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Tawûsî Melek
Tawûsî Melek (kurmancî Tawûsî Melek, „Engel Pfau" / „Pfauenengel") ist die zentrale Gestalt der êzîdîschen Theologie und Kosmologie. Er gilt als das erste und höchste der sieben heiligen Wesen (Heft Sirr, „Sieben Geheimnisse" oder „Sieben Mysterien"), die der eine Gott Xwedê vor der Erschaffung der materiellen Welt aus seinem eigenen Licht hervorgehen ließ. Tawûsî Melek ist der oberste Vermittler zwischen dem unbegreiflichen, transzendenten Xwedê und der erschaffenen Welt, der Statthalter Gottes auf Erden sowie der Verwalter und Bewahrer der kosmischen Ordnung (Kreyenbroek 1995; Allison 2001; Encyclopaedia Iranica, „Yazidis").
Für die Êzîden (auch Yeziden oder Jesiden) ist Tawûsî Melek keine eigenständige Gottheit neben Xwedê, sondern eine Emanation des einen Gottes, der sichtbare, wirkende Ausdruck einer Gottheit, die selbst fern und unmittelbar untätig bleibt. Wer Tawûsî Melek verehrt, verehrt damit Xwedê selbst (Kreyenbroek 1995; Açıkyıldız 2010; Omarkhali 2017). In den Worten Khanna Omarkhalis emaniert „die Natur mit ihren unzähligen Erscheinungen von Licht und Dunkelheit aus einer einzigen Quelle, nämlich Tawûsî Melek", er ist demnach selbst die erste Emanation der göttlichen Essenz (Sur) und zugleich der Kanal, durch den diese Essenz in die Welt strömt (Omarkhali 2017).
Wichtig vorweg: Tawûsî Melek wird in der êzîdîschen Tradition niemals als „Teufel", „Iblis", „Şeytan" oder gefallener Engel verstanden. Diese Gleichsetzung stammt aus polemischer Fremdliteratur, muslimischer Häresiologie und kolonial-missionarischer Ethnographie und projiziert abrahamitisch-dualistische Kategorien auf ein streng monotheistisches, nicht-dualistisches Glaubenssystem. Sie widerspricht den êzîdîschen Primärquellen vollständig (Kreyenbroek 1995; Asatrian & Arakelova 2014). Der widerlegte Vorwurf wird weiter unten ausdrücklich beim Namen genannt und entkräftet.
1. Name und Bedeutung
Der Name setzt sich zusammen aus tawûs („Pfau") und melek („Engel", aus semitischer Wurzel m-l-k). „Pfauenengel" ist also wörtlich zu verstehen: Tawûsî Melek ist der Engel, dessen Sinnbild der Pfau ist. Daneben tragen die Êzîden ihn mit Ehrentiteln an wie Melek Tawûs, Şahê Meran (in manchen Hymnen) und vor allem als Padîşahê, den „König" oder „Herrn dieser Welt" (Kreyenbroek 1995; Omarkhali 2017).
Das Element melek ist semitischen Ursprungs und mit arabisch malak / hebräisch malʾāk („Bote, Engel") verwandt; die kurdisch-êzîdîsche Tradition hat es organisch in ihre eigene Engellehre integriert. Forscher haben darauf hingewiesen, dass die Kombination eines semitischen Engelbegriffs mit einem altiranisch geprägten Lichtmonotheismus charakteristisch für die historische Schichtung der êzîdîschen Religion im nordmesopotamisch-iranischen Grenzraum ist (Asatrian & Arakelova 2014; Kreyenbroek 1995).
Wegen der religiösen Scheu, andere Namen auszusprechen, bestand traditionell ein striktes Sprachtabu: Êzîden vermeiden bestimmte Wörter, darunter ausdrücklich das arabische Şeytan, vollständig, weil schon das Aussprechen eines fremden Namens für das „böse Prinzip" als unrein gilt (Kreyenbroek 1995). Das Tabu reicht weiter und betrifft auch klangähnliche Alltagswörter: Begriffe, die an Şeytan anklingen oder den arabischen Konsonanten enthalten, werden gemieden oder umschrieben; teils gilt es als anstößig, in Gegenwart Frommer bestimmte Laute zu benutzen. Dieses Reinheitstabu wurde von Außenstehenden später paradox als „Beweis" für angebliche Teufelsanbetung missdeutet, als verschweige man einen Namen, den man insgeheim verehre, während es sich tatsächlich um das genaue Gegenteil handelt: um die rituelle Distanzierung vom Bösen (siehe Abschnitt 5).
2. Theologische Stellung: Statthalter des einen Gottes
2.1 Xwedê und die Emanationslehre
Im Zentrum des êzîdîschen Glaubens steht Xwedê: der eine, einzige Gott (auch Xwedawend, Êzdan, Padîşah). Xwedê hat nach der Hymnentradition „1.001 Namen" (in anderen Überlieferungen 3.003), bleibt jedoch transzendent und greift nicht selbst unmittelbar in die Welt ein (Kreyenbroek 1995; Omarkhali 2017). Die Schöpfung und Lenkung der Welt erfolgt durch die Heft Sirr, die sieben heiligen Engel, die aus Xwedês Licht hervorgingen und Anteil an seinem Wesen (Sûr / Sirr, „göttliche Essenz / Mysterium") haben.
Der Schlüsselbegriff Sur (auch Sirr) verdient besondere Beachtung. Sur bezeichnet die göttliche Essenz oder das „Mysterium", das von Xwedê ausgeht; nach Omarkhali besitzt diese Essenz eine eigene Persönlichkeit und einen eigenen Willen und repräsentiert das Göttliche selbst. Tawûsî Melek ist nach êzîdîschem Verständnis derjenige Engel, der „unmittelbaren Zugang zu Gottes Sur" hat, und wird zugleich als die erste Emanation dieses Sur aufgefasst (Omarkhali 2017; Kreyenbroek 1995). Damit erklärt sich, warum die Hymnen Tawûsî Melek und Xwedê oft in einem Atemzug nennen, ohne dass dies den Monotheismus aufhebt: Der Engel ist nicht ein zweites göttliches Wesen, sondern der personhafte Ausdruck der einen göttlichen Essenz in der Welt.
