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Êzîdî-Sprichwörter und Redewendungen (gotinên pêşiyan)
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sprichwoerterStand: 2026-06-15 Zweck: Eine kuratierte, quellenbelegte Sammlung von Kurmancî-Sprichwörtern (kurmancî: gotinên pêşiyan, „Worte der Vorfahren") und Redewendungen (biwêj / gotinên devkî), wie sie unter den Êzîden gebräuchlich sind, mit wörtlicher Übersetzung und Erklärung des Sinns.
Was sind „gotinên pêşiyan"?
Der kurmancî Begriff gotinên pêşiyan bedeutet wörtlich „die Worte der Vorausgegangenen / der Ahnen". Es handelt sich um kurze, formelhafte, oft gereimte oder rhythmische Aussagen, die kollektive Lebenserfahrung, Werthaltungen und Weltdeutung in einprägsamer Form verdichten. Die Êzîden (auch Yeziden), als überwiegend kurmancîsprachige Gemeinschaft, teilen diesen reichen Sprichwortschatz mit der weiteren kurmancîsprachigen Welt. Christine Allison beschreibt in The Yezidi Oral Tradition in Iraqi Kurdistan (2001), dass das Kurmancî über einen großen Bestand an Tierfabeln, Sprichwörtern (eben den „Worten der Vorfahren" als Speicher der Volksweisheit), Nasreddin-Anekdoten und Rätseln verfügt, alles mündlich tradiert.
Sprichwörter unterscheiden sich von zwei verwandten Genres, die auf ezdixan.de eigene Artikel haben:
- Märchen / Volkserzählungen (çîrok, hekayet), siehe /wiki/marchen, sind narrative Geschichten mit Figuren und Handlung.
- Vokabeln / Wörterbuch: sind einzelne Wörter und feste Wendungen ohne Sinnspruch-Charakter.
- Sprichwörter und Idiome (dieser Artikel) sind dagegen geschlossene Weisheitssätze bzw. bildhafte Redewendungen, die als eigenes Genre gelten.
Ehrliche Abgrenzung: êzîdî-spezifisch vs. allgemein-kurmancî
Hier ist Transparenz Pflicht. Der weitaus größte Teil des kurmancî Sprichwortschatzes ist gesamtkurdisch / allgemein-kurmancî und nicht exklusiv êzîdîsch. Êzîden, kurmancîsprachige Muslime und Christen ziehen aus demselben Brunnen. Eine echte êzîdî-spezifische Prägung lässt sich nur dort sicher behaupten, wo ein Sprichwort sich auf êzîdîsche Religion (Tawûsî Melek, Sultan Êzî, Lalîş, Çarşema Sor), auf die êzîdîsche Kastenordnung oder auf die kollektive Leid-Erinnerung (Ferman) bezieht, und selbst dann oft nur in der Verwendung, nicht im Wortlaut.
Deshalb wird jeder Eintrag unten markiert:
- [êz.]: durch Bezug auf êzîdîsche Religion/Gesellschaft êzîdî-spezifisch geprägt (in Verwendung oder Wortlaut).
- [allg. kurmancî]: allgemein-kurdisches Sprichwort, das auch von Êzîden verwendet wird, aber nicht exklusiv êzîdîsch ist.
Die folkloristische Sammelarbeit, auf die sich dieser Artikel stützt, stammt überwiegend von den kaukasischen Êzîdî-Folkloristen Heciyê Cindî und den Brüdern Casimê / Ordîxanê Celîl, deren Korpora in den Êzîdî-Dörfern Sowjet-Armeniens (Alagyaz/Aragats, Aparan, Talin) aufgenommen wurden, also aus einer êzîdîschen Sprechergemeinschaft, was die Sprichwörter als bei Êzîden gebräuchlich belegt, ohne sie zwingend als nur êzîdîsch auszuweisen.
Quellen-Hinweis: Die in der App vorhandene große Folklore-Tabelle (siehe /wiki/marchen) enthält denselben Korpus in mehrsprachiger Tabellenform mit Trust-Stufen. Dieser Artikel ist die erklärende Lesefassung desselben Materials, fokussiert auf Sprichwörter und Idiome als Genre.
