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Şingal (Sinjar): Region, Geschichte und Gegenwart
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Stand: 2026-06. Dieser Artikel behandelt die Region Şingal als Ganzes: Geographie, religiöse Bedeutung, Geschichte vor 2014 und die Lage heute. Der Genozid von 2014 wird hier bewusst nur im Überblick dargestellt, ausführlich in den Artikeln Genozide an den Êzîden, Fermane-Chronik und in der Timeline. Methodik: Alle Zahlenangaben mit Quelle und Stichtag; bei divergierenden Angaben werden Spannen genannt. Aussagen zu Sicherheitsakteuren sind strikt den jeweiligen Quellen zugeordnet.
Einleitung
Şingal (Sinjar) ist das demographische und kulturelle Herzland der Êzîden (auch Yeziden oder Jesiden) weltweit. Die Region im Nordwesten des Irak, benannt nach dem Gebirgszug Çiyayê Şingalê (kurmancî: „Berg von Şingal"), war vor August 2014 die größte zusammenhängende êzîdîsche Siedlungsregion der Welt. Der Berg gilt den Êzîden als heilig: Nach lokaler Überlieferung kam hier die Arche Noahs nach der Flut zur Ruhe, und über Jahrhunderte diente er als Zufluchtsort bei Verfolgungen, zuletzt im August 2014, als Zehntausende Menschen vor dem sogenannten „Islamischen Staat" (IS) auf den Berg flohen.
Verwaltungsrechtlich gehört Şingal als Distrikt zum irakischen Gouvernement Ninive und zählt zugleich zu den zwischen Bagdad und Erbil „umstrittenen Gebieten", ein ungelöster Status, der die Region seit Jahrzehnten prägt. Heute, mehr als ein Jahrzehnt nach dem Genozid von 2014, ist Şingal eine Region zwischen Wiederaufbau und Stillstand: Etwa die Hälfte der vertriebenen Bevölkerung ist zurückgekehrt, Hunderttausende leben weiterhin in der Vertreibung, und die politische Zukunft des Distrikts bleibt offen.
Geographie und Orte
Der Gebirgszug
Die Şingal-Berge sind ein rund 100 Kilometer langer, von Ost nach West verlaufender Gebirgszug, der sich markant aus der umgebenden Steppenebene Obermesopotamiens erhebt. Der höchste Punkt liegt bei 1.463 Metern. Etwa 75 Kilometer des Gebirgszugs liegen im irakischen Gouvernement Ninive, rund 25 Kilometer auf syrischem Gebiet. Geologisch handelt es sich um eine aufgebrochene Antiklinale aus Kalk- und Sandstein, deren Schichten aus der Oberkreide bis ins frühe Neogen reichen [1].
Seit etwa dem 12. Jahrhundert ist die Region um den Berg überwiegend êzîdîsch besiedelt [1][2]. Die Lage des Gebirges, abseits der großen Machtzentren, schwer zugänglich, an der Grenze zwischen Reichen und später zwischen Staaten, hat die Geschichte der Region und ihrer Bewohner tief geprägt.
Verwaltung und Orte
Şingal ist ein Distrikt (qeza, kurmancî/arabisch: Verwaltungsbezirk) des Gouvernements Ninive. Distrikthauptstadt ist die Stadt Şingal an der Südflanke des Berges [3]. Wichtige weitere Orte sind:
- Sinunê im Norden des Berges, Zentrum der Nordseite
- Xanesor (Khanasor) im Nordwesten
- Til Ezêr (arabisch: al-Qahtaniyya) und Siba Şêx Xidir (arabisch: al-Jazira) in der Ebene südlich des Berges, beide Orte wurden 2007 Ziel der schwersten Bombenanschläge des Irakkriegs (siehe unten)
- Koço (Kocho) auf dem Südplateau, der Ort des Massakers vom 15. August 2014, dem ein eigener Abschnitt im Genozid-Artikel und ein ausführlicher Tiefenartikel Genozid 2014 gewidmet sind
Viele der Orte in der Ebene sind keine gewachsenen Dörfer, sondern Kollektivsiedlungen aus der Zeit der Baath-Diktatur (siehe Abschnitt „Arabisierungspolitik") [3][4].
Bevölkerung
Verlässliche Bevölkerungszahlen für Şingal existieren nicht, der letzte irakische Zensus fand 1997 statt, alle neueren Angaben sind Schätzungen. Für die Stadt Şingal wurden 2013 etwa 88.000 Einwohner geschätzt, mehrheitlich Êzîden, daneben sunnitische und schiitische Araber, Turkmenen und Assyrer [3]. Für die êzîdîsche Bevölkerung der Gesamtregion vor August 2014 werden je nach Quelle etwa 400.000 bis 480.000 Menschen angegeben [2][3][4]. Im August 2014 wurden binnen weniger Stunden rund 400.000 Menschen vertrieben; bis heute ist nur ein Teil von ihnen zurückgekehrt (siehe Abschnitt „Die Lage heute") [4].
