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Êzîdî-Musikinstrumente: Organologie und ritueller Status

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Organologie ist die Lehre vom Bau und der Klassifikation der Musikinstrumente. Dieser Artikel behandelt die Instrumente der Êzîden (auch Yeziden oder Jesiden) als Klang- und Kulturobjekte: ihren Bau, ihr Material, ihren Klang, ihren sozialen und, bei zweien von ihnen, ihren heiligen Status. Es geht hier ausdrücklich nicht um Künstler, Genres oder Lieder; das ist Gegenstand des Artikels Êzîdî-Musik. Wer wann welches Instrument spielen darf, sagt im Êzîdîtum mehr aus als die bloße Klangfarbe: Die Instrumente teilen sich scharf in eine sakrale und eine profane Sphäre, und diese Trennung folgt derselben Logik wie die Geistlichkeit und die Reinheits-Ordnung der Gemeinschaft.

Wichtig vorweg: Die Êzîden (Êzîdî) verehren Tawûsî Melek, den höchsten der sieben Engel und treuen Statthalter des einen Gottes Xwedê. Er ist niemals ein „Teufel" oder „Şeytan", diese Gleichsetzung ist eine widerlegte Fremdverleumdung (siehe Tawûsî Melek). Instrumentennamen folgen hier dem Kurmancî-Latein.


1. Die Zweiteilung: heilige und volkstümliche Instrumente

Das musikalische Instrumentarium der Êzîden zerfällt in zwei klar geschiedene Klassen:

  1. Heilige Instrumente: die Def (Rahmentrommel) und die Şibab/Şimşal (Flöte). Sie sind kein Schmuck und kein Konzertgerät, sondern liturgisches Gerät. Sie dürfen ausschließlich von den Qewwal, den berufsmäßigen Hymnensängern aus den Zwillingsdörfern Başîqa und Bahzanê, und nur im rituellen Rahmen gespielt werden (Kreyenbroek & Rashow 2005; Amy de la Bretèque & Omarkhali 2019).
  2. Volkstümliche (profane) Instrumente: Tembûr/Saz, Erbane/Daf in weltlicher Verwendung, Zirne und Dahol, Bilûr und Kemança. Sie begleiten Hochzeiten, Feste und den Reihentanz Govend; jeder darf sie spielen, und sie sind nicht êzîdîsch-exklusiv, sondern Teil der gemeinsamen kurdischen und nahöstlichen Instrumentenwelt.

Die Grenze verläuft nicht zwischen „Trommel" und „Flöte", sondern zwischen Tawûsgêran/Lalîş auf der einen und Dawet/Cejn (Hochzeit/Fest) auf der anderen Seite, zwischen geweihtem und alltäglichem Klang. Bezeichnenderweise trägt die Rahmentrommel in beiden Welten denselben Grundnamen (Def/Daf/Erbane), ist aber durch Spieler, Ort und Anlass entweder heilig oder profan.


2. Die heiligen Instrumente der Qewwal

Nur zwei Instrumente begleiten die heiligen Hymnen (Qewl) der Êzîden, und nur die Geistlichkeit in Gestalt der Qewwal darf sie öffentlich erklingen lassen: die Def und die Şibab. Weltliche Êzîden dürfen die Qewls hören und die Instrumente hören, sie aber nicht im Ritual spielen (Kreyenbroek 1995; Kreyenbroek & Rashow 2005).

Beide Instrumente haben über ihren Klang hinaus eine kosmologische Bedeutung. In den Schöpfungs-Hymnen erscheinen Def und Şibab als Sinnbilder der Himmelskörper: verbunden mit der êzîdîschen Verehrung von Sonne und Mond und ihren Engeln (Melek Şêşims/Şemsedîn und Melek Fexredîn). Estelle Amy de la Bretèque und Khanna Omarkhali haben diesen Gedanken mit dem pythagoreischen Bild der Sphärenharmonie (Musik der Sphären) in Verbindung gebracht: Die heiligen Instrumente klingen, weil der Kosmos klingt (Amy de la Bretèque & Omarkhali 2019). Damit ist die Def weit mehr als eine Trommel, sie ist ein Stück hörbar gemachter Schöpfung.

2.1 Def (Rahmentrommel)

Die Def (kurmancî def; arabisch دف daff; in der Forschung oft als daf geschrieben) ist eine Rahmentrommel: organologisch eine Membranophon der Bauform „flacher Holzreif mit einseitiger Bespannung".