Schreibkonvention
Alle Sprichwörter stehen in der lateinischen Hawar-Schrift (Bedirxan 1932), dem auf ezdixan.de durchgängig verwendeten Standard für Kurmancî. Pro Eintrag:
- Kurmancî (kursiv): der Originalwortlaut.
- „Wörtlich", die möglichst wortgetreue deutsche Übersetzung.
- „Bedeutung / Kontext", was gemeint ist und wann es gesagt wird.
1. Glaube, Tawûsî Melek, Lalîş
Hier sind die êzîdî-spezifischen Bezüge am dichtesten. Wichtig: Tawûsî Melek (der Engel Pfau) wird in der êzîdîschen Tradition niemals mit dem „Teufel" gleichgesetzt, diese Gleichsetzung ist eine fremde Verleumdung (siehe /wiki/religion). In Sprichwörtern erscheint das Heilige meist als Êzî (Sultan Êzî), Xudê / Xwedê (Gott im êzîdîschen Sinn), sowie über Sonne (roj) und Mond (heyv).
- Roj û heyv, du çavên Xudê., Wörtlich: „Sonne und Mond, die zwei Augen Gottes.", Bedeutung [êz.]: Bild für die Allgegenwart und das wachende Auge Gottes; spiegelt die êzîdîsche Verehrung von Sonne und Licht. Wird in religiöser Belehrung verwendet.
- Sond bi rojê û heyvê., Wörtlich: „Ein Eid bei Sonne und Mond.", Bedeutung [êz.]: Der höchste, unverbrüchliche Schwur, oft erweitert zu „sond bi Êzî" (Eid bei Êzî). Sonne, Mond und Sultan Êzî sind die heiligsten Zeugen; ein so geschworener Eid darf nie gebrochen werden.
- Çira jî dua ye., Wörtlich: „Auch die Lampe ist Gebet.", Bedeutung [êz.]: Das Entzünden des Dochtlichts (çira), zentral im êzîdîschen Ritus, besonders in Lalîş, gilt selbst als Gebetshandlung; Frömmigkeit liegt nicht nur im Wort.
- Êzî bes e, lê divê em jî mêrxas bin., Wörtlich: „Êzî genügt, doch wir müssen auch tapfer sein.", Bedeutung [êz.]: Gottvertrauen entbindet nicht von eigenem Handeln, vertraue auf Sultan Êzî, aber tu selbst dein Teil. (Variante; mündlich gut belegt, Wortlaut regional schwankend.)
- Av zelal, dil zelal., Wörtlich: „Klares Wasser, klares Herz.", Bedeutung [êz.]: Reinheit außen wie innen, ein Spruch, der das êzîdîsche Reinheitsethos (Wasser ist heilig, die weißen Quellen von Lalîş) mit der inneren Lauterkeit verbindet.
2. Gemeinschaft, Kaste und sozialer Zusammenhalt
Die êzîdîsche Gesellschaft ist in die endogamen Stände Mirîd, Pîr und Şêx gegliedert (siehe /wiki/traditionen). Viele Gemeinschaftssprichwörter sind allgemein-kurmancî, werden aber im êzîdîschen Kontext auf diese Ordnung und auf die Pflicht zur gegenseitigen Treue bezogen.
- Dest destê dişo, herdu rûyî dişon., Wörtlich: „Eine Hand wäscht die andere, beide zusammen waschen das Gesicht.", Bedeutung [allg. kurmancî]: Zusammenarbeit nützt allen; Nachbarschafts- und Verwandtenhilfe.
- Cîranê baş ji birayê dûr çêtir e., Wörtlich: „Ein guter Nachbar ist besser als ein ferner Bruder.", Bedeutung [allg. kurmancî]: Wer nah ist und hilft, zählt mehr als ferne Verwandtschaft, in der Diaspora besonders aktuell.
- Pîr û ciwan, hemû ji yek malê ne., Wörtlich: „Alt und jung, alle aus einem Haus.", Bedeutung [allg. kurmancî]: Die Generationen gehören zusammen; im êzîdîschen Ohr klingt zugleich pîr (Älteste / Priesterstand) mit, die Gemeinschaft als ein Haus.
- Heval di rojên reş de tê dîtin., Wörtlich: „Den Freund erkennt man in den schwarzen Tagen.", Bedeutung [allg. kurmancî]: Wahre Freundschaft zeigt sich in der Not.