Religiöse Bedeutung: Der heilige Berg
Für die Êzîden ist der Çiyayê Şingalê weit mehr als ein Gebirgszug, er ist ein heiliger Ort, ein Schutzraum und ein Träger der religiösen Landschaft. Nach lokaler Überlieferung sei die Arche Noahs nach der Flut auf dem höchsten Gipfel des Berges zur Ruhe gekommen [1]. Über den ganzen Berg verteilt liegen Heiligtümer und Mausoleen mit den charakteristischen gerillten Kegeldächern, die in der êzîdîschen Architektur die Strahlen der Sonne symbolisieren (ausführlich im Artikel Architektur der Heiligtümer).
Şerfedîn (Perestgeha Şerfedîn)
Das bedeutendste Heiligtum der Region ist die Perestgeha Şerfedîn (kurmancî: „Heiligtum des Şerfedîn") an der Nordseite des Berges, dem Şêx Şerfedîn (Şeref ed-Dîn ibn Şêx Hesen) geweiht. Es gilt den Êzîden als einer der heiligsten Orte überhaupt; die Gründungsinschrift nennt das Jahr 1274 n. Chr. [5][6]. Der Bau aus hellem Stein mit gerilltem Kegeldach ist eines der ältesten durchgehend genutzten êzîdîschen Heiligtümer.
Şerfedîn hat für die Êzîden von Şingal auch eine identitätsstiftende Dimension: Manche Şingal-Êzîden verwenden „Şerfedîn" sogar als Eigenbezeichnung ihrer Religion [5]. Im August 2014 verteidigte eine kleine Gruppe von etwa 18 leicht bewaffneten êzîdîschen Kämpfern unter Qasim Şeşo das Heiligtum erfolgreich gegen eine größere, mit Panzerfahrzeugen und Mörsern ausgerüstete IS-Einheit, Şerfedîn wurde nie eingenommen und wurde so zu einem starken Symbol des Überlebenswillens [5].
Şerfedîn ist zudem Wallfahrtsort. Nach verbreiteten Angaben findet die jährliche Hauptwallfahrt Mitte August statt; das genaue Datum ist in den zugänglichen Quellen jedoch nicht einheitlich gesichert und sollte vor Ort bzw. bei der Gemeinschaft erfragt werden [5][7]. Zu den überlieferten Pilgerbräuchen gehört es, drei schwarze Steine am Grab aufzuschichten (als Zeichen für Glück) und bunte Stoffstücke an der Wand zu verknoten (für die Erfüllung eines Wunsches) [5].
Çil Mêra und weitere Heiligtümer
Auf dem höchsten Gipfel des Berges liegt das Heiligtum Çil Mêra (auch Çermêra; kurmancî: „Vierzig Männer"). Über seine Geschichte ist in der zugänglichen Literatur nur wenig dokumentiert; die gängige Namensdeutung verweist auf vierzig Männer, denen der Ort geweiht sein soll [1][8].
Daneben sind am Berg zahlreiche weitere Mausoleen mit Kegeldach dokumentiert, darunter Şêx Amadîn auf dem Gipfel des Galê Bîrîn (Inschrift von 1400), Şêx Hesen im Dorf Gabbara (Inschrift von 1325) sowie Hajalî / Pîr Hecî Alî (Hassina) und Memê Reş (Tappa), die beide vermutlich auf das 12. Jahrhundert zurückgehen [6]. Einige Mausoleen in Şingal wurden 2014/15 vom IS zerstört [6].
Die Schutzberg-Tradition
Die vielleicht wichtigste Bedeutungsebene des Berges ist seine Rolle als Zuflucht. Über Jahrhunderte hinweg flohen die Êzîden bei Verfolgungen, den Fermanen (kurmancî/osmanisch: wörtlich „Erlass"; in der êzîdîschen Erinnerung die Bezeichnung für die großen Verfolgungs- und Vernichtungskampagnen, siehe Fermane-Chronik), auf den Berg, dessen Höhenlage und Unzugänglichkeit Schutz boten. Diese Tradition setzte sich bis in die jüngste Geschichte fort: Im August 2014 flohen 40.000 bis 50.000 Menschen vor dem IS auf den Berg [1][9]. „Der Berg als Beschützer" ist bis heute ein zentrales Motiv im Selbstverständnis der Şingal-Êzîden.
