt, ihrer theologischen Bedeutung und ihrer Quellenlage vor. Grundlage ist ausschließlich die publizierte Fachliteratur, vor allem das Standardwerk von Philip Kreyenbroek und Khalil Jindy Rashow, God and Sheikh Adi are Perfect (2005), ergänzt durch Kreyenbroek Yezidism (1995), Khanna Omarkhali The Yezidi Religious Textual Tradition (2017), Eszter Spät und die Texteditionen von Artur Rodziewicz.


Vorbemerkung: Sirr und Respekt

Êzîdîsche heilige Texte tragen eine esoterische Dimension. Manche Inhalte gehören zum Sirr (Geheimnis, Mysterium): Sie sind über Jahrhunderte bewusst vor Außenstehenden verborgen und nur mündlich, von Eingeweihten zu Eingeweihten, weitergegeben worden. Dieser Artikel referiert nur, was in der Fachliteratur publiziert und analysiert ist: er deutet keine verborgenen Bedeutungen aus, behauptet keinen „geheimen" Sinn und zitiert keine kompletten Verstexte. Wo die Forschung selbst von Unsicherheit spricht (etwa bei dunklen Strophen), wird das benannt. Ziel ist sachliche, respektvolle Information, nicht die Enthüllung eines Mysteriums.

Eine wichtige Konvention vorweg: Tawûsî Melek, der Pfauenengel, ist in der êzîdîschen Theologie der höchste der Engel und Gottes Stellvertreter, niemals ein „Teufel" oder gefallener Engel. Diese Gleichsetzung stammt von Außenstehenden und ist eine Verleumdung; ausführlich dazu der Artikel Tawûsî Melek.

Zur Sprache: Die Originalsprache aller hier genannten Qewls, Beyts und Du’a ist Kurmancî (Nordkurdisch); überliefert wurden sie mündlich, nicht in einer festen Schriftfassung. Alle in diesem Artikel wiedergegebenen Inhalte und einzelnen Wendungen sind deutsche Übersetzungen bzw. Inhaltsangaben aus der genannten wissenschaftlichen Edition, nicht der kurmancî Originalwortlaut. Wo eine einzelne Zeile sinngemäß zitiert wird, ist sie als Übersetzung zu verstehen; der Originaltext ist in den angegebenen Editionen (vor allem Kreyenbroek & Rashow 2005) nachzulesen.


Wie der Korpus geordnet ist

Ein wiederkehrendes Ordnungsprinzip der Qewls ist die Heilsgeschichte um Şêx Adî (Şîxadî, Scheich Adi ibn Musafir, 12. Jh.): Viele Hymnen beziehen sich auf eine Zeit vor und eine Zeit nach dem Wirken dieses zentralen Reformers und Glaubensbegründers (Encyclopædia Iranica, „Qawl"). Inhaltlich gruppieren Kreyenbroek und Omarkhali die Texte u. a. nach Schöpfung und Frühgeschichte, den heiligen Gestalten und eschatologischen Themen.

Die ranghöchste Gruppe bilden die Qewlên Beran („Widder-Hymnen"), die im Rahmen der Sema (der formellen Prozession der Würdenträger) vorgetragen werden. Zu ihnen zählen mehrere der hier vorgestellten Schöpfungshymnen (Kreyenbroek & Rashow 2005). Die folgenden Abschnitte greifen die am besten dokumentierten Einzeltexte heraus.


Qewlê Zebûnî Meksûr: die Hymne des schwachen Gebrochenen

Thema und Inhalt

Der Qewlê Zebûnî Meksûr („Hymne des schwachen/elenden Gebrochenen") ist die zentrale Schöpfungshymne der Êzîden und zählt zu den Qewlên Beran, also zu den ranghöchsten Texten überhaupt. In ihm wird einer der heiligen Engel, Melik Fexredîn: gebeten, die Erschaffung der Welt zu erzählen (Cheung; Kreyenbroek & Rashow 2005).

Der dokumentierte Schöpfungsablauf folgt einer charakteristischen Bilderfolge: Am Anfang ruht Gott verborgen in der Urperle (dur), einer leuchtend weißen Kugel, die alle Farben in sich birgt. Aus dieser Perle tritt Gott hervor und beginnt die Schöpfung; durch die Liebe (mihbet), die wie ein „Sauerteig" wirkt, werden die göttlichen Wesenheiten manifest, unter ihnen Siltan Êzîd (Sultan Ezîd) als geistige Führungsgestalt. Wasser fließt aus der Perle, Licht und Tradition treten hervor, und das Zentralheiligtum Laliş entsteht noch vor Himmel und Erde (Cheung). In diesen Zusammenhang gehört auch das Xerqe, das heilige Gewand, das Gott bereitet und weiht (Kreyenbroek & Rashow 2005). Den ausführlichen Schöpfungsmythos behandelt der Artikel Schöpfung.