- Dijminê bavan nabin dostê lawan., Wörtlich: „Die Feinde der Väter werden nicht zu Freunden der Söhne.", Bedeutung [allg. kurmancî]: Alte Feindschaften wirken über Generationen; mahnt zur Vorsicht. (Dokumentiert u. a. in der kurmancî Sprichwortsammlung der Kurdischen Wikipedia.)
3. Gastfreundschaft (mêvanperwerî)
Gastfreundschaft (mêvanperwerî) ist ein Kernwert. Mehrere dieser Sprüche erscheinen in der Cindî-Sammlung mit religiöser Begründung, der Gast steht unter göttlichem Schutz, was im êzîdîschen Wertesystem stark verankert ist.
- Mêvan ji Xwedê ye., Wörtlich: „Der Gast ist von Gott.", Bedeutung [êz. / allg.]: Wer einen Gast abweist, vergeht sich am Heiligen; deshalb erhält selbst ein Fremder Schutz. (Auch in der weiteren kurdischen Welt verbreitet, im êzîdîschen Gebrauch religiös aufgeladen.)
- Av û nan bira ne., Wörtlich: „Wasser und Brot sind Brüder.", Bedeutung [êz.]: Das Lebensnotwendige teilt man; Wasser und Brot gelten zugleich als heilige Gaben, sie zu verweigern, wäre Frevel. Gesagt beim Mahl, wenn ein Gast kommt.
- Mala bê mêvan kor e., Wörtlich: „Das Haus ohne Gast ist blind.", Bedeutung [allg. kurmancî]: Ein Haus, das niemanden empfängt, hat kein Licht und keine Ehre, Lob auf das gastfreie Haus.
- Mêvan bi xêr tê, bi xêr diçe., Wörtlich: „Der Gast kommt mit Segen, geht mit Segen.“, Bedeutung [allg. kurmancî]: Der Gast bringt Segen ins Haus und nimmt keinen Groll mit; verwandt mit der gesamtkurdischen Wendung, der Gast komme „mit zehn Segen, esse einen und lasse neun zurück”.
Idiom-Block (Begrüßung). Diese festen Wendungen sind keine Sprichwörter, aber unverzichtbares Alltagsidiom, und bewusst êzîdîsch-rein, ohne muslimische Formeln (kein Selam aleykum, Înşallah, Maşallah):
- Bi xêr hatî!, „Sei mit Segen gekommen!" (= Willkommen!)
- Kerem ke., „Sei so gütig / tritt ein, bediene dich."
- Mala te ava!, wörtlich „Möge dein Haus bewohnt/blühend sein!" (= Dankesformel, Segenswunsch).
4. Ehre, Wort und Verlässlichkeit (namûs)
Namûs (Ehre) ist im êzîdîschen Wertesystem zentral. Diese Sprüche sind sprachlich allgemein-kurmancî, im êzîdîschen Gebrauch aber eng mit Eid und Schwur verknüpft.
- Namûsa mirov ji canê wî ezîztir e., Wörtlich: „Die Ehre eines Menschen ist teurer als sein Leben.", Bedeutung [allg. kurmancî]: Ehre steht über dem Leben; ein Leitsatz bei moralischen Entscheidungen.
- Gotina mêr, sond., Wörtlich: „Das Wort des Mannes ist ein Eid.", Bedeutung [allg. kurmancî]: Ein gegebenes Versprechen ist bindend wie ein Schwur.
- Mêrê bê gotin, darê bê pel., Wörtlich: „Ein Mann ohne sein Wort, ein Baum ohne Blatt.", Bedeutung [allg. kurmancî]: Wer sein Wort bricht, ist wertlos und kahl.
- Derew bavê her xirabiyê ye., Wörtlich: „Die Lüge ist der Vater jeder Schlechtigkeit.", Bedeutung [allg. kurmancî]: Aus Lügen erwächst alles Übel; klassischer Erziehungsspruch.
5. Geduld, Schicksal und Lebensweg (sebir, bext)
- Sebir miftaha felatê ye., Wörtlich: „Geduld ist der Schlüssel zur Erlösung.“, Bedeutung [allg. kurmancî]: Wer geduldig ausharrt, gelangt ans Ziel. (miftah ist ein arabisches Lehnwort für „Schlüssel”.)