Geschichte vor 2014
Antike und Frühzeit
Die Gegend um Şingal erscheint bereits in altmesopotamischen Quellen unter dem Namen „Saggar". Die Stadt war ab dem 2. Jahrhundert n. Chr. als Singara ein römischer Militärstützpunkt und lag über Jahrhunderte im Grenzraum konkurrierender Reiche, Assyrer, Römer, Perser, später Osmanen. Nach der arabischen Eroberung in den 630er/640er Jahren gehörte die Region zur Provinz al-Dschazira [1][3].
Osmanische Zeit: Bastion des Widerstands
1534 eroberten die Osmanen Şingal; die Region wurde Zentrum eines eigenen Sandschaks (osmanischer Verwaltungsbezirk) im Eyalet Diyarbekir [3]. Ab dem 17. Jahrhundert galt Şingal als Hauptbastion êzîdîschen Widerstands gegen die osmanische Zentralmacht: Die Bergbevölkerung verweigerte Konskription (Zwangsrekrutierung) und Sondersteuern, worauf das Reich mit wiederholten Strafexpeditionen antwortete [3][10].
Die Fermanen des 19. Jahrhunderts
Das 19. Jahrhundert brachte zwei der verheerendsten Verfolgungswellen (ausführlich in der Fermane-Chronik):
- 1832–1834: Der kurdische Fürst Mîrê Kor (Muhammad Pascha von Rawanduz) verübte, zeitgleich mit den Feldzügen Bedir Khan Begs, Massaker an den Êzîden in Şêxan und Şingal. Die überlieferten Opferzahlen schwanken stark; Schätzungen reichen bis zu 70.000 Toten, manche Überlieferungen nennen noch höhere Zahlen. Viele Fliehende ertranken im Tigris [4][11].
- 1892/93: Der osmanische General Omer Wehbi Pascha zog gegen Şêxan und Şingal mit der Forderung von Zwangskonversion oder Sondersteuern unter Todesandrohung. Am Berg Şingal wurde er zurückgeschlagen; der Sultan setzte ihn im Dezember 1892 ab [11].
In der êzîdîschen Erinnerungskultur werden diese Ereignisse in der Tradition der 72 (bzw. 74) Fermanen gezählt. Die Zahl 72 ist dabei symbolisch zu verstehen, sie steht für „sehr viele" –, und der Genozid von 2014 wird oft als 73. oder 74. Ferman gezählt [4][11].
Irakische Staatszeit
Auch unter dem 1921 gegründeten irakischen Staat blieb Şingal ein Ort des Konflikts mit der Zentralmacht: 1935 griff die irakische Armee elf êzîdîsche Dörfer an und verhängte das Kriegsrecht über die Region, nachdem sich die Bevölkerung der Wehrpflicht widersetzt hatte [11].
Arabisierungspolitik und Kollektivsiedlungen
Ein bis heute nachwirkender Einschnitt war die Arabisierungspolitik der Baath-Partei. Ab Ende der 1960er und in den 1970er Jahren wurden im Zuge der Arabisierung und „De-Kurdifizierung" über 400 Dörfer allein in Şingal zerstört. Die Bevölkerung wurde zwangsweise in elf neu errichtete Kollektivsiedlungen (mucamma’at, arabisch: „Sammelsiedlungen") in der Ebene rund um den Berg umgesiedelt. Die Siedlungen erhielten arabische Namen, êzîdîsches Land wurde an arabische Siedler übertragen [4][11].
Die Folgen dieser Politik reichen bis in die Gegenwart: Die Zwangsumsiedlung schuf eine verwundbare Siedlungsgeometrie in der offenen Ebene, Orte wie Koço, Til Ezêr und Siba Şêx Xidir sind solche Ebene-Siedlungen, deren Lage 2014 die Flucht auf den Berg erschwerte. Hinzu kommen bis heute ungelöste Landrechtskonflikte [4][11].
Artikel 140: Şingal als „umstrittenes Gebiet"
Şingal gehört zu den rund 14 zwischen der irakischen Bundesregierung in Bagdad und der Kurdistan-Regionalregierung (KRG) in Erbil umstrittenen Gebieten. Artikel 140 der irakischen Verfassung von 2005 sah für diese Gebiete ein dreistufiges Verfahren vor, Normalisierung, Zensus, Referendum –, das bis Ende 2007 abgeschlossen sein sollte. Es wurde nie umgesetzt. Das Bundesverfassungsgericht des Irak bestätigte 2019, dass Artikel 140 weiterhin in Kraft ist [12][13][14].