Diese Lehre ist eine Emanationslehre: Das Geschaffene geht stufenweise aus dem Göttlichen hervor, ähnlich den spätantiken neuplatonischen und gnostischen Vorstellungen, in denen die Welt durch absteigende Stufen aus dem Einen fließt (Rodziewicz 2014/2018; Kreyenbroek 1995). Die Beziehung ist nicht hierarchisch im Sinne von Auflehnung und Unterwerfung, sondern funktional: Xwedê bleibt absolut transzendent, während Tawûsî Melek als aktives, schöpferisches Prinzip die göttliche Absicht in der materiellen Welt verwirklicht. Artur Rodziewicz hat in seiner Studie zu den Heft Sur die Nähe dieser Struktur zur spätantiken Engel- und Emanationslehre des nordmesopotamischen Harran herausgearbeitet, ohne das Êzîdîtum darauf zu reduzieren (Rodziewicz 2014/2018).
2.2 Tawûsî Melek als „Herr dieser Welt"
Unter den sieben Engeln nimmt Tawûsî Melek die Führung ein (pre-eminent among the Heptad, so die Encyclopaedia Iranica). Xwedê übertrug ihm „alle Angelegenheiten der Welt" (Kreyenbroek 1995). Er gilt als der Lord of this World, verantwortlich für alles, was in der Welt geschieht, im Guten wie im Schwierigen. Nach der überlieferten Bildsprache „verteilt er Verantwortlichkeiten, Segnungen und Missgeschicke, wie er es für richtig hält" (Encyclopaedia Iranica). Das bedeutet aber nicht, dass er Quelle des Bösen wäre: Im êzîdîschen Denken gibt es kein eigenständiges, absolutes Böses und keinen kosmischen Gegenspieler Gottes. Die Quelle des Bösen liegt nach êzîdîscher Auffassung im Herzen und im Geist des Menschen selbst, nicht in Tawûsî Melek (Kreyenbroek 1995; Asatrian & Arakelova 2014). Was Menschen als Leid oder Prüfung erfahren, wird im Rahmen des göttlichen Willens und der Läuterung der Seele verstanden, nicht als Werk einer widergöttlichen Macht.
Diese Konzeption hat eine tiefgreifende ethische Konsequenz: Da es keinen Teufel gibt, auf den Schuld abgewälzt werden könnte, trägt der Mensch volle Verantwortung für seine Taten. Gut und Böse sind keine zwei kosmischen Mächte im Krieg, sondern Möglichkeiten der freien menschlichen Seele, die durch wiederholte Existenzen (die êzîdîsche Tradition kennt Vorstellungen von Seelenwanderung) zur Läuterung gelangt (Asatrian & Arakelova 2014; Kreyenbroek 1995).
Sein Gehorsam gegenüber Xwedê ist in den heiligen Texten als vollkommen und ewig beschrieben. Der Begriff einer Rebellion gegen Gott ist innerhalb der êzîdîschen Lehre theologisch nicht denkbar: ein Punkt, der für die Widerlegung der Teufelsanbeter-Verleumdung entscheidend ist.
2.3 Die Triade: Tawûsî Melek, Sultan Êzî und Şêx Adî
Die êzîdîsche Theologie kennt eine Dreiheit von Manifestationen des einen Gottes, die in den Hymnen oft ineinander übergehen und nicht scharf getrennt werden (Kreyenbroek 1995; Allison 2001):
| Manifestation | Rolle |
|---|---|
| Tawûsî Melek | Pfauenengel, Anführer der Heft Sirr, „Herr dieser Welt" |
| Sultan Êzî (Êzîd) | göttliche Manifestation; Namensgeber der Gemeinschaft, oft mit Tawûsî Melek verschmolzen |
| Şêx Adî (Şêx Adî ibn Misafir, 12. Jh.) | irdische Inkarnation des göttlichen Prinzips; Gründungsgestalt, in Lalîş begraben |
Şêx Adî gilt in der Tradition als Inkarnation Tawûsî Meleks (bzw. des göttlichen Mysteriums) auf Erden (Kreyenbroek 1995; Açıkyıldız 2010). Der historische Şêx Adî ibn Misafir († um 1162) war ein aus dem Libanon-Bekaa stammender Sufi-Asket, der sich im Tal von Lalîş niederließ; in der späteren êzîdîschen Überlieferung wurde er zur Trägergestalt des göttlichen Sur, sodass sich historische Person und göttliche Manifestation überlagern. Das vielzitierte Bekenntnis „Gott und Şêx Adî sind vollkommen" (Titel der Edition von Kreyenbroek & Rashow 2005) drückt diese Verschränkung aus: Es ist keine Vergötterung eines Menschen, sondern die Anerkennung des in ihm wirkenden göttlichen Mysteriums. Diese Verschränkung unterstreicht, dass es nicht um drei Götter geht, sondern um drei Erscheinungsweisen des einen Xwedê. Sultan Êzî und Şêx Adî werden weiter unten ausführlicher behandelt.
3. Kosmogonie: Perle, Sieben Engel und Erschaffung der Welt
Nach den überlieferten Qewl (sakrale Hymnen) schuf Xwedê zunächst aus seinem reinen Licht eine weiße Perle (dur, durr) in geistiger Gestalt. In ihr ruhte die Welt verborgen, ehe sie zerbarst; aus ihr gingen die Urfarben (rot, gelb, weiß) und ein „kosmischer Ozean" hervor, aus dem alle Existenz floss (Kreyenbroek 1995; Omarkhali 2017). Die Encyclopaedia Iranica fasst zusammen, dass die von Gott geschaffene Welt „zunächst eine Perle" war, bevor sie in ihre heutige Gestalt umgeformt wurde; „während dieser Phase wurden die Heptade ins Dasein gerufen" (Encyclopaedia Iranica, „Yazidis").
Vor der Erschaffung der materiellen Erde rief Xwedê die Heft Sirr ins Dasein und übertrug ihnen die Weltlenkung. Tawûsî Melek erhielt als ihr Anführer den Auftrag, die Schöpfung zu ordnen, und führte ihn in vollkommener Hingabe aus. In mehreren Versionen wird beschrieben, dass Tawûsî Melek nach Bestehen einer Prüfung den Kosmos aus dem „Welt-Ei" bzw. aus der zerborstenen Perle formte (Kreyenbroek 1995; Spät 2008/2010). Die übrigen sechs Engel verwalten je einen kosmischen Bereich; die kosmische Harmonie hängt nach êzîdîschem Verständnis von der vollständigen Ausrichtung am göttlichen Willen ab.
