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Heilige Genealogie
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Die êzîdîsche Gesellschaft ist nach einem religiös begründeten, erblichen Ordnungsprinzip aufgebaut: drei endogame Kasten, drei Şêx-Linien und eine Reihe geistlicher Ämter, die sich genealogisch auf die heiligen Stammväter zurückführen. Dieser Artikel erklärt diese Struktur, die wichtigsten Heiligengestalten und die Ämter, durchgehend mit akademischen Belegen. Die Eigennamen erscheinen in lateinischer Êzdîkî-/Kurmancî-Schreibweise.
Inhalt
- Überblick: Kasten und Ordnungsprinzip
- Die Heft Sirran, die Sieben Heiligen Wesen
- Kosmologie der Sieben und die göttliche Trias
- Die Schlüsselfiguren der Heilsgeschichte
- Die drei Şêx-Linien: Şemsanî, Adanî, Qatanî
- Die Pîr-Kaste
- Die geistlichen und weltlichen Ämter
- Die Mîr-Dynastie
- Mythos und Geschichte: wie zuverlässig sind die Stammbäume?
- Quellen
1. Überblick: Kasten und Ordnungsprinzip

Lalîş (Şêxan, Nordirak): das Hauptheiligtum und der genealogische Ankerpunkt aller Êzîdî-Linien. Hier sind die Schreine der heiligen Stammväter versammelt. · Foto: Ger Al Hamud Ser bahger · CC BY-SA 3.0 · Wikimedia Commons
Die êzîdîsche Gesellschaft gliedert sich in drei erbliche, streng endogame Kasten. Die Zugehörigkeit wird von beiden Elternteilen vererbt und kann zu Lebzeiten nicht geändert werden (Kreyenbroek 1995; Encyclopaedia Iranica, „Yazidis i. General"):
| Kaste | Charakter | Aufgabe |
|---|---|---|
| Şêx (Scheich) | priesterlich, in drei Linien (Şemsanî, Adanî, Qatanî) | religiöse Unterweisung, Leitung der Riten, Verwaltung der Heiligtümer und der höchsten Ämter |
| Pîr (Ältester/Weiser) | priesterlich, in zahlreichen Linien | geistliche Betreuung, Festriten, bestimmte spirituelle Funktionen, politisch nachgeordnet gegenüber den Şêx |
| Mirîd (Murîd, „Schüler") | laisch | die große Mehrheit der Êzîden (auch Yeziden); jeder Mirîd ist genealogisch fest einem Şêx und einem Pîr zugeordnet |
Endogamie und das Heiratstabu. Ehen zwischen den drei Kasten sind verboten und gelten religiös als „spiritueller Inzest", weil die Bindungen als geistliche Verwandtschaft verstanden werden (Iranica; Omarkhali 2017). Auch die drei Şêx-Linien dürfen untereinander nicht heiraten. Ein Verstoß kann zur Ausstoßung aus der Gemeinschaft führen.
Die fünf festen Beziehungen. Jeder Êzîde steht in einem Netz erblicher geistlicher Beziehungen, die die Kasten miteinander verzahnen: ein eigener Şêx, ein eigener Pîr, ein Mêrebî (spiritueller Mentor), ein Hosta (Lehrer) und ein Birayê/Xwişka Axretê (Bruder bzw. Schwester des Jenseits). Diese Bindungen sind ererbt und grundsätzlich unauflöslich (ezidi-heritage.org; Kreyenbroek 1995).
Wie verteilen sich die höchsten Ämter? Jede der drei Şêx-Linien stellt eine Spitzeninstanz: die Qatanî den weltlichen Mîr, die Şemsanî den Babê Şêx (geistliches Oberhaupt), die Adanî den Pêşîmam (Ritus- und Ehe-Autorität). Diese Aufteilung wird in Abschnitt 6 ausgeführt (Iranica; yazidiculturalheritage.com).