Die praktische Folge für Şingal: jahrzehntelange Vernachlässigung bei Investitionen und Verwaltung, konkurrierende Loyalitäten und, verschärft seit 2014, doppelte Verwaltungsstrukturen. Der ungeklärte Status ist eine der Wurzeln fast aller heutigen Probleme der Region (zur Gesamtsituation der Êzîden im Irak siehe Politische Lage weltweit).
Die Anschläge vom 14. August 2007
Am 14. August 2007 zerstörten vier koordinierte Lastwagenbomben mit zusammen mehreren Tonnen Sprengstoff große Teile der êzîdîschen Orte Til Ezêr (al-Qahtaniyya) und Siba Şêx Xidir (al-Jazira). Mit etwa 796 Toten und rund 1.500 Verletzten war es der tödlichste Bombenanschlag des Irakkriegs; als Hauptverdächtiger gilt al-Qaida im Irak [15][16]. In der Ferman-Zählung mancher Êzîden wird dieser Anschlag als eigener Ferman erinnert, er machte sieben Jahre vor 2014 die Schutzlosigkeit der Êzîden in der Ebene auf erschütternde Weise sichtbar.
Der Ferman von 2014: Kurzüberblick
Am 3. August 2014 überfiel der IS die Region Şingal und beging einen Genozid an den Êzîden. Da dieses Ereignis auf ezdixan.de eigene, ausführliche Artikel hat, hier nur die Eckdaten zur Einordnung:
- Rund 400.000 Menschen wurden binnen Stunden vertrieben [4]
- 40.000 bis 50.000 Menschen waren auf dem Berg eingeschlossen [1][9]
- Die Stadt Şingal wurde am 13. November 2015 befreit [3]
- In der Stadt Şingal wurden laut dem niederländischen NIOD-Institut etwa 80 % der Infrastruktur und 70 % der Häuser zerstört [4]
→ Ausführliche Darstellung: Genozide an den Êzîden · Fermane-Chronik · Timeline
Die Lage heute
Rückkehr und Vertreibung
Mehr als ein Jahrzehnt nach dem Genozid ist die Rückkehr nach Şingal nur teilweise gelungen, die Zahlen unterscheiden sich je nach Quelle, Stichtag und Zählweise erheblich und werden hier deshalb mit Quelle und Datum angegeben:
- NIOD (2024): 80.000–120.000 Rückkehrer nach Şingal [4]
- IOM-DTM Return Index, Runde 23 (September–Dezember 2024): Rückkehrquote im Distrikt Şingal etwa 50 %: der landesweit niedrigste Wert (Irak gesamt: 83 %). Im selben Zeitraum kehrten jedoch über 18.000 Menschen zurück, die größte Rückkehrwelle seit Jahren, getrieben durch die Schließung von Camps und die Erhöhung der staatlichen Rückkehrhilfe von 1,5 auf 4 Millionen Irakischen Dinar [17][18]
- KirkukNow (September 2023): über 26.000 Familien in 16 Camps in der Provinz Duhok, dazu über 38.000 Familien außerhalb von Camps. Bemerkenswert: Über 1.000 Familien kehrten sogar aus Şingal in die Camps zurück: als Gründe nennt der Bericht Arbeitslosigkeit, fehlende Strom-, Wasser- und Gesundheitsversorgung sowie zerstörte Häuser [19]
- Neuere Angaben (2024/25) nennen je nach Definition und Zählweise zwischen rund 200.000 und 300.000 weiterhin vertriebene Şingalis in und um Duhok; die Zahlen divergieren, weil teils nur Camp-Bewohner, teils alle Vertriebenen, teils nur Êzîden gezählt werden [4][19][20]
Anhaltende Binnenvertreibung: Leben in den Camps als Dauerzustand
Mehr als ein Jahrzehnt nach 2014 ist die Vertreibung für einen großen Teil der Şingal-Êzîden kein vorübergehender, sondern ein chronischer Zustand geworden. Der Schwerpunkt der Binnenvertriebenen (englisch internally displaced persons, IDPs) liegt in der Provinz Duhok in der Region Kurdistan-Irak, wo zahlreiche Êzîden seit Jahren in Lagern wie Şarya (Sharya), Xanik (Khanke), Bajid Kandala und Domiz leben. Übereinstimmend wird die Zahl der weiterhin Vertriebenen Ende 2024 mit etwa 190.000 bis über 200.000 Menschen angegeben, von denen ein großer Teil in Camps lebt [34][35].