Bau und Material:

  • Ein runder, flacher Holzreif von etwa 40–60 cm Durchmesser und nur wenigen Zentimetern Tiefe.
  • Einseitig bespannt mit Ziegen- oder Schafshaut (Naturfell), traditionell genässt und über den Reif gespannt; die Fellspannung, und damit die Tonhöhe, reagiert empfindlich auf Wärme und Feuchtigkeit, weshalb die Trommel vor dem Spiel oft an der Wärme „gestimmt" wird.
  • Im Innenrand häufig kleine Metallringe (Schellen), die beim Anschlag und Schütteln mitklingen und den charakteristischen flirrenden Beiklang erzeugen.

Klang und Spielweise: Mit beiden Händen geschlagen, tiefer Bassschlag (dum) in der Mitte, heller Randschlag (tek) am Reif –, ergänzt durch das Klirren der Ringe. Die Def gehört zur jahrtausendealten altorientalischen Rahmentrommel-Tradition, die bis in sumerische Darstellungen zurückreicht (Açıkyıldız 2010).

Ritueller Status: Bei den Êzîden ist die Def in ihrer geweihten Verwendung das Instrument der Qewwal. Sie begleitet die Qewls bei den großen Festen, bei Initiationen und Gedenktagen, vor allem aber bei der Pfauen-Prozession Tawûsgêran und bei den Zeremonien in Lalîş, wenn der Sanjak (das bronzene Pfauen-Standbild) von Dorf zu Dorf getragen wird. (Zur säkularen Variante derselben Trommel, der Erbane, siehe Abschnitt 3.2.)

2.2 Şibab / Şimşal (Flöte)

Die Şibab (auch Şıbab, Şimşal; arabisch شباب) ist die zweite heilige Klangquelle, eine randgeblasene Längsflöte (Aerophon).

Bau und Material:

  • Ein langes Rohr aus Schilfrohr (Bambus) oder Holz, ca. 60–80 cm lang.
  • Sieben Grifflöcher: eine Zahl, die mit den Sieben Engeln (Heft Sirr) korrespondiert und der Flöte zusätzliche symbolische Tiefe gibt.
  • Ohne Mundstück randgeblasen: Der Spieler richtet den Luftstrom gegen die scharfe Kante des oberen Rohrendes; daraus entsteht der hauchige, obertonreiche Ton, der für die Familie der nahöstlichen Längsflöten (persische Ney) typisch ist.

Klang und Repertoire: Mündlich überlieferte Melodie-Modi (mit der nahöstlichen Maqam-Welt verwandt) sind bestimmten Qewls fest zugeordnet; die Êzîden beschreiben sie mit eigenen Kategorien (bilind „hoch", giran „schwer/getragen", bi lez „schnell"). Die Flöte trägt die Melodielinie, die Def den Puls (Amy de la Bretèque & Omarkhali 2019).

Verwandtschaft: Die Şibab ist organologisch eng verwandt mit der persischen Ney und mit der profanen kurdischen Hirtenflöte Bilûr (Abschnitt 3.5), derselbe Flötentypus, aber mit gänzlich anderem sozialen und rituellen Status: Die eine begleitet die Offenbarung, die andere die Schafherde.


3. Volkstümliche Instrumente

Außerhalb des Qewwal-Rituals greift die êzîdîsche Volksmusik auf das gemeinsame Instrumentarium der kurdischen und nahöstlichen Welt zurück. Diese Instrumente sind profan: Jeder darf sie spielen, sie tragen keinen Heiligkeitsstatus, und sie sind nicht êzîdîsch-exklusiv. Ihr Ort ist die Hochzeit (Dawet), das Fest (Cejn) und der Reihentanz Govend: nicht der Tempel.

3.1 Tembûr / Saz (Langhalslaute)

Die Tembûr (auch Tenbûr; verwandt mit Saz / Bağlama) ist eine Langhalslaute (Chordophon) mit tiefen sasanidisch-altmesopotamischen Wurzeln.

Bau und Material:

  • Birnenförmiger Korpus, traditionell aus 7 bis 10 zusammengeleimten Holzrippen (Schalenbauweise), häufig aus Maulbeerholz; die Decke aus Maulbeerholz trägt kleine eingebrannte oder gebohrte Schalllöcher.
  • Langer Hals aus Nussbaum mit gebundenen Bünden (rund vierzehn, in einer halb-temperierten chromatischen Anordnung).
  • Drei Metallsaiten, wobei der erste Chor doppelt geführt ist; gespielt mit einer charakteristischen Drei-Finger-Technik der rechten Hand.
  • Resonator etwa 80 cm hoch, ca. 16 cm breit.