Ein häufig in den Qewls wiederkehrendes Motiv ist die Beruhigung der unruhigen Ur-Erde: Die noch lebensfeindliche, bebende Erde wird erst dadurch fruchtbar und bewohnbar, dass Tawûsî Melek auf sie herabkommt und seine schillernden Flügel über ihr ausbreitet. Aus diesem Akt, dem Niedergehen des lichthaften Engels auf die unfertige Welt, gehen Fruchtbarkeit, Farben (der „Regenbogen") und die Lebensordnung hervor (vgl. das Neujahrsfest Sersal, Abschnitt 7.3). Dieses Motiv verbindet die Kosmogonie unmittelbar mit dem liturgischen Jahreslauf der Êzîden.
Diese Schöpfungserzählungen unterscheiden sich grundlegend von den abrahamitischen und gehen, so der Forschungsstand, auf altmesopotamische und indo-iranische Substrate zurück (Kreyenbroek 1995; Spät 2008/2010). Eszter Spät hat in Late Antique Motifs in Yezidi Oral Tradition (2008/2010) gezeigt, wie viele dieser Bilder, die kosmische Perle, das Welt-Ei, der Urozean, Parallelen in der spätantiken Religionswelt Nordmesopotamiens besitzen, ohne dass damit eine schlichte „Entlehnung" behauptet werden dürfte.
4. Die Prüfungs-Erzählung: Treue zum EINEN Gott
Eine der theologisch wichtigsten Erzählungen betrifft die Verweigerung der Niederwerfung vor Adam.
Als Xwedê die ersten Menschen erschuf, befahl er den sieben Engeln, sich vor Adam niederzuwerfen. Tawûsî Melek verweigerte diese Niederwerfung. Im êzîdîschen Verständnis war dieser Befehl jedoch eine Prüfung: Xwedê wollte erkennen, welcher Engel ihm, und nur ihm, vollkommen treu sei und sich vor niemandem außer dem Schöpfer niederwerfe. Tawûsî Melek war der Einzige, der sich weigerte, weil er sich vor niemandem als dem höchsten Gott niederwerfen wollte. Die Überlieferung legt ihm die Antwort in den Mund: „Wie könnte ich mich vor einem anderen Wesen niederwerfen!" (Kreyenbroek 1995; Spät 2008/2010; Allison, Encyclopaedia Iranica). Seine Weigerung ist damit kein Ungehorsam, sondern der höchste Ausdruck von Treue und reinem Monotheismus: Er weigert sich, ein Geschöpf anzubeten, weil Anbetung allein Xwedê gebührt.
4.1 Die Erhöhung statt des Falls
Entscheidend ist der Ausgang der Erzählung. In einer in der Literatur breit bezeugten Variante wird Tawûsî Melek zunächst auf die Probe gestellt bzw. (in den dem Êzîdîtum von außen angenäherten Fassungen) sogar „in die Hölle geworfen", doch seine Reuetränen löschen die Feuer, und er wird mit Gott versöhnt und erhöht (Kreyenbroek 1995; volkstümliche Überlieferung, vgl. Spät 2008/2010). Aus den Tränen der Reue, so eine verbreitete Bildvariante, entstehen sieben Krüge bzw. ein Wasser, das die Höllenflammen erstickt, woraus zugleich folgt, dass es in der êzîdîschen Heilsordnung keine ewige Verdammnis gibt. Wo die Niederwerfungs-Episode überhaupt mit einem „Fall" beginnt, endet sie konsequent in Reue, Vergebung und Erhöhung zum „Herrn dieser Welt", nicht in dauerhafter Verstoßung.
Diese Pointe ist theologisch zentral: Ein Engel, der fällt und erhöht wird, ist das genaue Gegenteil eines Engels, der fällt und für immer verdammt bleibt. Tawûsî Melek fällt im eigentlichen Sinne gar nicht: er besteht eine Prüfung; und selbst dort, wo Erzählvarianten von Strafe sprechen, mündet alles in Versöhnung. Die êzîdîsche Lehre kennt daher keinen „gefallenen Engel" und kein Reich des ewig Bösen.
4.2 Der entscheidende Unterschied zur islamischen Iblis-Erzählung
Oberflächlich ähnelt diese Erzählung dem koranischen Bericht über Iblis, der sich ebenfalls weigert, sich vor Adam niederzuwerfen. Die theologische Wertung ist jedoch diametral entgegengesetzt:
| Islamische Iblis-Erzählung | Êzîdîsche Tawûsî-Melek-Erzählung | |
|---|---|---|
| Handlung | Weigerung, sich vor Adam niederzuwerfen | Weigerung, sich vor Adam niederzuwerfen |
| Motiv | Hochmut, Stolz (kibr) | ausschließliche Hingabe an den einen Gott |
| Wertung | Sünde, Ungehorsam | höchste Treue, Bewährung |
| Folge | Fall aus Gottes Gnade, ewige Verfluchung | Reue, Versöhnung, Erhöhung zum „Herrn dieser Welt" |
| Endzustand | Satan, kosmischer Widersacher | treuer Lichtengel, Statthalter Gottes |
Während Muslime Iblis für seine Weigerung verachten und seinen Trotz als Fall aus der Gnade Gottes deuten, verehren die Êzîden Tawûsî Melek gerade wegen seiner Treue zu Gott. Aus êzîdîscher Sicht hätte eine Niederwerfung vor dem Geschöpf Adam den Monotheismus verletzt; die Verweigerung ist daher Tugend, nicht Sünde (Kreyenbroek 1995; Allison, Encyclopaedia Iranica). Der formale Parallelismus der beiden Erzählungen ist gerade die Quelle des historischen Missverständnisses: Weil die Handlung („Weigerung vor Adam") identisch klingt, schlossen muslimische Beobachter fälschlich auf Identität der Figuren, und übersahen, dass Motiv, Wertung und Ausgang vollständig gegensätzlich sind (siehe Abschnitt 5).