Konkret nennt das Genfer Flüchtlingshilfswerk-Umfeld für 2024 rund 155.000 bis 157.000 Lagerbewohner in 23 Camps der Region Kurdistan, überwiegend Êzîden aus Şingal [36][37]. Das größte êzîdîsche Lager, Şarya bei Duhok, beherbergt allein über 12.000 Menschen [38]. Aus den ursprünglich als Provisorium errichteten Zeltlagern sind für viele dauerhafte Wohnorte geworden, eine ganze Generation êzîdîscher Kinder kennt das Leben außerhalb des Camps nicht. Eine 2023 vom UNHCR durchgeführte Erhebung ergab, dass etwa 60 % der Lagerbewohner keine Pläne zur Rückkehr hatten; als Gründe wurden zerstörte Häuser, nicht geräumte Landminen und die anhaltende Unsicherheit genannt [36].
Die Camp-Schließungspolitik (seit 2024)
Am 23. Januar 2024 beschloss der irakische Ministerrat, bis zum 30./31. Juli 2024 sämtliche IDP-Camps in der Region Kurdistan zu schließen; das Ministerium für Migration und Vertreibung kündigte den Termin tags darauf an [36][39]. Als Anreiz zur Rückkehr wurde die einmalige Rückkehrhilfe auf 4 Millionen Irakische Dinar (rund 3.000 US-Dollar) pro Familie angehoben, ergänzt um in Aussicht gestellte Stellen, Sozialleistungen und zinslose Kleinkredite [36]. Menschenrechtsorganisationen, darunter Human Rights Watch und Genocide Watch, warnten jedoch, eine fristgebundene Schließung komme einer erzwungenen Rückkehr in eine noch nicht sichere und nicht wiederaufgebaute Region gleich und verstoße gegen das Prinzip der Freiwilligkeit [40][41].
In der Praxis wurde die vollständige Schließung mehrfach verschoben bzw. ausgesetzt: Bagdad und die KRG einigten sich darauf, den Prozess zu verlangsamen; Camps, die Êzîden aus dem noch unsicheren Norden von Şingal beherbergen, blieben ausdrücklich geöffnet, unter anderem mit Verweis auf die fortdauernde Präsenz bewaffneter Gruppen in der Region. Zugleich wurde der Rückkehrprozess durch fehlende oder verspätete Auszahlung der Hilfsgelder und durch Sicherheitsbedenken faktisch gebremst [39][42]. Trotzdem kam es zu Teilrückkehrwellen: Im November 2024 kehrten innerhalb weniger Tage rund 900 Êzîden aus Duhoker Camps nach Şingal zurück [43].
Diaspora-Kontext: Vertreibung als Motor der Auswanderung
Die anhaltende Binnenvertreibung ist eng mit der weltweiten êzîdîschen Diaspora verflochten. Beobachter wie der Atlantic Council und das IOM beschreiben, wie die Perspektivlosigkeit in den Camps und die ausbleibende sichere Rückkehr eine dauerhafte Auswanderung ins Ausland antreiben: Die Diaspora-Gemeinschaften in Deutschland, Australien und Kanada wuchsen seit 2014 erheblich [34][35]. Befragungen zeigen, dass viele junge Êzîden für sich in Şingal wegen fehlender Arbeitsplätze, Schulen und Dienstleistungen keine Zukunft mehr sehen [35]. Dies verschärft eine demographische Sorge: dass das historische Herzland der Êzîden dauerhaft entvölkert wird und die Gemeinschaft sich unumkehrbar in die Diaspora verlagert.
Verschärft wird die Lage durch Abschiebungen aus europäischen Aufnahmeländern. So berichtete KirkukNow 2025 über die Rückführung êzîdîscher Asylsuchender aus Deutschland in den Irak, obwohl Şingal von vielen Betroffenen weiterhin als nicht sicher empfunden wird [44]. Êzîdî-Organisationen wie die Free Yezidi Foundation und Yazda fordern in Stellungnahmen, die anhaltende Vertreibung nicht als gelöst zu betrachten, sondern als fortbestehende Folge des Genozids von 2014, deren Bewältigung Sicherheit, Wiederaufbau und eine Garantie der Nicht-Wiederholung voraussetzt [35][45].
Wiederaufbau
Der Wiederaufbau kommt nur langsam voran. Die Zerstörung von 2014/15 (laut NIOD ca. 80 % der Infrastruktur der Stadt Şingal [4]) ist vielerorts nicht behoben; es fehlen Strom- und Wassernetze, Schulen und Gesundheitseinrichtungen. Hilfsorganisationen wie die IOM unterstützen Rückkehrerfamilien gezielt, etwa beim Wiederaufbau von Häusern [20], der Bedarf übersteigt die Mittel jedoch bei weitem. Der ungeklärte Verwaltungsstatus (siehe Artikel 140) blockiert zudem größere staatliche Investitionen.