Theologische Bedeutung

Die Hymne entfaltet eine emanative Kosmogonie: Die Welt entsteht nicht aus dem Nichts, sondern durch ein stufenweises Hervortreten aus der göttlichen Einheit, vermittelt durch die Liebe. Kreyenbroek und Rashow weisen darauf hin, dass einzelne Strophen die Forschung vor Rätsel stellen, etwa die Wendung vom „Zweig der Liebe" in Strophe 7, die sie als Hinweis darauf deuten, dass die Liebe als eine eigenständige, aus der ungeteilten Wesenheit abgeleitete Kraft verstanden wird. Sie beobachten zudem, dass der konsequente Gebrauch islamischer Begriffe und Symbole in mehreren Qewls darauf hindeutet, dass ein wesentlicher Teil der Qewl-Tradition in eine Zeit zurückreicht, in der sich Identität sinnvoll in den Begriffen islamischer Frömmigkeit ausdrücken ließ (Kreyenbroek & Rashow 2005). Verbindungen zu mystischen Traditionen (Sufismus, spätantike Strömungen) hat besonders Artur Rodziewicz herausgearbeitet (Mythologie & Symbolik).

Quelle / Edition

Wissenschaftlich ediert und übersetzt erscheint der Qewlê Zebûnî Meksûr bei Kreyenbroek (1995) und ausführlich bei Kreyenbroek & Rashow (2005). Eine eigene philologische Edition (Kurmancî-Text, Übersetzung, Kommentar) legte Artur Rodziewicz vor: Jezydzkie hymny kosmogoniczne: Qewlê Zebûnî Meksûr i Qewlê Bê û Elîf (Przegląd Orientalistyczny 265–266, 2018).


Qewlê Bê û Elîf und die Schöpfungs-Qewls: Perle, Sirr und Heft Sur

Thema und Inhalt

Der Qewlê Bê û Elîf („Hymne von B und A", nach den arabisch-kurdischen Buchstaben und elîf) ist eine weitere kosmogonische Hymne der Gruppe Qewlên Beran. Er entfaltet grundlegende theologische Konzepte über die Symbolik der Buchstaben und gehört, zusammen mit dem Zebûnî Meksûr, zu den von Rodziewicz gemeinsam edierten Schöpfungs-Hymnen (Rodziewicz 2018).

Eng verwandt ist der Qewlê Afirîna Dinyayê („Hymne von der Erschaffung der Welt"), die zweite große Kosmogonie. Sie erzählt einen ähnlichen Ablauf, die Perle, den „Stift" der Macht bzw. des Schicksals, den Sauerteig im Ur-Ozean, und führt zusätzlich die Çar Yar („Vier Freunde") ein, die sich in die vier Ecken der Schöpfung verteilen und in Laliş versammeln, sowie die Gestalt Noahs (Nûh) (Cheung). In diesen Hymnen wird auch die Erschaffung Adams geschildert: Sein Leib formt sich aus Erde, Wasser, Wind und Feuer, doch seine Seele tritt erst durch den Klang der heiligen Instrumente Şibab (Flöte) und Def (Rahmentrommel) in ihn ein, und Tawûsî Melek wirkt dabei als Mittler mit (Cheung).

Bezug zum Sirr und zum Heft Sur

Diese Schöpfungsbilder sind eng mit dem Sirr (Mysterium) verbunden und mit dem Heft Sur bzw. den Sieben Engeln/Mysterien, denen Gott die Welt anvertraut. Materielles Symbol dieser Lehre ist der Berat: die kleine, perlenförmige weiße Kugel aus heiliger Erde von Laliş, die in der êzîdîschen Kosmogonie auf die Urperle zurückverweist; Rodziewicz hat ihre Genese und Botschaft eigens untersucht („The Blessed Handful of Light", 2022). Der vollständige Schöpfungsmythos mit Perle, Sirr und Heft Sur ist im Artikel Schöpfung dargestellt; zur Symbolwelt siehe Mythologie & Symbolik.