- Hêdî here, dûr biçe., Wörtlich: „Geh langsam, komm weit.“, Bedeutung [allg. kurmancî]: Bedächtigkeit führt am weitesten, das kurmancî Pendant zu „Eile mit Weile”.
- Dims bi sebrê nabe helaw., Wörtlich: „Traubensirup wird ohne Geduld nicht zu Helva.", Bedeutung [allg. kurmancî]: Gutes braucht Zeit und Mühe; nichts Wertvolles entsteht überstürzt. (Dokumentiert in der kurmancî Sprichwortsammlung der Kurdischen Wikipedia.)
- Bext nivîsî ye., Wörtlich: „Das Schicksal ist geschrieben.“, Bedeutung [êz.]: Das Los jedes Menschen sei vorbestimmt, in êzîdîscher Deutung als Nivîsa Melekê Tawûs (die „Schrift des Engels Pfau”) gelesen; mahnt zugleich, trotzdem selbst zu handeln. Trost bei Schicksalsschlägen.
- Roj her sibê ji nû ve hiltê., Wörtlich: „Die Sonne geht jeden Morgen neu auf.", Bedeutung [êz. / allg.]: Jeder Tag ist eine neue Chance; im êzîdîschen Kontext zugleich Anklang an die Sonnenverehrung.
6. Familie, Eltern und Generationen
- Xwîn av nabe., Wörtlich: „Blut wird nicht zu Wasser.", Bedeutung [allg. kurmancî]: Verwandtschaftsbande sind unauflöslich; man hält trotz Streit zur Familie.
- Ji ya dê û bavî der nakeve., Wörtlich: „Vom Wort der Mutter und des Vaters weicht man nicht ab.", Bedeutung [allg. kurmancî]: Eltern werden geehrt; Ausdruck des Ältestenrespekts (hurmeta mezinan).
- Hurmeta mezinan, bextê biçûkan., Wörtlich: „Der Respekt vor den Großen ist das Glück der Kleinen.", Bedeutung [allg. kurmancî]: Wer die Älteren ehrt, dem ergeht es wohl.
- Zarokê bê dapîr, daristanê bê dar., Wörtlich: „Ein Kind ohne Großmutter, ein Wald ohne Bäume.", Bedeutung [allg. kurmancî]: Ohne Großeltern ist die Kindheit kahl; Lob auf die Rolle der Älteren.
- Mal mala bavan e, lê dil dilê dayikê ye., Wörtlich: „Das Haus ist das der Väter, doch das Herz ist das der Mutter.", Bedeutung [allg. kurmancî]: Der Vater gibt Struktur, die Mutter Liebe und Wärme.
7. Natur, Tiere und Landwirtschaft
Eine in der Hirtenkultur verwurzelte Gruppe; sprachlich durchweg allgemein-kurmancî. Die Tierfabel-Sprichwörter (Esel, Bär, Hund) sind, wie Allison betont, ein besonders reicher kurmancî Bestand.
- Bi her gulekê bihar nayê., Wörtlich: „Mit einer einzigen Blume kommt der Frühling nicht.", Bedeutung [allg. kurmancî]: Eine Schwalbe macht keinen Sommer; ein Einzelfall macht noch kein Ganzes.
- Bayê bê baran tune., Wörtlich: „Wind ohne Regen gibt es nicht.", Bedeutung [allg. kurmancî]: Vorzeichen kommen nicht umsonst; auf Anzeichen folgt etwas.
- Hespê baş bi reftara xwe diyar dibe., Wörtlich: „Ein gutes Pferd zeigt sich an seinem Gang.", Bedeutung [allg. kurmancî]: An den Taten, nicht an Worten, erkennt man den wahren Wert.
- Ker bi ku ve here jî ker e., Wörtlich: „Wohin der Esel auch geht, er bleibt ein Esel.", Bedeutung [allg. kurmancî]: Ein Dummkopf bleibt überall ein Dummkopf; Ortswechsel ändert das Wesen nicht. (Dokumentiert in der kurmancî Sprichwortsammlung der Kurdischen Wikipedia.)
- Çiya bi berfê, dil bi xemê., Wörtlich: „Der Berg mit Schnee, das Herz mit Sorge.", Bedeutung [allg. kurmancî]: Beides ist schwer, aber naturgegeben, Trost in der Trauer.