Das Sinjar-Agreement von 2020 und sein Scheitern
Am 9./10. Oktober 2020 schlossen die irakische Bundesregierung und die KRG unter Vermittlung der UN-Mission UNAMI das sogenannte Sinjar-Agreement mit drei Säulen [21]:
- Verwaltung: ein neuer, einvernehmlich bestimmter unabhängiger Bürgermeister, bis heute nicht ernannt; weiterhin existieren zwei konkurrierende Verwaltungen, eine vor Ort und eine im Exil in Duhok
- Sicherheit: Abzug aller „bewaffneten Formationen", ausdrücklich der PKK, sowie Aufbau von 2.500 lokalen Sicherheitskräften (1.500 Plätze für rückkehrende Binnenvertriebene, 1.000 für Ortsansässige)
- Wiederaufbau: ein gemeinsames Komitee von Bagdad und Erbil
Der laut übereinstimmender Einschätzung von Beobachtern größte Konstruktionsfehler: Die Êzîden vor Ort wurden bei den Verhandlungen nicht konsultiert [21][22][23]. Die Umsetzung ist bis heute weitgehend gescheitert; die UN, die USA und die US-Kommission für internationale Religionsfreiheit (USCIRF) mahnen sie regelmäßig an [21][22][23].
Sicherheitslage
In Şingal konkurrieren mehrere bewaffnete Strukturen, eine Situation, die die êzîdîsche Zivilbevölkerung im Alltag am stärksten trifft, da sie zwischen den Ansprüchen der verschiedenen Akteure steht. Die folgende Darstellung gibt die Einordnungen der zitierten Quellen wieder:
- die irakische Armee und Bundespolizei;
- Brigaden der Volksmobilisierungskräfte (PMF / Haşd al-Şabi): laut Atlantic Council (2021) wurden rund 15.000 PMF-Kräfte in die Gegend verlegt [21];
- die êzîdîschen Şingal-Widerstandseinheiten (YBŞ) mit etwa 1.500 Kämpfern, 2014/15 mit Hilfe der PKK entstanden, laut International Crisis Group und Chatham House ideologisch PKK-nah, administrativ und finanziell jedoch der PMF zugeordnet [21][22][23];
- lokale Strukturen einer von der PKK inspirierten Selbstverwaltung (Demokratischer Autonomierat Şingal) [22];
- die KDP-Peschmerga zogen sich im Oktober 2017 aus Şingal zurück [21].
Türkische Luftschläge: Wegen der PKK-Präsenz flog die Türkei seit 2017 wiederholt Luft- und Drohnenangriffe auf Şingal; die Forschungsorganisation ICSVE dokumentierte die Schläge der Jahre 2017–2021 [24]. Ein belegtes Beispiel: Am 16./17. August 2021 traf ein Angriff ein Fahrzeug in der Stadt Şingal (unter den Toten der YBŞ-Kommandeur Seîd Hesen) sowie die Klinik im Dorf Sikêniyê, laut Middle East Eye und weiteren Medien starben acht Menschen, darunter Klinikpersonal und ein Zivilist [25]. Laut The New Humanitarian (Februar 2022) bremste die Angst vor Luftschlägen die Rückkehr von Vertriebenen messbar [26]. Die türkische Regierung betrachtet nach eigener Darstellung die Präsenz von PKK und YBŞ als Sicherheitsbedrohung und machte den Abzug der PKK zur Bedingung einer Entspannung [24][26].
Entwicklung seit 2024: vorsichtige Entspannung
Seit 2024 zeichnet sich eine mögliche Wende ab, die Lage ist jedoch dynamisch, die folgenden Angaben geben den Stand der zitierten Quellen wieder: Laut Jamestown Foundation wurden seit Juli 2024 keine türkischen Luftschläge in Şingal mehr gemeldet. Im Oktober 2024 begann ein türkisch-kurdischer Friedensprozess; im Februar 2025 rief der inhaftierte PKK-Gründer Abdullah Öcalan zur Auflösung der PKK auf, der im Mai/Juli 2025 entsprechende Auflösungs- und Entwaffnungserklärungen folgten [27][28]. Beobachter sehen darin Chancen für mehr Rückkehr, zugleich bleiben zentrale Fragen offen: Der Status der YBŞ ist ungeklärt (im irakischen Parlament gibt es Vorschläge, sie in staatliche Sicherheitsstrukturen zu integrieren [29]), und die Grundkonflikte um Verwaltung und Artikel 140 sind ungelöst [27][28].