5. Die externe Verleumdung „Teufelsanbeter": Ursprung und Widerlegung
Die Behauptung, Êzîden seien „Teufelsanbeter" (devil worshippers), gehört zu den ältesten und folgenschwersten Verleumdungen gegen die Gemeinschaft und diente über Jahrhunderte zur theologischen Rechtfertigung von Verfolgung und Völkermord (Fermane). Im Folgenden wird der Vorwurf ausdrücklich benannt, um ihn zu erklären und zu entkräften.
5.1 Warum der Vorwurf entstand
Mehrere Faktoren wirkten zusammen:
- Namensähnlichkeit und Sprachtabu. Tawûsî Melek wird gelegentlich mit Namen wie Şeytan/Şeytanî assoziiert oder umschrieben; Şeytan ist im Koran zugleich der Name des Teufels. Zugleich vermeiden Êzîden das Wort Şeytan aus Ehrfurcht vollständig (siehe Abschnitt 1). Außenstehende deuteten diese Scheu paradox als Geständnis statt als das, was sie ist: ein Reinheitstabu (Kreyenbroek 1995; Asatrian & Arakelova 2014).
- Die parallele Prostrations-Erzählung. Seit dem späten 16. Jahrhundert verglichen muslimische Gelehrte die Verweigerung der Niederwerfung mit der Iblis-Erzählung und schlossen fälschlich auf Identität der Figuren. Da die Handlung (Weigerung vor Adam) in beiden Traditionen gleich lautet, wurde die entgegengesetzte Wertung übersehen (Kreyenbroek 1995; siehe Abschnitt 4.2).
- Koloniale und missionarische Ethnographie. Die einflussreichsten westlichen Erstquellen des 19. Jahrhunderts, Austen Henry Layards Nineveh and its Remains (1849) und Nineveh and Babylon (1853) sowie George Percy Badgers The Nestorians and their Rituals (1852), verbreiteten das Etikett im Westen. Layards Beschreibung der bronzenen Pfau-Effigie (Sancak) Tawûsî Meleks trug maßgeblich zur Verfestigung des Beiworts „teufelsanbetend" bei. Bemerkenswert ist, dass Layard selbst nach seinem Besuch das ruhige, untadelige Auftreten und die Ordentlichkeit der êzîdîschen Dörfer beschrieb und die Anschuldigungen für unbegründet hielt (Guest 1993; Allison 2001).
- Untergeschobene „heilige Bücher". Die im 19./frühen 20. Jh. zirkulierenden Texte Kitêba Cilwe (Kitāb al-Jilwah, „Buch der Erleuchtung/Offenbarung") und Mishefa Reş (Maṣḥaf Reş, „Schwarzes Buch") gelten in der Forschung heute weitgehend als spätere Kompilationen bzw. Fälschungen, die zwar echtes Überlieferungsgut spiegeln können, aber von Außenstehenden mitgeprägt wurden und den Teufelsanbeter-Topos verstärkten (Kreyenbroek 1995; Guest 1993). Bezeichnend ist, dass die eigentliche, lebendige Überlieferung der Êzîden mündlich in den Qewls liegt; die als „Bücher" präsentierten Texte spielten in der gelebten Religion nie die Rolle, die ihnen westliche Beobachter zuschrieben.
- ISIS-Propaganda (2014). In jüngster Zeit nutzte der „Islamische Staat" das Etikett „Teufelsanbeter" zur ideologischen Rechtfertigung des Genozids an den Êzîden in Şingal (Sinjar) im August 2014, Massenmorde, Versklavung und Vertreibung wurden mit eben diesem alten Verleumdungstopos begründet. Der Genozid führte der Weltöffentlichkeit vor Augen, dass die jahrhundertealte Verleumdung nicht harmlos, sondern unmittelbar tödlich ist.
5.2 Die wissenschaftliche Widerlegung
Die religionswissenschaftliche Forschung hat die Gleichsetzung eindeutig zurückgewiesen:
- Es existiert kein Beleg dafür, dass Êzîden Tawûsî Melek als dieselbe Figur wie Iblis oder Satan verehrten. Tawûsî Melek ist Anführer der Engel, kein gefallener und kein in Ungnade gefallener Engel (Kreyenbroek 1995; Açıkyıldız 2010). Die Encyclopaedia Iranica hält ausdrücklich fest, dass die meisten Êzîden die Gleichsetzung mit Satan als zutiefst beleidigend empfinden.
- Im êzîdîschen System fehlt das Grundaxiom des Dualismus: ein eigenständiges Böses, das Gott entgegensteht. Ohne kosmischen Teufel kann es keine „Teufelsanbetung" geben (Asatrian & Arakelova 2014). Das Böse ist im êzîdîschen Denken kein Wesen, sondern eine Möglichkeit des menschlichen Herzens.
- Die scheinbaren Parallelen entstehen durch Übertragung fremder, abrahamitisch-dualistischer Denkmuster auf eine nicht-dualistische Religion. Erzählungen, die Tawûsî Melek tatsächlich mit dem Bösen verknüpfen, sind der êzîdîschen Tradition fremd und wurden vermutlich von außen (durch muslimische bzw. christliche Tradenten) eingetragen (Kreyenbroek 1995; Açıkyıldız 2010).
- Der Ausgang der Niederwerfungs-Erzählung widerlegt die Gleichsetzung in sich selbst: Tawûsî Melek wird nicht verflucht, sondern erhöht; selbst Straf-Varianten enden in Reue und Versöhnung (siehe Abschnitt 4.1). Eine Figur ohne ewige Verdammnis ist das strukturelle Gegenteil des abrahamitischen Satan.
Fazit: Der Vorwurf der „Teufelsanbetung" ist ein Fremdetikett ohne Grundlage in den êzîdîschen Quellen. Tawûsî Meleks eigene Identität ist die eines treuen, lichthaften Engels und Statthalters Xwedês, niemals die eines Teufels. Eine ausführlichere Behandlung der untergeschobenen Schriften und der Verleumdungsgeschichte findet sich im Artikel zu den êzîdîschen Fälschungen (siehe interne Verweise).