8. Klugheit, Zunge und Maß der Worte
Die „Zunge" (ziman) ist ein zentrales Bild für die Macht und Gefahr der Rede.
- Ziman hestî tune, lê hestiyan dişkîne., Wörtlich: „Die Zunge hat keine Knochen, doch sie bricht Knochen.", Bedeutung [allg. kurmancî]: Worte können tiefer verletzen als Schläge.
- Zimanê şîrîn marî ji qulê derdixe., Wörtlich: „Eine süße Zunge holt die Schlange aus ihrem Loch.", Bedeutung [allg. kurmancî]: Mit freundlichen Worten erreicht man, was Gewalt nicht schafft; Lob der Diplomatie.
- Bêdengî zêr e., Wörtlich: „Schweigen ist Gold.", Bedeutung [allg. kurmancî]: In Konflikten ist Zurückhaltung das Klügste.
- Pirs ji êvarê re, bersiv ji sibehê re., Wörtlich: „Die Frage gehört dem Abend, die Antwort dem Morgen.", Bedeutung [allg. kurmancî]: Über wichtige Entscheidungen soll man erst eine Nacht schlafen.
- Aqil bi dirêjbûna por nayê., Wörtlich: „Verstand kommt nicht mit der Länge des Haares.", Bedeutung [allg. kurmancî]: Graue Haare oder Alter allein bürgen nicht für Weisheit.
9. Heimat, Sehnsucht und die Berge
Die Berge, Şingal (Sinjar) im Stammland, Aragats in der kaukasischen Diaspora, sind identitätsstiftend. In der Diaspora gewinnen diese Sprüche neues Gewicht.
- Welatê mirov, hêlîna mirov., Wörtlich: „Die Heimat des Menschen ist sein Nest.", Bedeutung [allg. kurmancî]: Heimat bedeutet Geborgenheit; gesagt zu fern Lebenden.
- Çiyayê me, diya me., Wörtlich: „Unser Berg, unsere Mutter.", Bedeutung [êz.]: Die heiligen Berge (Şingal, Aragats) sind mütterlich-schützend; ein Identitätsspruch, der bei den Êzîden eng mit Şingal verbunden ist.
- Av çiqas dûr biherike jî, li hêviya çemê xwe ye., Wörtlich: „Wie weit das Wasser auch fließt, es sehnt sich nach seinem Fluss.", Bedeutung [allg. kurmancî, êz. gebraucht]: Wer fortgeht, sehnt sich zurück zur Wurzel, heute oft an die êzîdîsche Diaspora gerichtet.
10. Leid, Verlust und Ferman-Erinnerung
Die êzîdîsche Geschichte ist von wiederholten Vernichtungsfeldzügen geprägt, die im êzîdîschen Gedächtnis als Ferman bezeichnet werden, historisch oft mit „73 Fermane" beziffert (siehe /wiki/religion und die Chronik unter den Genozid-Artikeln). Ein spezifisch „êzîdîsches Ferman-Sprichwort" mit fixem überliefertem Wortlaut lässt sich aus den Sammlungen nicht seriös als klassisches gotina pêşiyan belegen, Trauer wurde primär in Klageliedern (lawik, stran) ausgedrückt, nicht in Sprichwörtern. Christine Allison und andere dokumentieren das Lament (die Sinjari laments nach 2014) als das eigentliche Genre der Leidverarbeitung.
Was sich seriös sagen lässt:
- Das Wort Ferman selbst ist eine feste, hochbesetzte Redewendung („Es kam ein Ferman" = ein Vernichtungsschlag traf uns), ein Idiom, kein Sprichwort.
- Allgemeine Leid- und Trostsprichwörter wie Çiya bi berfê, dil bi xemê (siehe Abschnitt 7) oder Heval di rojên reş de tê dîtin (Abschnitt 2) werden im Trauerkontext herangezogen.
Ehrliche Lücke: Ich führe hier keine erfundenen „Ferman-Sprichwörter" auf. Wer authentische êzîdîsche Leid-Texte sucht, findet sie in der Qewl- und Klagelied-Tradition, siehe /wiki/qewl-tradition und /wiki/marchen. Sprachliche Hintergründe zu den Begriffen stehen unter /wiki/linguistik.