Kultur und Wirtschaft
„Land der Feigen": Landwirtschaft
Die ökonomische Basis Şingals ist die Landwirtschaft: Weizen, Gerste, Tabak, Granatäpfel, Oliven, Gemüse, und vor allem Feigen, für die die Region weit über den Irak hinaus bekannt ist. Şingal verfügt über mehr als 40.000 Hektar Agrarland, überwiegend im Regenfeldbau, und etwa 50.000 Feigenbäume, davon rund 40.000 im Raum Sinunê. In den Bergterrassen-Dörfern wie Karsî, Gabara und Dereji hat der Feigenanbau eine lange Tradition; Şingal-Feigen erzielen auf den Märkten 3.000 bis 5.000 Irakische Dinar pro Kilogramm [30].
Doppelte Krise: Zerstörung und Dürre
Die Landwirtschaft Şingals steht unter doppeltem Druck. Zum einen zerstörte der IS gezielt Obstgärten, Brunnen und Bewässerungsanlagen, Amnesty International sprach 2018 von „mutwilliger Zerstörung" (wanton destruction) des êzîdîschen Agrarlands [31]. Zum anderen setzen Dürre und Klimawandel der Region zu: Die Feigenernte im Raum Sinunê halbierte sich von 150 Tonnen (2019) auf 75 Tonnen (2021); 2023 verdorrten rund 4.000 Bäume bei Temperaturen über 40 °C. Allein aus dem Bergdorf Karsî zogen etwa 130 Familien weg [30]. Als Gegenbewegung entstand unter anderem ein Aufforstungsprojekt mit dem Ziel von einer Million Bäumen, in einer einzigen Monatscharge wurden 7.000 Feigenstecklinge gepflanzt [30][32].
Feste und religiöses Leben
Das religiöse Jahr der Şingal-Êzîden verbindet lokale und überregionale Traditionen (ausführlich im Festkalender-Artikel auf ezdixan.de):
- die Wallfahrt zu Şerfedîn (siehe oben; das genaue Datum sollte bei der Gemeinschaft erfragt werden) [5][7]
- die große Herbstwallfahrt Cejna Cemayê (kurmancî: „Fest der Versammlung") nach Laliş vom 6. bis 13. Oktober, zu der auch Şingal-Êzîden pilgern [7]
- Çarşema Sor / Serê Salê (kurmancî: das êzîdîsche Neujahrsfest am ersten Mittwoch im April nach dem Ostkalender) [7]
- Cejna Êzî (kurmancî: „Fest des Êzî") am Freitag vor der Wintersonnenwende, das in Şingal nach dem dreitägigen Fasten Rojiyên Êzî besonders intensiv gefeiert wird [33]
Identität und Bedeutung für die Diaspora
Şingal gilt als das demographische und kulturelle Herzland der Êzîden weltweit, vor 2014 war es die größte zusammenhängende êzîdîsche Siedlungsregion. Wegen der jahrhundertelangen Abgeschiedenheit des Berglandes wird Şingal zudem vielfach als Bewahrer eigenständiger mündlicher Traditionen beschrieben [2][10]. Für die heute weltweit verstreute Diaspora, von Deutschland bis Australien (siehe Politische Lage weltweit), bleibt der Berg ein zentraler Bezugspunkt der Identität: als heiliger Ort, als Ort der Ahnen und als Mahnung, dass das Überleben der Gemeinschaft nie selbstverständlich war.
Quellen
Alle Quellen abgerufen am 11.06.2026.