Theologische Bedeutung

Dass die êzîdîsche Schöpfungslehre nicht in einem einzigen verbindlichen Text fixiert ist, sondern in mehreren einander ergänzenden Hymnen (Zebûnî Meksûr, Afirîna Dinyayê, Bê û Elîf) lebt, ist selbst eine theologische Aussage: Sie spiegelt das Prinzip der mündlichen, varianten-offenen Überlieferung ohne kanonische „Endfassung" wider (vgl. Qewl-Tradition).

Quelle / Edition

Qewlê Bê û Elîf und Qewlê Zebûnî Meksûr: Rodziewicz 2018. Qewlê Afirîna Dinyayê und die Schöpfungs-Hymnen insgesamt: Kreyenbroek (1995), Kreyenbroek & Rashow (2005), Omarkhali (2017); zusammenfassende Inhaltsanalyse bei Johnny Cheung („On the Tales of Creation recounted by the Yezidi singers").


Qewlê Şêx Adî: die Hymnen um den Glaubensbegründer

Thema und Inhalt

Şêx Adî (Şîxadî, Scheich Adi ibn Musafir, gest. um 1162) ist die zentrale historisch-religiöse Gestalt der Êzîden; sein Grab in Laliş ist das wichtigste Heiligtum. Eine ganze Reihe von Hymnen kreist um ihn und seine Gefährten, darunter der Qewlê Şêxadî û Mêra („Hymne von Şêx Adî und den heiligen Männern"), der Şêx Adî und den Kreis der heiligen Gestalten preist und für die Gemeinschaftsidentität von herausragender Bedeutung ist (Kreyenbroek & Rashow 2005; Omarkhali 2017).

Eng damit verbunden ist die Gruppe der Qesîden (Preisgedichte), die traditionell den Schülern von Şêx Adî zugeschrieben werden, darunter die Qesîda Şêx Adî. Qesîden gelten als ehrwürdig, aber, anders als die Qewls, nicht als göttlich inspiriert (Encyclopædia Iranica, „Qawl"). Zur Person, Genealogie und religiösen Rolle Şêx Adîs und der heiligen Familien siehe Heilige Genealogie und Geistlichkeit.

Theologische Bedeutung

In den Şêx-Adî-Hymnen verdichtet sich die êzîdîsche Geschichtsdeutung: Şêx Adî markiert die Wende der Heilsgeschichte, an der sich „vorher" und „nachher" scheiden. Bemerkenswert ist die in mehreren Texten erkennbare Verschmelzung Şêx Adîs mit dem Göttlichen, der Titel des Standardwerks, God and Sheikh Adi are Perfect, greift genau diese Engführung von Gott und Şêx Adî in der êzîdîschen Frömmigkeit auf.

Quelle / Edition

Kreyenbroek & Rashow (2005) edieren mehrere Şêx-Adî-bezogene Texte; die meisten beruhen auf Khalil Rashows Transkriptionen von Tonaufnahmen. Weitere Belege bei Kreyenbroek (1995) und Omarkhali (2017).


Qewlê Tawûsî Melek: die Hymne an den Pfauenengel

Thema und Inhalt

Der Qewlê Tawûsî Melek ist ein Lobpreis auf Tawûsî Melek, den höchsten der Engel und Gottes Stellvertreter auf Erden. Die Hymne besingt seine Stärke, seine Güte und seine grenzenlose, urewige Macht; sie enthält Anrufungen, die ihn als „Engel-Herrscher der Welt" und als „seit jeher urewig" preisen (Asatrian & Arakelova; Kreyenbroek 1995). Im rituellen Vollzug wird zu Gott „durch die Standarten des Pfauenengels" gebetet, während der Qewlê Tawûsî Melek gesungen wird (Asatrian & Arakelova).

Theologische Bedeutung

Die Hymne ist ein Schlüsseltext für das Verständnis der zentralen Engelsgestalt der Êzîden. Bemerkenswert ist ein Befund der Forschung: Nach dem dokumentierten Stand ist dieser Qewl kein fester Bestandteil eines bestimmten Rituals, sondern fungiert eher als freie Gebets- und Lobform (Asatrian & Arakelova). Die ausführliche Theologie des Pfauenengels, und die klare Abgrenzung gegen die Verleumdung als „Teufel", behandelt der Artikel Tawûsî Melek.