6. Symbolik des Pfaus und Ikonographie
6.1 Der Pfau als Lichtsymbol
Der Pfau (tawûs) steht für göttliches Licht, Reinheit, Schönheit, Erneuerung und den zyklischen Charakter der Zeit. Die strahlenden Federn werden als Sinnbild der Sonnenstrahlen gedeutet, die jeden Morgen ihr lebenspendendes Licht spenden; die Vielfalt der Farben im Federkleid symbolisiert die „unzähligen Farben der Natur" und den Regenbogen, den Tawûsî Melek bei seinem Herabkommen über die Erde spannt (Açıkyıldız 2010; Kreyenbroek 1995). Die Verbindung mit dem Vogel ist nicht als Tierverehrung oder Anthropomorphismus zu verstehen, sondern als Bild für die wachende, lichthafte Gegenwart des höchsten Engels in der Welt. Der Pfau, der sein Rad schlägt und dabei eine Fülle schimmernder „Augen" und Farben offenbart, ist dabei ein besonders treffendes Sinnbild für einen Engel, der die eine göttliche Essenz in die Vielfalt der Schöpfung entfaltet.
Der Pfau ist den Êzîden heilig: Es ist ausdrücklich verboten, ihn zu jagen, zu essen, zu verfluchen oder zu misshandeln (Açıkyıldız 2010).
6.2 Die Sancak / Senjaq (Pfau-Bronzen)
Die wichtigsten Kultobjekte sind die Sancak (auch Sinjaq, Senjaq), gegossene Pfau-Figuren aus Bronze (oder Messing/Eisen) auf einem Leuchterständer, die Tawûsî Melek darstellen. Der Tradition nach gab es ursprünglich sieben Sancaks, entsprechend den sieben êzîdîschen Bezirken (ebenfalls sancak genannt). Die bedeutendste Figur trägt den Namen Anzal („der Uralte" / „die Uralte") und wird beim großen Cem in Lalîş den Gläubigen gezeigt (Spät 2017; Kreyenbroek & Rashow 2005). Eszter Spät zählt den „Tawus von Anzal" zu den wenigen erhaltenen bzw. wiedergewonnenen Sancaks, der auf seinen Touren die êzîdîschen Orte in Şêxan, Tel Kêf, Duhok, Başiqe und Behzanî besucht (Spät 2017).
Im Ritual des Tawûsgêran („das Umhertragen des Pfaus", auch „Parade des Sancak") trugen die Qewal, die berufsmäßigen Hymnensänger („Meister des Wortes"), gemeinsam mit weiteren religiösen Würdenträgern die Sancaks von Dorf zu Dorf durch die êzîdîschen Gebiete, sangen die Lobhymnen auf den Pfauenengel, sammelten Spenden, verteilten geweihtes Wasser und Berat (heilige Erd-/Stein-Kügelchen aus Lalîş) und banden so die verstreute Gemeinschaft an das heilige Zentrum Lalîş. Eszter Spät hat diese Prozession und die Rolle der Sancaks als „materialisiertes Gedächtnis" der Gemeinschaft eingehend untersucht: Der wandernde Sancak macht die abstrakte Lehre vom Pfauenengel sinnlich erfahrbar und stiftet über die geographische Zerstreuung hinweg eine konkrete, jährlich erneuerte Gemeinschaftsbindung (Spät 2017). Politische und konfessionelle Konflikte haben den Tawûsgêran in der Neuzeit mehrfach unterbrochen; jüngere Wiederbelebungen der Tradition gelten der Gemeinschaft als Zeichen kultureller Selbstbehauptung.
6.3 Farben
In der êzîdîschen Symbolik sind insbesondere die Urfarben aus der Schöpfungserzählung bedeutsam (rot, gelb, weiß). Die Farbe Blau gilt in manchen Traditionen als tabuisiert. Das schillernde, vielfarbige Federkleid des Pfaus selbst steht für die Fülle der Schöpfung; die bunten, beim Neujahr gesegneten Eier (rot, blau, grün, gelb) versinnbildlichen den Regenbogen, den Tawûsî Melek bei seinem Herabkommen in Lalîş schuf (Açıkyıldız 2010). (Genaue Farbtabus variieren regional und werden in der Literatur unterschiedlich dargestellt, hier als regional unterschiedlich gekennzeichnet.)
6.4 Der Tawûsgêran: Prozession des heiligen Sancak durch die Dörfer
Während Abschnitt 6.2 die Sancaks als Kultobjekte vorstellt, beschreibt der Tawûsgêran (kurmancî tawûs gêran, „das Umherführen des Pfaus"; auch „Parade des Sancak" oder engl. parading of the peacock) das zugehörige rituelle Ereignis: die feierliche Prozession, mit der eine der bronzenen Pfau-Figuren durch die êzîdîschen Siedlungen getragen wurde. Der Tawûsgêran galt als eines der wichtigsten Mittel zur jährlichen Erneuerung des Glaubens und zur Bindung der geographisch zerstreuten Gemeinschaft an das Zentrum Lalîş (Spät 2017; Kreyenbroek 1995).
Ablauf und Organisation
Träger der Prozession waren die Qewal (auch Kewal/Kawwal), die berufsmäßigen Hymnensänger und „Meister des Wortes", die nicht der priesterlichen Kaste der Şêx oder Pîr angehören, sondern als eigene Funktionsgruppe für die Rezitation der mündlichen Tradition zuständig sind. Der Tradition nach gingen die Qewal vom geistlichen Zentrum Lalîş und vom administrativen Kerngebiet Şêxan (Sheikhan) aus, vielfach mit Begleitschutz, in die übrigen êzîdîsch besiedelten Gebiete. Mehrere Quellen beschreiben den Rhythmus als regelmäßig wiederkehrend, teils halbjährlich (biannual), teils als jährlicher Besuch jedes Dorfes (Spät 2017; Yazidi social organization, Wikipedia; Kurdistan24 2024).
Der einzelne Besuch folgte einem festen Muster:
- Die Qewal führten den Sancak in die Ortschaft und sangen die Lobhymnen auf Tawûsî Melek (insbesondere den Qewlê Tawûsî Melek), begleitet von Rahmentrommel (def) und Flöte (şibab).
- Die Gläubigen versammelten sich, küssten den Sancak, sprachen Wünsche und Gebete und brachten freiwillige Spenden (Almosen) dar, die für den Unterhalt des Heiligtums Lalîş und der religiösen Würdenträger bestimmt waren.