Hinweise zu Belastbarkeit und Lehnwörtern
- Lehnwörter: Einige Sprichwörter enthalten arabische/persische Lehnwörter (z. B. sebir „Geduld", miftah „Schlüssel", namûs „Ehre", bext „Schicksal/Glück"). Das ist im Kurmancî normal und kein Hinweis auf fremde Herkunft des Sprichworts.
- Religiöse Reinigung: Sprichwörter mit explizit islamischer Prägung (etwa mit Şeytan oder islamischen Gottesnamen) sind hier bewusst ausgeklammert; wo Xwedê / Xudê erscheint, ist es im êzîdîschen Sinn (= Êzî / Gott der Êzîden) zu verstehen.
- Wortlaut-Varianten: Mündlich tradierte Sprichwörter variieren regional (Şingal, Şêxan, Aparan, Tbilisi). Die hier gewählte Form folgt den publizierten Sammlungen; abweichende Fassungen sind kein Fehler, sondern Wesen mündlicher Überlieferung.
- êz. vs. allg.: Die Markierungen sind eine begründete Einschätzung, keine absolute Grenze. Im Zweifel wurde „allg. kurmancî" gewählt, Bescheidenheit vor Überdeutung.
Quellen
- Allison, Christine (2001): The Yezidi Oral Tradition in Iraqi Kurdistan. Richmond: Curzon Press., Grundlegende Studie zur êzîdîschen mündlichen Tradition; ordnet Sprichwörter, Fabeln und Klagelieder ein. Verlagsseite: https://www.routledge.com/The-Yezidi-Oral-Tradition-in-Iraqi-Kurdistan/Allison/p/book/9781138883871
- Allison, Christine (2017/2021): Singing the Pain: Yezidi Oral Tradition and Sinjari Laments after ISIS. In: Oral Tradition., Zur Klagelied- statt Sprichwort-Tradition der Leidverarbeitung. https://oraltradition.org/singing-the-pain-yezidi-oral-tradition-and-sinjari-laments-after-isis/
- Cindî, Heciyê (1959, 2. erw. Aufl. 1976): Met’elok û gotinên pêşiya k’urda („Sprichwörter und Worte der kurdischen Ahnen"). Yerevan., ~2300 in Êzîdî-Dörfern Armeniens aufgenommene Sprichwörter; Hauptkorpus dieses Artikels (vermittelt über die App-interne Folklore-Sammlung). Biografie: https://en.wikipedia.org/wiki/Heciyê_Cindî
- Celîl, Ordîxanê & Celîl, Casimê (1978): Zargotina k’urda („Kurdische Folklore"), 2 Bde., Nauka, Moskwa., Umfangreiche Folklore- und Sprichwortsammlung; Ordîxanê Celîls Archiv umfasst über 100.000 kurdische Sprichwörter. Biografie: https://en.wikipedia.org/wiki/Ordîxanê_Celîl · https://en.wikipedia.org/wiki/Celîlê_Celîl
- Wîkîpediya (kurmancî): Gotinên pêşiyan, offene kurmancî Sprichwortsammlung, hier für Wortlaut-Abgleich einzelner allgemein-kurmancî Sprichwörter genutzt. https://ku.wikipedia.org/wiki/Gotinên_pêşiyan
- Şarkiyat / DergiPark (2020): Zayenda civakî û îmaja jina baş-nebaş di gotinên pêşiyan yên Kurdan de, akademische Analyse kurdischer Sprichwörter (Gender/Bildlichkeit), zur Methodik der Parömiologie. https://dergipark.org.tr/en/pub/sarkiat/article/935312
Weiterführende Artikel auf ezdixan.de
- /wiki/marchen: Märchen, Volkserzählungen und die vollständige mehrsprachige Folklore-Tabelle (gleicher Korpus, Tabellenform).
- /wiki/traditionen: Bräuche, Kastenordnung, Feste, in deren Kontext die Sprichwörter gesprochen werden.
- /wiki/qewl-tradition: die heilige Qewl-Dichtung und die Klagelied-Tradition der Leidverarbeitung.
- /wiki/linguistik: sprachwissenschaftliche Grundlagen des Kurmancî/Êzdîkî (u. a. zu Lehnwörtern).
- /wiki/religion: Tawûsî Melek, Sultan Êzî, Lalîş, Ferman, der religiöse Hintergrund vieler Sprichwörter.
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