Quelle / Edition

Die vollständigste Fassung publizierten Pîr Xidir Silêman und Xelîl Cindî Reşo 1979 in ihrer wegweisenden Sammlung Êzdiyatî (Bagdad), einem der ersten von Êzîden selbst verschriftlichten Textbände. Philip Kreyenbroek veröffentlichte sie 1995 erneut; zur Publikationsgeschichte vgl. Asatrian & Arakelova, „Malak-Tawus: the Peacock Angel of the Yezidis".


Qewlê Qiyametê: die Hymne vom Ende der Welt

Thema und Inhalt

Der Qewlê Qiyametê („Hymne der Auferstehung" bzw. „Hymne vom Ende der Welt") ist der zentrale eschatologische Text des Korpus. Omarkhali (2017) verzeichnet zwei eigenständige Versionen, jede mit eigener Melodie. Die Hymne behandelt das Weltende und die letzten Dinge (Kreyenbroek 1995, „The Hymn of the Resurrection"; Omarkhali 2017).

Die publizierte Forschung gibt für diesen Text vor allem Titel, Versionen und Melodie an; eine breite inhaltliche Detailanalyse ist in den hier ausgewerteten Übersichtsquellen knapper als bei den Schöpfungs-Hymnen. Der Artikel referiert daher bewusst zurückhaltend nur das gesicherte Thema (Eschatologie, Auferstehung, Weltende) und verweist für die êzîdîsche Lehre von Tod, Seele und Jenseits, einschließlich der Seelenwanderung, auf Tod & Seele.

Theologische Bedeutung

Mit den Schöpfungs-Qewls am einen und dem Qewlê Qiyametê am anderen Ende spannt der Hymnenkorpus den gesamten heilsgeschichtlichen Bogen auf, von der Urperle bis zum Weltende. Eschatologie und Kosmogonie bilden so die beiden Pole, zwischen denen sich die êzîdîsche Weltdeutung in gesungener Form entfaltet.

Quelle / Edition

Kreyenbroek (1995); Omarkhali (2017), die beide Versionen samt Melodieangabe systematisch verzeichnet.


Beyta Cindî: der Weckruf des einfachen Gläubigen

Thema und Inhalt

Die Beyta Cindî („Beyt des einfachen Gläubigen", engl. Song of the Commoner) ist eines der unter Êzîden bekanntesten Beyts: also ein hoch angesehener, aber (anders als ein Qewl) nicht als göttlich inspiriert geltender Text (Kreyenbroek 1995; Omarkhali 2017). Sie ruft die Gläubigen auf, „aus dem Schlaf zu erwachen", der harten Welt entschlossen entgegenzutreten und in den Kampf zu ziehen (Spät).

Häufig wird die Beyta Cindî gemeinsam mit dem Qewlê Kofa („Hymne der Kopfbedeckung") rezitiert; dieser scheinbar eigenständige Teil ist nach Spät der literarische Ausdruck des dritten Elements des „Weckrufs": des himmlischen Lohnversprechens (Spät). Beim Vortrag erklingen Def und Şibab.

Theologische Bedeutung

Eszter Spät hat den Schlaf-und-Erwachen-Topos der Beyta Cindî als gnostischen „Weckruf" gedeutet, ein Motiv, das die êzîdîsche Überlieferung mit spätantiken (gnostisch-manichäischen) religiösen Strömungen verbindet. Der Mensch wird darin als ein Schlafender vorgestellt, der zur Erkenntnis seines wahren Zustands „geweckt" werden muss. Spät zieht daraus den weiterreichenden Schluss, dass die êzîdîsche Oraltradition altes spätantikes Erbe bewahrt haben könnte (Mythologie & Symbolik). Es bleibt dabei wichtig, dass diese Deutung eine religionswissenschaftliche Interpretation ist, keine êzîdîsche Selbstaussage.

Quelle / Edition

Kreyenbroek (1995); Omarkhali (2017). Inhaltliche Analyse und gnostische Deutung: Eszter Spät, „The Song of the Commoner: The Gnostic Call in Yezidi Oral Tradition" sowie Late Antique Motifs in Yezidi Oral Tradition (Gorgias 2010).