2. Die Heft Sirran: die Sieben Heiligen Wesen

Tawûsî Melek, Anführer der Heft Sirran, in George Percy Badgers The Nestorians and their Rituals (1852). · Public Domain · Wikimedia Commons
Die theologische Grundlage der gesamten heiligen Genealogie sind die Heft Sirran („Sieben Mysterien", auch Heft Melek „Sieben Engel"). Nach êzîdîscher Lehre schuf Xwedê (Gott) vor der Welt sieben heilige Wesen aus seinem eigenen Licht und vertraute ihnen die Lenkung der Schöpfung an; an ihrer Spitze steht Tawûsî Melek, der Pfauenengel (Kreyenbroek 1995, S. 47–92; Kreyenbroek/Rashow 2005).
Entscheidend für das Verständnis der Stammbäume ist die Lehre vom kiras guhorîn („Hemdwechsel"): Die Sieben werden in der Geschichte immer wieder in irdischen Heiligen sichtbar, in denen sie als gegenwärtig oder inkarniert verstanden werden, bevorzugt im Umfeld der heiligen Familien (Kreyenbroek 1995; Yazidism, Wikipedia). Dadurch sind die historischen Stammväter zugleich Engelgestalten: Şêx Adî gilt als irdische Erscheinung des Tawûsî Melek, Şêx Hesen als die des Melik Şêxsin.
| Heiliges Wesen | Sphäre / Funktion | Verbindung zur Genealogie |
|---|---|---|
| Tawûsî Melek | Anführer der Sieben; Statthalter Gottes, Mittler zwischen Gott und Mensch; „Bavê Pîran" (Vater der Pîrs) | irdisch erscheinend in Şêx Adî |
| Şêx Şems | Herr von Sonne, Licht und Feuer | Patron der Şemsanî-Linie; Sohn Êzdîna Mîrs |
| Şêx Fexredîn | Herr des Mondes; Schreiber der heiligen Hymnen; Schutz von Familie und Haus | Sohn Êzdîna Mîrs; aus seiner Linie stammt der Babê Şêx |
| Şêx Sicadîn | Geleiter der Seelen ins Jenseits (Psychopomp) | Sohn Êzdîna Mîrs |
| Şêx Nasirdîn | Engel des Todes und der Erneuerung | Sohn Êzdîna Mîrs |
| Melik Şêxsin (= Şêx Hesen) | Herr der Schrift und Gelehrsamkeit | Patriarch der Adanî-Linie |
| Şêxûbekir (Şêx Obekr) | eines der Sieben Wesen | Patriarch der Qatanî-Linie |
Konvention. Die Êzîden nennen Tawûsî Melek oft nicht direkt beim Namen, sondern umschreiben ihn als Padîşah oder Melek. Tawûsî Melek ist nicht mit dem Teufel zu verwechseln, diese Gleichsetzung durch Außenstehende ist eine Fehldeutung, die historisch zur Verfolgung der Êzîden beigetragen hat. Über die inneren Geheimnisse der Sieben (das Heft Sirr im engeren, esoterischen Sinn) gibt es eine Tabu-Schweigepflicht; dieser Artikel referiert nur, was in der publizierten Forschung offen behandelt wird.
Die drei zentralen Heilsgestalten, Tawûsî Melek, Şêx Adî und Sultan Êzî: werden in der Forschung mitunter als drei Aspekte des einen Gottes beschrieben, deren Identitäten ineinander übergehen (Rodziewicz 2014/2016; Yazidism, Wikipedia).
3. Kosmologie der Sieben und die göttliche Trias
Abschnitt 2 hat die Sieben als Personen vorgestellt. Sie sind aber zugleich ein kosmologisches System: ein Modell davon, wie Gott die Welt hervorbringt, ordnet und in der Geschichte gegenwärtig bleibt. Dieser Abschnitt fasst zusammen, was die publizierte Forschung dazu offen darstellt.
3.1 Die Schöpfung aus der Perle (Dur)
Nach den Qewl existierte vor der Welt allein Xwedê (Gott), der aus seinem eigenen Licht (Ronahî) eine weiße Perle (Dur, auch Durr „Perle") schuf und in ihr verweilte. Aus dieser Perle ging die geschaffene Welt hervor; in mehreren Hymnen ruht die Perle auf den Hörnern eines Stieres, der auf einem Fisch steht, ein Bild, das die Êzîden mit benachbarten altorientalischen Kosmologien teilen (Kreyenbroek 1995; Yazidism, Wikipedia; Tawûsî Melek, Wikipedia).