- Verteilt wurden geweihtes Wasser (av aus der heiligen Quelle Kaniya Spî, „Weiße Quelle") sowie Berat – kleine geweihte Kügelchen aus der heiligen Erde Lalîş.
- Es wurden Neuigkeiten ausgetauscht, religiöse Unterweisung gegeben und soziale Angelegenheiten der Gemeinde besprochen; vielerorts schloss sich ein gemeinsames Mahl und der religiöse Reigentanz (govend) an (Kurdistan24 2024; Spät 2017).
Auf diese Weise verband der Tawûsgêran liturgische, wirtschaftliche und gemeinschaftsstiftende Funktionen in einem einzigen Ritual: Er sicherte die Finanzierung des Zentrums, bekräftigte die spirituelle Autorität von Lalîş und des Mîr (des weltlichen Fürsten der Êzîden) und machte die abstrakte Lehre vom Pfauenengel für die Dorfbevölkerung sinnlich erfahrbar.
Bedeutung: „materialisiertes Gedächtnis"
Eszter Spät hat den Tawûsgêran in ihrer Studie Materializing Memory – The Role of the Yezidi Peacock Sanjak (2017) als zentrales Medium des kollektiven Gedächtnisses gedeutet. In einer überwiegend schriftlosen, mündlich tradierten Religion ersetzt der wandernde, physisch greifbare Sancak gewissermaßen das fehlende heilige Buch: Er macht die Lehre vom höchsten Engel über die räumliche Zerstreuung hinweg konkret, körperlich und jährlich neu erfahrbar und stiftet so eine Gemeinschaftsbindung, die nicht auf Text, sondern auf wiederholtem rituellem Vollzug beruht (Spät 2017). Der Tawûsgêran ist damit weniger eine bloße „Sammeltour" als ein periodisches Wieder-Vergegenwärtigen der gesamten Glaubenswelt im einzelnen Dorf.
Die sieben Sancaks und ihre Bezirke
Der Tradition nach existierten sieben Sancaks, entsprechend den sieben êzîdîschen Bezirken (ebenfalls sancak genannt); jeder Bezirk war einer dieser Pfau-Figuren zugeordnet, die dort auf Prozession geführt wurde (Spät 2017; Açıkyıldız 2010). Von den ursprünglich sieben Figuren ist nur ein Teil erhalten: Der bedeutendste noch existierende Sancak trägt den Namen Anzal („der/die Uralte"); er tourt nach Spät durch die êzîdîschen Orte in Şêxan, Tel Kêf, Duhok, Başiqe und Behzanî (Spät 2017). Im 21. Jahrhundert waren wieder mehrere Tawûs-Figuren in Umlauf, die unterschiedliche Regionen abdeckten – eine für den irakischen Kernraum, eine für Şingal (Sinjar) und die Gegend um Zakho sowie eine weitere für die êzîdîschen Gemeinden in Syrien (Kurdistan24 2024).
Historische Verbote und Unterbrechungen
Der Tawûsgêran wurde durch politische und konfessionelle Konflikte mehrfach unterbrochen. Bereits unter osmanischer Herrschaft litt die Tradition unter den wiederholten antiêzîdîschen Verfolgungen; der Überlieferung nach gingen im Zuge einer Verfolgungskampagne 1892 – verbunden mit dem osmanischen General Ömer Wehbi Pascha und dem Zwang zur Konversion – mehrere der sieben Sancaks verloren, von denen mehrere bis heute verschollen sind (Kurdistan24 2024; vgl. Guest 1993). Diese Verluste erklären, warum die Zahl der tatsächlich noch geführten Figuren weit unter den traditionellen sieben liegt.
Im 20. Jahrhundert kam die Prozession unter dem irakischen Staat über längere Zeiträume zum Erliegen. Die baathistische Arabisierungspolitik ab den späten 1960er Jahren – Zwangsumsiedlung Hunderttausender Êzîden, Zerstörung von rund 200 Dörfern in der Region Şingal und Konzentration der Bevölkerung in Sammelsiedlungen (mujamma’at) – zerschnitt die historisch gewachsenen Siedlungsstrukturen und die Routen, auf denen der Sancak von Dorf zu Dorf getragen worden war (vgl. Persecution of Yazidis, Wikipedia). In jüngerer Zeit berichten Gemeindemitglieder, der Tawûs sei „mehrere Jahre lang nicht gekommen", bevor die Prozession (in Quellen als Tawus Tour dokumentiert) wieder aufgenommen wurde; die Rückkehr des Sancak in die Dörfer wurde als Anlass großer Freude und als Zeichen kultureller Selbstbehauptung erlebt (Kurdistan24 2024). Auch der Genozid des „Islamischen Staats" 2014 in Şingal und die anschließende Vertreibung großer Teile der Gemeinschaft trafen die Voraussetzungen der Prozession unmittelbar.
Hinweis zur Quellenlage: Die genaue Periodizität (jährlich vs. halbjährlich), die exakte Zahl der jeweils noch geführten Sancaks und die Datierung einzelner Unterbrechungen werden in der Literatur teils unterschiedlich angegeben und hingen historisch von der jeweiligen Sicherheitslage ab. Die hier genannten Routen und die Rolle des Sancak Anzal folgen Spät (2017); die Angaben zur Wiederaufnahme im 21. Jahrhundert stützen sich auf journalistische Berichterstattung (Kurdistan24 2024).
7. Rolle in den Qewls, Gebet und Festen
7.1 Qewls (heilige Hymnen) und Liturgie
Die êzîdîsche Religion ist primär mündlich überliefert. Ihr Kern sind die Qewl (von qewl, „Wort/Rede"), kryptische sakrale Hymnen, vorgetragen von spezialisierten Sängern (Qewal). Zum Verständnis gehören erläuternde Erzählungen (çîrok) sowie weitere Textgattungen (beyt, du’a/Gebete u. a.), deren Systematik Khanna Omarkhali in ihrer Studie zur Transmission, Kategorisierung und Kanonisierung der mündlichen Texte erstmals umfassend erschlossen hat (Omarkhali 2017). In den Qewls erscheint Tawûsî Melek durchgehend als Anführer der Heft Sirr, als „Herr dieser Welt" und als Manifestation Xwedês; sie bewahren vor-islamische kurdische und altiranische theologische Substrate (Kreyenbroek 1995; Kreyenbroek & Rashow 2005; Omarkhali 2017).