Weitere edierte Qewls, Beyts und Du’a

Über die oben einzeln behandelten Texte hinaus enthält das Standardwerk von Kreyenbroek & Rashow (2005) zahlreiche weitere edierte und übersetzte Hymnen, Gebete und Erzählungen. Die folgende Auswahl nennt die wichtigsten mit Thema und Fundstelle in dieser Edition (Originalsprache durchgehend Kurmancî; die Seitenangaben verweisen auf die gedruckte Edition):

Glaube und Gottesbild

  • Qewlê Hezar û Yek Nav („Hymne der Tausendundein Namen", S. 74): über die unzähligen Namen Gottes, der eine Gott, der sich in vielen Namen offenbart. Ergänzt die Aussage, dass Gott 1.001 (bzw. 3.003) Namen trägt (siehe Religion).
  • Qewlê Îmanê („Hymne des Glaubens", S. 83): Grundlagen und Verpflichtungen des êzîdîschen Glaubens.
  • Qewlê Qendîla („Hymne der Lichter", S. 90): das göttliche Licht als Medium der Manifestation, eng verknüpft mit der Sonnen- und Lichtsymbolik.

Heilige Gestalten

  • Qewlê Pîr Dawud (S. 127) und Qewlê Êzdînê Mîr (S. 184): über zentrale heilige Mittlerfiguren. Eine eigene kritische Edition des Qewlê Pîr Dawud (Kurmancî-Text, Übersetzung, Kommentar) legten Pirbari, Mossaki & Rodziewicz (2020) in Written Monuments of the East 17/3, S. 115–126 vor.
  • Dua û Qewlê Şêşims (S. 201) und Beyta Sibê / Beyta Şêşims (S. 210): Verehrung von Şêx Şems, der Sonnen- und Lichtgestalt; der Morgen-Beyt verbindet sich mit dem Gebet zur aufgehenden Sonne (siehe Gebet und Alltagspraxis).

Recht, Tod und Endzeit

  • Qewlê Mirîdiyê („Hymne der Mirîd", S. 292): Stellung und Pflichten der Laienkaste (siehe Gesellschaftsordnung).
  • Qewlê Seremergê („Hymne des Todesmoments", S. 341): bei Begräbnissen rezitiert; Seele, Sterben und Übergang (siehe Tod & Seele).
  • Qewlê Tercal („Hymne des falschen Erlösers", S. 364) und Qewlê Şerfedîn (S. 368): das eschatologische Gegensatzpaar von endzeitlicher Prüfung und messianischer Hoffnung, eine Ergänzung zum oben behandelten Qewlê Qiyametê.
  • Qewlê Aşê Mihbetê („Hymne der Mühle der Liebe", S. 379): mystische Läuterung durch die göttliche Liebe.

Daneben edieren Kreyenbroek & Rashow eigenständige Du’a (Gebete) wie das Dua Bawiriyê („Gebet des Glaubens", S. 104), Dua Ziyaretbûn („Gebet der Pilgerfahrt", S. 106) und Dua Tifaqê („Gebet der Eintracht", S. 109). Khanna Omarkhali (2017) hat zusätzlich vollständige Beispiel-Editionen weiterer Hymnen vorgelegt, darunter Qewlê Padişa („Hymne des Herrn") und Qewlê Pişt Perde („Hymne hinter dem Schleier"); Letztere behandelt das Verborgene Gottes vor der Schöpfung.

Philologisch dokumentierte Hymnen und Gebetsgattungen

  • Qewlê Omer Xala û Hesin Çinêrî (Kurztitel Qewlê Omerê Xalî): Hymne über die Gestalten Omer Xala und Hesin Çinêrî, traditionell Şêx Fexir bzw. Dawidî bin Derman zugeschrieben. Khanna Omarkhali wählte ihn als methodischen Beispieltext ihrer Qewl-Analyse (Monographie Metodeka analîza qewlên Êzdiyan, Avesta 2009; erneut in Omarkhali 2017).
  • Qewlê Şêxûbekir (Şêx Ûbekir, „Obekr"): Hymne über eine heilige Gestalt der Êzîden, zur ranghöchsten Gruppe der Qewlên Beran zählend, dem Sänger Pîr Reşê Heyran zugeschrieben, mit eigener Melodie. In der Forschung bislang nur auf Katalog-Ebene erfasst (Omarkhali 2017, Eintrag Nr. 150) — Titel, Zuschreibung, Gattung und Melodie sind belegt, eine ausgearbeitete inhaltliche Edition liegt noch nicht vor.
  • Dirozge (z. B. Dirozga Şêxşims): eigene Gattung der Bittgebete mit langer Heiligen-Litanei als Fürbitte; ediert bei Omarkhali (2017, S. 334, Kurmancî mit englischer Übersetzung). Ergänzt das tägliche Du’aya Sibeykê (Morgengebet zur aufgehenden Sonne; ediert bei Kreyenbroek 1995) als rituell gebrauchte Gebetsform.