Klang und Kontext: Weicher, obertonreicher Lautenklang. Im benachbarten Yarsanismus (Ahl-e Haqq) gilt die Tembûr als heiliges Objekt: bei den Êzîden hingegen ist sie ein profanes Begleitinstrument für Stranbêj-Lieder und epischen Gesang, besonders in der armenisch-êzîdîschen Diaspora prominent. Die Saz/Bağlama ist die nah verwandte kurdisch-türkische Variante derselben Baufamilie (Wikipedia-Organologie; Açıkyıldız 2010).

3.2 Erbane / Daf (volkstümliche Rahmentrommel)

Dieselbe Rahmentrommel wie die heilige Def (Abschnitt 2.1) erscheint in der Volksmusik unter dem Namen Erbane (bzw. säkular Daf). Bau und Klang sind identisch, Holzreif, Naturfell, oft mit Metallringen –, aber der Status ist ein anderer: Hier ist sie ein profanes Tanz- und Begleitinstrument, das den Puls für Govend-Reigen und Festlieder gibt. Dass dasselbe Objekt je nach Spieler, Ort und Anlass heilig oder weltlich sein kann, ist die deutlichste Illustration der êzîdîschen Trennung von sakraler und profaner Sphäre (vgl. Abschnitt 4).

3.3 Zirne (Schalmei) und Dahol (Trommel): das Fest-Duo

Das laute Freiluft-Paar Zirne + Dahol ist der akustische Inbegriff der êzîdîschen Hochzeit und des Festes.

Zirne (kurmancî zirne; türkisch zurna), eine Doppelrohrblatt-Schalmei (Aerophon, „Vorläufer der Oboe"):

  • Aus einem Stück Holz gedrechselter, sich konisch erweiternder Korpus mit aufgesetztem Schallbecher.
  • Ein Daumenloch und bis zu acht Grifflöcher.
  • Ein flachgedrücktes, doppeltes Rohrblatt als Tonerzeuger; der Spieler nutzt Zirkularatmung, um die Melodie ohne hörbare Pause durchzuspielen.
  • Klang: extrem laut, durchdringend, hell: gebaut für den offenen Hof und die große Menschenmenge.

Dahol (kurmancî dahol; türkisch davul), eine große zweifellige Zylindertrommel (Membranophon):

  • Hölzerner Zylinderkorpus, beidseitig mit Tierhaut bespannt, die Felle mit Seil- oder Lederschnürung gegeneinander verspannt.
  • Beidseitig geschlagen: tiefer Bass auf der großen Fellseite mit einem gepolsterten Schlägel, scharfer Gegenschlag auf der kleinen Seite mit einer dünnen Gerte.

Kontext: Zirne und Dahol sind nahezu untrennbar und bilden das klassische Tanz-Ensemble für Dawet (Hochzeit), Sersal/Çarşemiya Sor und alle großen Feste. Sie führen den Reihentanz Govend an, der vom Serçopî (Tanzführer mit Tuch) geleitet wird (Açıkyıldız 2010).

3.4 Kemança (Spießgeige)

Die Kemança (auch Kemençe) ist eine Spießgeige (Streich-Chordophon):

  • Kleiner, runder oder birnenförmiger Korpus, oft mit Fell- oder Holzdecke, auf einem Stachel (Spieß) ruhend, der senkrecht auf dem Knie aufgestellt wird.
  • Wenige Saiten (meist drei oder vier), mit einem Bogen gestrichen.

Kontext: In der êzîdîschen Volksmusik vor allem in der armenisch-êzîdîschen Diaspora verbreitet, wo sie Klage- und Erzählgesang (Dengbêj-Tradition) begleitet, ein profanes Melodieinstrument von schlankem, klagendem Ton.

3.5 Bilûr (Hirtenflöte)

Die Bilûr ist die Hirtenflöte: die alltägliche, profane Schwester der heiligen Şibab:

  • Eine randgeblasene Längsflöte aus Schilfrohr, Holz oder (modern) Metall, schlanker und kürzer als die Şibab, mit Grifflöchern entlang des Rohrs.
  • Ohne Mundstück gespielt, mit demselben randgeblasenen Prinzip wie Ney und Şibab.

Kontext: Das Instrument des Hirten auf der Weide, leicht zu tragen, leicht zu bauen, einsam gespielt. Genau diese alltägliche, pastorale Verortung trennt sie scharf von der formgleichen, aber geweihten Şibab der Qewwal: gleicher Flötentypus, gegensätzlicher Status (vgl. Abschnitt 4).