Zentrale Texte mit unmittelbarem Bezug zu Tawûsî Melek sind insbesondere der „Qewlê Tawûsî Melek" (die Hymne auf den Pfauenengel) sowie kosmogonische Hymnen wie der „Qewlê Zebûnî Meqaran" und Hymnen über die Schöpfung der Welt aus der Perle, in denen die Emanation, die Sieben Engel und die Ordnung des Kosmos besungen werden (vgl. die Editionen bei Kreyenbroek 1995 und Kreyenbroek & Rashow 2005). Philip Kreyenbroek legte 1995 die erste große englischsprachige Studie samt Übersetzung zentraler Hymnen vor; Kreyenbroek & Rashow (2005) erweiterten das edierte Corpus erheblich und stellten Texte aus dem Inneren der religiösen Tradition bereit. Liturgisch werden die Tawûsî-Melek-Hymnen vor allem bei den großen Versammlungen (Cem), beim Tawûsgêran und im Jahreskreis gesungen; sie sind damit nicht bloß Lehrtexte, sondern aktiver Vollzug der Verehrung.
7.2 Gebetsrichtung
Êzîden wenden sich im persönlichen Gebet der Sonne zu (zu Sonnenaufgang gen Osten, mittags und abends in die jeweilige Richtung der Sonne). Diese Ausrichtung wurde von Außenstehenden fälschlich als „Sonnenanbetung" gedeutet; tatsächlich ist die Sonne Sinnbild des göttlichen Lichts, dessen lichthafter Ausdruck Tawûsî Melek ist, „denn Gott wie die Sonne gelten ihrem Wesen nach als feurig" (vgl. die Lichttheologie des Sersal-Festes). Gebete sind überwiegend privat; der Betende verbindet sich im Licht der Sonne mit dem in Tawûsî Melek wirkenden göttlichen Sur (Kreyenbroek 1995; Açıkyıldız 2010). Details der täglichen Gebetspraxis werden im Artikel zur Gebet-Praxis behandelt (siehe interne Verweise).
7.3 Feste mit Bezug zu Tawûsî Melek
- Sersal (êzîdîsches Neujahr, „Roter Mittwoch" / Çarşema Sor): begangen am ersten Mittwoch nach dem 14. April (im Monat Nîsan). Gefeiert wird das Herabkommen Tawûsî Meleks auf die Erde als Licht: Nach êzîdîschem Glauben steigt der Pfauenengel als Statthalter Gottes an diesem Tag auf die Erde herab, breitet seine strahlenden Flügel aus, beruhigt die noch unruhige Erde und segnet sie mit Frieden und Fruchtbarkeit. Am Vorabend (Dienstagabend) erfüllen Kerzen und Lampen das Lalîş-Tal; in Lalîş wird ein großes Feuer entzündet, um Tawûsî Melek als wiederkehrende Sonne herbeizurufen. Bunt gefärbte Eier (rot, blau, grün, gelb) werden gesegnet und verteilt, sie versinnbildlichen den Regenbogen, der bei der Herabkunft entstand (Kreyenbroek 1995; Omarkhali 2017; vgl. Sere-Sal-Überlieferung). Wichtig: Sersal ist nicht identisch mit Newroz (21. März); beide sind verschiedene Feste mit unterschiedlichem Datum und unterschiedlicher Bedeutung.
- Cejna Cemaiyê („Fest der Versammlung"): die große Herbst-Pilgerfahrt nach Lalîş (etwa 6.–13. Oktober) zum Grab Şêx Adîs, das größte Fest des Jahres, bei dem auch die Sancak Anzal gezeigt wird und die zentralen Qewls auf Tawûsî Melek erklingen (Kreyenbroek 1995; Spät 2017).
8. Religionswissenschaftliche Zusammenhänge und diskutierte Parallelen
Die Herkunft der Tawûsî-Melek-Gestalt und der Heft-Sirr-Lehre ist Gegenstand intensiver, aber teils umstrittener Forschung. Folgende Parallelen werden in der seriösen Literatur diskutiert: sie sind als mögliche Bezüge bzw. Hypothesen zu verstehen, nicht als gesicherte Tatsachen:
- Altiranisch / zoroastrisch (Hypothese): Die Emanationsstruktur und die sieben Engel werden mit altiranischen Vorstellungen (etwa den sieben Amesha Spenta, den „Heiligen Unsterblichen" des Zoroastrismus) in Verbindung gebracht; auch die Bezeichnung Êzdan / Yazata („verehrungswürdiges Wesen") weist in diese Richtung (Kreyenbroek 1995; Asatrian & Arakelova 2014). Die ältere Gleichsetzung Tawûsî Meleks mit dem zoroastrischen Ahriman wird von der Forschung zurückgewiesen: sie beruht auf demselben dualistischen Fehlschluss wie die Teufelsanbeter-These (Kreyenbroek 1995).
- Mesopotamisch (Hypothese): Die Schöpfungsmotive (Perle, kosmischer Ozean, Welt-Ei) werden mit altmesopotamischen und spätantiken Substraten Nordmesopotamiens in Verbindung gebracht (Spät 2008/2010).
- Gnostisch / neuplatonisch (Hypothese): Die stufenweise Emanation der Welt aus dem transzendenten Einen ähnelt gnostisch-neuplatonischen Kosmologien; Rodziewicz verweist insbesondere auf die spätantike Engellehre von Harran (Rodziewicz 2014/2018; Asatrian & Arakelova 2014, Reihentitel Gnostica).
- Mithräisch / solar (spekulativ): Die solare Dimension (Gebetsrichtung, Lichtsymbolik) führte einzelne Forscher zu Bezügen auf iranische Sonnenkulte bzw. den Mithras-Kult; diese Verbindungen gelten ausdrücklich als spekulativ (Asatrian & Arakelova 2014).