Das Glaubensbekenntnis (Şehde)

Anders als die meisten heiligen Texte, die ganz oder teilweise zum Sirr gehören, ist das Şehde (auch Şehdetiya Dîn, „Bezeugung des Glaubens") ein öffentlich bekanntes und dokumentiertes Bekenntnis. Es wird unter anderem vor dem Schlafengehen gesprochen und ist identitätsstiftend. Seine drei öffentlich überlieferten Grundaussagen sind:

  1. Es gibt einen Gott (Yek Xwedê ye); das Êzîdîtum ist monotheistisch.
  2. Tawûsî Melek wird als Zeuge dieser göttlichen Einheit bekannt (niemals als „Teufel").
  3. Die Verehrung von Sonne und Mond als sichtbare Zeichen des göttlichen Lichts.

Die volle Form ist in der wissenschaftlichen Literatur (Omarkhali 2017) und in êzîdîschen Eigenpublikationen dokumentiert. Zur gelebten Gebetspraxis, den Tagesgebeten (Du’a Sibê/Êvarê) und der Gebetsrichtung zur Sonne siehe Gebet und Alltagspraxis; zur Abgrenzung der Gattungen Qewl, Beyt, Qesîde, Du’a und Dirozge siehe Qewl-Tradition.


Das Gattungssystem der religiösen Texte

Die hier einzeln vorgestellten Hymnen sind Teil eines reich gegliederten Gattungssystems. Die êzîdîsche religiöse Überlieferung besteht weit überwiegend aus Dichtung, die mündlich und ganz überwiegend in Kurmancî weitergegeben wird; daneben stehen Prosa-Gattungen, die die dunkle, archaische Sprache der Hymnen für die Gemeinde erläutern (Omarkhali 2017; Wikipedia, „Yazidi literature"). Die folgende Systematik fasst zusammen, was die Forschung als eigene Gattungen unterscheidet; zur grundlegenden Abgrenzung Qewl/Beyt siehe auch Qewl-Tradition.

Die poetischen Gattungen

  • Qewl („Wort, Spruch") — die religiöse Hymne im engeren Sinn, als göttlich inspiriert geltend und damit der ranghöchste Texttyp. Die Qewls bilden das Zentrum des Korpus (rund 100 als authentisch geltende Qewls; Omarkhali 2017).
  • Beyt — formal den Qewls äußerlich ähnlich, aber niedriger im Rang: Beyts gelten als ehrwürdig, jedoch nicht als göttlich inspiriert (Kreyenbroek 1995; Omarkhali 2017). Beispiel: die oben behandelte Beyta Cindî.
  • Qesîde (arab. qaṣīda, Preisgedicht) — Lobgedichte, traditionell den Schülern Şêx Adîs zugeschrieben; ehrwürdig, aber nicht göttlich inspiriert (Encyclopædia Iranica, „Qawl"). Beispiel: Qesîda Şêx Adî.
  • Du’a („Gebet") und Dirozge — zwei Gebetsgattungen; die Dirozge ist durch ihre lange Heiligen-Litanei als Fürbitte gekennzeichnet (z. B. Dirozga Şêxşims; Omarkhali 2017).
  • Sema’ (wörtlich „Hören, Zuhören") — bezeichnet zugleich die feierliche Prozession der Würdenträger und die in ihrem Rahmen vorgetragenen Texte. Der Vortrag innerhalb der Sema’ ist das entscheidende Rangkriterium: Eben weil die Qewlên Beran („Widder-Hymnen") in der Sema’ gesungen werden, gelten sie als die ranghöchsten Qewls überhaupt (Omarkhali 2017; Amy de la Bretèque & Omarkhali, „The Yezidi Religious Music").
  • Robarîn (auch Robar) sowie Lavij, Xerîbo, Xizêmok, Payîzok — weitere, in der Forschung benannte poetische Gattungen der êzîdîschen Überlieferung; sie sind in den Gattungslisten verzeichnet, aber wissenschaftlich deutlich weniger erschlossen als Qewl und Beyt (Omarkhali 2017; Wikipedia, „Yazidi literature").
  • Hinzu kommen funktional bestimmte Sonderformen wie Şehdetiya Dîn (das Glaubensbekenntnis Şehde, siehe oben), Terqîn (Gebet nach dem Opfer) und Pişt Perde („hinter dem Schleier"), das das Verborgene Gottes vor der Schöpfung behandelt (Omarkhali 2017).