4. Sakral vs. profan: die Logik dahinter

Das auffälligste Merkmal der êzîdîschen Organologie ist nicht, welche Instrumente verwendet werden, es sind überwiegend dieselben wie bei den Nachbarvölkern –, sondern die scharfe rituelle Sortierung:

Merkmal Heilig (Def, Şibab) Profan (Tembûr, Erbane, Zirne+Dahol, Bilûr, Kemança)
Spieler nur Qewwal (Başîqa/Bahzanê) jeder, der es kann
Ort/Anlass Tawûsgêran, Lalîş, Qewl-Vortrag, Feste Hochzeit, Fest, Govend, Alltag
Funktion liturgisch, Träger der Offenbarung gesellig, tänzerisch, erzählend
Exklusivität êzîdîsch-rituell gebunden gemeinsames kurdisch-nahöstliches Erbe
Symbolgehalt Himmelskörper, Sphärenharmonie keiner / weltliche Freude

Besonders sprechend sind die zwei Paare formgleicher Instrumente, die durch ihren Status getrennt sind:

  • Def (heilig) ↔ Erbane/Daf (profan): dieselbe Rahmentrommel, geweiht oder weltlich je nach Spieler und Anlass.
  • Şibab (heilig) ↔ Bilûr (profan): derselbe Flötentypus, die eine begleitet die Offenbarung, die andere die Herde.

Diese Trennung spiegelt die êzîdîsche Ordnung im Großen: Wie nur die Geistlichkeit bestimmte sakrale Aufgaben übernehmen darf und wie der Sanjak nur von Qewwal getragen wird (siehe Sanjak und Tawûsgêran), so darf auch der heilige Klang nur aus berufenen Händen kommen. Das Instrument allein ist nicht heilig, heilig wird es durch Spieler, Ort und Anlass. Mehr zu den Anlässen und ihrem Ablauf in den Artikeln Feste und Festkalender und Traditionen.


5. Abgrenzung zu „Êzîdî-Musik"

Dieser Artikel beschreibt die Instrumente als Objekte. Wer sie spielt (Qewwal, Stranbêj, Dengbêj), welche Genres (Stran, Lawik, Heyranok, Zêmar) und welche Künstler (von Karapetê Xaço bis zur Diaspora-Generation) es gibt und wie die Musik nach Anlass organisiert ist, behandelt ausführlich der Artikel Êzîdî-Musik. Die heilige Qewl-Tradition als Textgattung und ihre mündliche Weitergabe wird unter Qewl, die mündliche heilige Überlieferung erklärt.


Quellen

Nr. Autor / Werk Trust
1 Kreyenbroek, Philip G. (1995) Yezidism: Its Background, Observances and Textual Tradition, Edwin Mellen Press, ISBN 0-7734-9004-3 A
2 Kreyenbroek, Philip G. & Rashow, Khalil J. (2005) God and Sheikh Adi are Perfect: Sacred Poems and Religious Narratives from the Yezidi Tradition, Harrassowitz, ISBN 978-3-447-05300-6 A
3 Spät, Eszter (2005) The Yezidis, Saqi Books, ISBN 978-0-86356-593-4 A
4 Açıkyıldız, Birgül (2010) The Yazidis: The History of a Community, Culture and Religion, I.B. Tauris, ISBN 978-1-848-85274-7 A
5 Amy de la Bretèque, Estelle & Omarkhali, Khanna (2019/2020) „The Yezidi Wednesday and the Music of the Spheres", Iranian Studies 53(1–2), Cambridge University Press, cambridge.org A
6 Amy de la Bretèque, Estelle u. a. (2022) „The Yezidi Religious Music: A First Step in the Analysis of the Acoustic Shape of Qewls", Oral Tradition Journal, oraltradition.org A
7 „Les musiciens-officiants Qawwâl dans l’espace sacré yézidi" (HAL-SHS), shs.hal.science A
8 Encyclopædia Iranica, Eintrag „Yazidis", iranicaonline.org A
9 Wikipedia / Organology, „Tanbur", en.wikipedia.org/wiki/Tanbur C
10 Wikipedia, „Zurna", en.wikipedia.org/wiki/Zurna C
11 Wikipedia, „Davul", en.wikipedia.org/wiki/Davul C
12 Wikipedia, „Tawûsgeran", en.wikipedia.org/wiki/Taw%C3%BBsgeran C

Trust-Code: A = akademisch peer-reviewed / Standardreferenz; B = institutionell oder anerkannte Community; C = Enzyklopädie-/Organologie-Übersicht ohne formales Peer-Review (nur für allgemeine Bau-Angaben verwendet).


Stand: 2026-06-15 · Êzîdî-Authentizität geprüft · Konsistente Schreibung: Êzîdî/Êzîden, Tawûsî Melek (nie „Teufel"), Lalîş, Sanjak, Qewwal, Xwedê (nie Allah). Instrumentennamen in Kurmancî-Latein. Klar abgegrenzt von musik.

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