Zugleich betont die neuere Forschung (u. a. Allison, Spät, Omarkhali, Rodziewicz), dass das Êzîdîtum eine eigenständige Religion mit eigener innerer Logik ist und nicht als bloßes „Synkretismus-Mosaik" oder als Ableger einer anderen Religion erklärt werden sollte. Frühere Versuche, das Êzîdîtum vorschnell aus fremden Systemen abzuleiten, wurden als methodisch fragwürdig kritisiert (Allison 2001; Spät 2008/2010). Die genannten Parallelen erhellen den historischen Kontext, ersetzen aber nicht die eigenständige Bedeutung, die Tawûsî Melek im gelebten êzîdîschen Glauben besitzt. Weitere Bezüge zu Nachbarreligionen werden im Artikel Nachbarreligionen entfaltet (siehe interne Verweise).
9. Korrekte Begriffe (Konventionen)
| Begriff | Bedeutung |
|---|---|
| Xwedê / Xudê | der eine Gott (niemals mit „Allah" gleichgesetzt) |
| Sur / Sirr | göttliche Essenz / Mysterium, das von Xwedê ausgeht; Tawûsî Melek ist seine erste Emanation |
| Heft Sirr | die Sieben Geheimnisse / sieben heiligen Engel |
| Tawûsî Melek | „Engel Pfau", Anführer der Heft Sirr, niemals „Teufel" / „Iblis" / „Şeytan" |
| Sultan Êzî | göttliche Manifestation; Namensgeber der Gemeinschaft |
| Şêx Adî | Şêx Adî ibn Misafir (12. Jh.), irdische Inkarnation, in Lalîş begraben |
| Qewl | sakrale Hymnen der mündlichen Überlieferung |
| Qewal | berufsmäßige Hymnensänger, Träger der Sancak |
| Sancak / Senjaq | bronzene Pfau-Kultfiguren Tawûsî Meleks (Hauptfigur: Anzal) |
| Tawûsgêran | Prozession des Umhertragens der Sancak |
| Lalîş | das zentrale Heiligtum |
| Sersal / Çarşema Sor | êzîdîsches Neujahr, „Roter Mittwoch" (≠ Newroz) |
| Cejna Cemaiyê | Fest der Versammlung (Herbst-Pilgerfahrt nach Lalîş) |
| Şingal | Sinjar; Kerngebiet, Schauplatz des Genozids 2014 |
Verwandte Themen (interne Verweise)
- religion: Überblick über die êzîdîsche Religion
- schoepfung: Schöpfungslehre und Kosmogonie (Perle, Welt-Ei)
- mythologie: mythische Erzählwelt der Êzîden
- qewl-tradition: die mündliche Hymnen-Tradition
- qewl-texte: edierte und übersetzte Qewl-Texte
- sanjak: die Pfau-Kultfiguren im Detail
- faelschungen: untergeschobene Schriften und die Verleumdungsgeschichte
- nachbarreligionen: Bezüge zu Zoroastrismus, Gnosis, Islam u. a.
- gebet-praxis: Gebetsrichtung und tägliche Praxis
- heilige-tiere: der Pfau und weitere heilige Tiere
Quellen
- Birgül Açıkyıldız: The Yezidis, The History of a Community, Culture and Religion. London: I. B. Tauris, 2010.
- Christine Allison: The Yezidi Oral Tradition in Iraqi Kurdistan. Richmond: Curzon, 2001.
- Christine Allison: „Yazidis", in: Encyclopædia Iranica (online)., https://www.iranicaonline.org/articles/yazidis-i-general-1/
- Garnik S. Asatrian & Victoria Arakelova: The Religion of the Peacock Angel, The Yezidis and Their Spirit World (Reihe Gnostica). Durham: Acumen/Routledge, 2014., https://www.routledge.com/The-Religion-of-the-Peacock-Angel-The-Yezidis-and-Their-Spirit-World/Asatrian-Arakelova/p/book/9781032179759
- John S. Guest: Survival Among the Kurds, A History of the Yezidis. London: Kegan Paul International, 1993.
- Philip G. Kreyenbroek: Yezidism, Its Background, Observances and Textual Tradition. Lewiston: Edwin Mellen Press, 1995., https://www.abebooks.com/9780773490048/Yezidism-Background-Observances-Textual-Tradition-0773490043/plp
- Philip G. Kreyenbroek & Khalil Jindy Rashow: God and Sheikh Adi are Perfect, Sacred Poems and Religious Narratives from the Yezidi Tradition. Wiesbaden: Harrassowitz, 2005.
- Khanna Omarkhali: The Yezidi Religious Textual Tradition, Transmission, Categorisation and Canonisation of the Yezidi Oral Religious Texts. Wiesbaden: Harrassowitz, 2017., https://www.harrassowitz-verlag.de/title_1833.ahtml
- Artur Rodziewicz: „Heft Sur, The Seven Angels of the Yezidi Tradition and Harran" (Aufsatz, 2014/2018)., https://www.academia.edu/80671048/HEFT_SUR_THE_SEVEN_ANGELS_OF_THE_YEZIDI_TRADITION_AND_HARRAN
- Eszter Spät: Late Antique Motifs in Yezidi Oral Tradition (2008/2010); dies.: „Materializing Memory, The Role of the Yezidi Peacock Sanjak" (2017)., https://www.academia.edu/33792116/MATERIALIZING_MEMORY_-_The_Role_of_Yezidi_Peacock_Sanjak
- Kurdistan24: „The Sacred Journey of Tawus Tour, Reviving Ancient Yezidi Traditions" (2024)., https://www.kurdistan24.net/en/story/395199
- Wikipedia: „Yazidi social organization" und „Persecution of Yazidis" (ergänzend, für Organisation der Qewal, Tawûsgêran und osmanische/baathistische Verfolgungskontexte).
Historische Erstquellen (Kontext der Verleumdung)
- Austen Henry Layard: Nineveh and its Remains (1849); Nineveh and Babylon (1853).
- George Percy Badger: The Nestorians and their Rituals (1852).
Hinweis: Als „Hypothese", „spekulativ", „diskutiert" oder „umstritten" gekennzeichnete Aussagen (Abschnitt 8, regionale Farbtabus in 6.3, Straf-/Höllen-Varianten der Niederwerfungs-Erzählung in 4.1) spiegeln offene Forschungsfragen bzw. Erzählvarianten wider und sind nicht als gesicherte Fakten zu lesen.
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