Die Prosa-Gattungen und der „Mishabet"

Der archaisch-poetischen Überlieferung stehen Prosa-Gattungen zur Seite, vor allem Çîrok und Çîvanok (Legenden, Mythen und Erzählungen). Sie sind in gesprochener, allgemein verständlicher Sprache gehalten und dienen dazu, den Inhalt und Kontext der Hymnen zu erklären (Omarkhali 2017; Wikipedia, „Yazidi literature"). Ein Beispiel ist die Çîroka Siltanî Zeng û Şîxadî (die Erzählung vom zangidischen Sultan und Şêx Adî).

Poesie und Prosa treffen im Mishabet („Predigt, Lehrvortrag") zusammen: Ein Qewwal trägt dabei typischerweise Teile einer Hymne vor, erzählt die zugehörige Geschichte in Prosa und zieht daraus eine moralische Lehre (Kreyenbroek 1995; Wikipedia, „Yazidi literature"). Der Mishabet ist damit die rituell-didaktische Form, in der das gesungene Sirr-Wissen für die Gemeinde aufgeschlossen wird.

Die kosmogonischen Kern-Hymnen im Überblick

Innerhalb dieses Systems bilden zwei namentlich herausragende Texte den kosmogonischen Kern, die beide oben ausführlich behandelt sind und beide zu den ranghöchsten Qewlên Beran zählen:

  • Qewlê Zebûnî Meksûr („Hymne des schwachen Gebrochenen") — die zentrale Schöpfungshymne mit der Bilderfolge Urperle → Liebe als „Sauerteig" → Hervortreten der göttlichen Wesenheiten → Entstehung von Laliş (siehe oben; Kreyenbroek & Rashow 2005; Rodziewicz 2018).
  • Qewlê Afirîna Dinyayê („Hymne von der Erschaffung der Welt") — die zweite große Kosmogonie mit Perle, Schicksals-„Stift", den Çar Yar („Vier Freunde") und der Beseelung Adams durch den Klang von Şibab und Def (siehe oben; Kreyenbroek & Rashow 2005; Cheung).

Dass die Schöpfung nicht in einem einzigen kanonischen Text, sondern in mehreren einander ergänzenden Qewls (Zebûnî Meksûr, Afirîna Dinyayê, Bê û Elîf) entfaltet wird, ist selbst Ausdruck des varianten-offenen, mündlichen Charakters der Gattung.


Überblick: die behandelten Texte

Text Gattung Thema Hauptedition / Quelle
Qewlê Zebûnî Meksûr Qewl (Qewlên Beran) Schöpfung: Perle, Liebe, Laliş, Xerqe Kreyenbroek & Rashow 2005; Rodziewicz 2018
Qewlê Bê û Elîf Qewl (Qewlên Beran) Kosmogonie, Buchstaben-Symbolik Rodziewicz 2018
Qewlê Afirîna Dinyayê Qewl (Qewlên Beran) Schöpfung: Çar Yar, Adam, Nûh Kreyenbroek & Rashow 2005; Cheung
Qewlê Şêxadî û Mêra Qewl Şêx Adî und die heiligen Männer Kreyenbroek & Rashow 2005; Omarkhali 2017
Qewlê Tawûsî Melek Qewl (freie Gebetsform) Lobpreis des Pfauenengels Silêman & Reşo 1979; Kreyenbroek 1995
Qewlê Qiyametê Qewl (2 Versionen) Eschatologie, Auferstehung, Weltende Kreyenbroek 1995; Omarkhali 2017
Beyta Cindî (+ Qewlê Kofa) Beyt / Qewl „Weckruf", Lohnversprechen Kreyenbroek 1995; Spät 2010

Einordnung

Die hier vorgestellten Texte sind nur ein Ausschnitt aus dem Korpus von rund 100 als authentisch geltenden Qewls und über 1.150 dokumentierten Oraltexten insgesamt (Omarkhali 2017). Viele weitere Hymnen und Beyts sind bislang nur als Titel oder Tonaufnahme erfasst und noch nicht ediert. Wer den Aufbau der Gattung, die Rolle der Qewwals und die Rettungsprojekte nach dem Genozid von 2014 verstehen will, findet das im Artikel Qewl-Tradition; zur êzîdîschen Religion insgesamt siehe Religion.


Quellen

Alle Quellen wurden für diesen Artikel im Juni 2026 abgerufen und geprüft. Es werden ausschließlich publizierte, wissenschaftlich analysierte Inhalte referiert; vollständige Verstexte und nicht-publizierte esoterische Deutungen werden bewusst nicht wiedergegeben.