- Wikipedia: Sinjar Mountains, https://en.wikipedia.org/wiki/Sinjar_Mountains
- The Kurdish Project: Sinjar (Shingal), https://thekurdishproject.org/kurdistan-map/iraqi-kurdistan/sinjar-shingal/
- Wikipedia: Sinjar, https://en.wikipedia.org/wiki/Sinjar
- NIOD Institut für Kriegs-, Holocaust- und Genozidstudien (NL): „Ten years of ongoing genocide against the Yazidis", https://www.niod.nl/en/longreads/ten-years-ongoing-genocide-against-yazidis
- Wikipedia: Sharfadin Temple, https://en.wikipedia.org/wiki/Sharfadin_Temple
- Mesopotamia Heritage: The Yazidi mausoleums of Sinjar, https://www.mesopotamiaheritage.org/en/monuments/les-mausolees-yezidis-de-sinjar/
- Wikipedia: Cejna Cemayê, https://en.wikipedia.org/wiki/Cejna_Cemayê
- Wikivoyage: Sinjar, https://en.wikivoyage.org/wiki/Sinjar
- PLOS Medicine: Mortality and kidnapping estimates for the Yazidi population … Mount Sinjar, August 2014, https://journals.plos.org/plosmedicine/article?id=10.1371/journal.pmed.1002297
- irqnow: A brief history of Sinjar, https://irqnow.com/sinjar/
- Wikipedia: Persecution of Yazidis, https://en.wikipedia.org/wiki/Persecution_of_Yazidis
- Wikipedia: Article 140 of the Constitution of Iraq, https://en.wikipedia.org/wiki/Article_140_of_the_Constitution_of_Iraq
- KirkukNow: Article 140, disputed territories, https://kirkuknow.com/en/news/69161
- Rudaw: Territories remain disputed, Article 140 can be implemented, Iraqi federal court (2019), https://www.rudaw.net/english/kurdistan/300720192
- Wikipedia: 2007 Yazidi communities bombings, https://en.wikipedia.org/wiki/2007_Yazidi_communities_bombings
- UN News: UN Iraq envoy reviews reconstruction options for bomb-devastated Sinjar region (2007), https://news.un.org/en/story/2007/09/231602
- IOM DTM Iraq: Master List Report 134 (Sep–Dez 2024), https://iraqdtm.iom.int/images/MasterList/20253231141635_IOM_DTM_ML_134.pdf
- IOM DTM Iraq: Sinjar District Factsheet, https://iraqdtm.iom.int/files/HHReintegration/2024611222618_IOM_DTM_Sinjar_ factsheet_v14.pdf
- KirkukNow: Shingal (Sinjar) returnees back to IDP camps (24.09.2023), https://www.kirkuknow.com/en/news/69664
- 964media: Dozens of Yazidi families return to Sinjar with IOM support (12.03.2024), https://en.964media.com/15833/
- Atlantic Council: The Sinjar agreement has good ideas, but is it a dead end? (2021), https://www.atlanticcouncil.org/blogs/menasource/the-sinjar-agreement-has-good-ideas-but-is-it-a-dead-end/
- International Crisis Group: Iraq, Stabilising the Contested District of Sinjar, Report 235 (31.05.2022), https://www.crisisgroup.org/middle-east-north-africa/gulf-and-arabian-peninsula/iraq/iraq-stabilising-contested-district-sinjar
- USIP: The Struggle for Sinjar, Iraqis’ Views on Security in the Disputed District (2021), https://www.usip.org/publications/2021/04/struggle-sinjar-iraqis-views-security-disputed-district
- ICSVE: Five Years of Airstrikes, Turkish Aggression and International Silence in Sinjar, 2017–2021, https://icsve.org/five-years-of-airstrikes-turkish-aggression-and-international-silence-in-sinjar-2017-2021/
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- Shafaq News: Iraq faces criticism over closure of IDP camps in Kurdistan, https://shafaq.com/en/Report/Iraq-faces-criticism-over-closure-of-IDP-camps-in-Kurdistan
- Rudaw: Rebuilding from the ashes, The Yazidis left homeless in Sharya camp, https://www.rudaw.net/english/kurdistan/220620213
- The New Region: Security, financial issues halt Sinjar return process for Yazidi IDPs, https://thenewregion.com/posts/2260/security-financial-issues-halt-sinjar-return-process-for-yazidi-idps
- Human Rights Watch: Iraq, Looming Camp Closures in Kurdistan (13.05.2024), https://www.hrw.org/news/2024/05/13/iraq-looming-camp-closures-kurdistan
- Genocide Watch: Yazidi survivors alarmed by move to close camps, https://www.genocidewatch.com/single-post/yazidi-survivors-alarmed-by-move-to-close-camps
- Anadolu Agency: Yazidi camps to remain open due to PKK’s presence in Sinjar, Iraqi official, https://www.aa.com.tr/en/middle-east/yazidi-camps-to-remain-open-due-to-pkk-s-presence-in-sinjar-iraqi-official/3279264
- The New Region: Over 500 Yazidis return to hometown Sinjar from Duhok camps, Ministry, https://thenewregion.com/posts/1101/over-500-yazidis-return-to-hometown-sinjar-from-duhok-camps-ministry
- KirkukNow: Miserable Life Awaits Deported Ezidis as Germany Sends Iraqi Asylum Seekers Home, https://www.kirkuknow.com/en/news/71091
- Yazda: Critical steps for Yazidi security and recovery in Sinjar outlined in new policy paper, https://www.yazda.org/critical-steps-for-yazidi-security-and-recovery-in-sinjar-outlined-in-new-policy-paper
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