  1. Philip G. Kreyenbroek & Khalil Jindy Rashow: God and Sheikh Adi are Perfect: Sacred Poems and Religious Narratives from the Yezidi Tradition (Iranica 9, Harrassowitz 2005), Verlags-/Institutsseite FU Berlin: https://www.geschkult.fu-berlin.de/en/e/iranistik/publikationen/iranica/iranica09/index.html · Rezension Cambridge (Iranian Studies): https://www.cambridge.org/core/journals/iranian-studies/article/god-and-sheikh-adi-are-perfect-sacred-poems-and-religious-narratives-from-the-yezidi-tradition-philip-g-kreyenbroek-and-khalil-jindy-rashow-wiesbaden-harrassowitz-verlag-2005-isbn-3447053003-xvii-435pp/C46B6A9EBF8382142EDC2DD48FA2C042
  2. Khanna Omarkhali: The Yezidi Religious Textual Tradition: From Oral to Written (Harrassowitz 2017), Volltext-PDF (Univ. Göttingen): https://www.uni-goettingen.de/de/document/download/7aa23de7edf74949749e706f404d2d4e.pdf/Omarkhali_Yezidi_Religious_Textual_Tradition_2017.pdf
  3. Wikipedia (en): „Yazidi literature" (Liste der Qewls/Beyts mit Belegen aus Kreyenbroek/Rashow 2005, Omarkhali 2017, Allison 2001), https://en.wikipedia.org/wiki/Yazidi_literature
  4. HandWiki: „Religion: Yazidi literature" (Detailliste der Qewls inkl. Qewlê Qiyametê 1 & 2, Melodieangaben), https://handwiki.org/wiki/Religion:Yazidi_literature
  5. Johnny Cheung: „On the Tales of Creation recounted by the Yezidi singers", Forschungsblog Yezidi Stories (hypotheses.org / OpenEdition), https://yes.hypotheses.org/36
  6. Estelle Amy de la Bretèque & Khanna Omarkhali: „The Yezidi Religious Music", Oral Tradition Journal, https://oraltradition.org/the-yezidi-religious-music/
  7. Encyclopædia Iranica: „QAWL" (zur Einteilung der Qewls und zur Şêx-Adî-Heilsgeschichte), https://www.iranicaonline.org/articles/qawl/
  8. Artur Rodziewicz: Jezydzkie hymny kosmogoniczne: Qewlê Zebûnî Meksûr i Qewlê Bê û Elîf (Kurmancî-Text, Übersetzung, Kommentar; Przegląd Orientalistyczny 265–266, 2018), https://www.academia.edu/38199521/
  9. Artur Rodziewicz: „The Blessed Handful of Light: Genesis and Message of the Yezidi berat", British Journal of Middle Eastern Studies 51/1 (2022), https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/13530194.2022.2108000
  10. Artur Rodziewicz: Eros and the Pearl: The Yezidi Cosmogonic Myth at the Crossroads of Mystical Traditions (Peter Lang), https://www.peterlang.com/document/1305489
  11. Garnik Asatrian & Victoria Arakelova: „Malak-Tawus: the Peacock Angel of the Yezidis" (zur Publikationsgeschichte und rituellen Funktion des Qewlê Tawûsî Melek; verweist auf Silêman & Reşo, Êzdiyatî, Bagdad 1979), https://www.academia.edu/3172037/Malak_Tawus_the_Peacock_Angel_of_the_Yezidis
  12. Eszter Spät: „The Song of the Commoner: The Gnostic Call in Yezidi Oral Tradition", https://www.academia.edu/33663927/THE_SONG_OF_THE_COMMONER_THE_GNOSTIC_CALL_IN_YEZIDI_ORAL_TRADITION · Late Antique Motifs in Yezidi Oral Tradition (Gorgias 2010): https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.31826/9781463222024-011/html
  13. Khanna Omarkhali: „Yezidi Religious Oral Poetic Literature: Status, Formal Characteristics, and Genre Analysis" (zur Systematik der poetischen und Prosa-Gattungen Qewl, Beyt, Qesîde, Sema’, Robarîn, Çîrok u. a.), https://www.academia.edu/91358803/

Dieser Artikel ist Teil des mehrsprachigen Êzdîxan-Wikis und ergänzt den Übersichtsartikel Qewl-Tradition.

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