Aus dem göttlichen Wesen, das die Êzîden Sur (auch Sirr, „Geheimnis, Mysterium, Essenz") nennen, gehen die Sieben als erste Emanationen hervor. Tawûsî Melek wird dabei als das Wesen verstanden, das unmittelbaren Zugang zur Sur Gottes hat, mitunter als die erste Emanation der Sur überhaupt (Rodziewicz 2018, Heft Sur). Gott vertraut den Sieben „alle Angelegenheiten der Welt" an; sie sind damit nicht Gott selbst, sondern dessen Walten in der Schöpfung, ein Modell, das die Forschung als uniplural beschreibt: ein einziges höchstes Wesen, das sich in sieben unterschiedenen, aber verbundenen Gestalten zeigt.
3.2 Die Sieben als dreifache Manifestation: Engel, Planeten, Heilige
Das Besondere am êzîdîschen System ist, dass dieselbe Siebenzahl auf drei Ebenen erscheint. Nach Rodziewicz sind die Sieben Engel zugleich die sieben Planeten der älteren Astralreligion und die sieben heiligen Stammväter der irdischen Genealogie, allesamt Manifestationen der einen Sur:
| Ebene | Erscheinung der Sieben |
|---|---|
| kosmisch | die sieben Engel / Heft Sirran, an ihrer Spitze Tawûsî Melek |
| astral | die sieben Planeten der vorislamischen Astralkulte der Region |
| irdisch-genealogisch | die sieben heiligen Stammväter (Şêx Şems, Fexredîn u. a., siehe Abschnitt 2) |
Genau hier greift die Lehre vom kiras guhorîn („Hemdwechsel", Abschnitt 2): Die Sieben „wechseln das Hemd", erscheinen also über die Zeit in immer neuen irdischen Trägern. Dadurch ist die heilige Genealogie kein bloßer Stammbaum, sondern die historische Sichtbarwerdung eines ewigen kosmischen Bauplans.
Harranische Spur. Rodziewicz verfolgt das Motiv der Sieben Engel über die spätantiken „Sabier" von Harran (eine Mischung aus platonischen und lokalen Astraltraditionen). Nach der Zerstörung ihrer Tempel könnten letzte Vertreter dieser Gruppe in die Region von Mardin und Mosul gewandert und in der sich dort zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert formierenden Êzîdî-Gemeinschaft aufgegangen sein (Rodziewicz 2018). Das ist eine Forschungshypothese zur Herkunft des Motivs, kein Glaubenssatz der Êzîden.
3.3 Die göttliche Trias: Tawûsî Melek – Şêx Adî – Sultan Êzî
In §2 (Schluss) und §3.5 wurde sie bereits genannt; hier die Inkarnationslehre im Zusammenhang. Der polnische Religionswissenschaftler Artur Rodziewicz beschreibt eine göttliche Trias (von ihm „Holy Trinity of the Yazidis" genannt), in der drei Gestalten als drei Hypostasen des einen Gottes verstanden werden (Rodziewicz 2014, Iran and the Caucasus; Yazidism / Sultan Ezid, Wikipedia):
- Tawûsî Melek, der Pfauenengel, Anführer der Sieben und Statthalter Gottes;
- Şêx Adî ibn Musafir, die zweite Hypostase, die historische Reformgestalt (siehe §4.1);
- Sultan Êzî (Êzîdê Sor), die dritte Hypostase und namensgebend für die Êzîden (siehe §4.5).
Der Kern der Inkarnationslehre: Die Identitäten dieser drei gehen ineinander über. Şêx Adî gilt als Inkarnation des Tawûsî Melek (und umgekehrt wird Tawûsî Melek in Şêx Adî sichtbar); dasselbe gilt für Sultan Êzî, der ebenfalls mit Tawûsî Melek identifiziert werden kann. Tawûsî Melek erscheint in dieser Deutung als erste Emanation der göttlichen Sur, die sich geschichtlich in Yazīd ibn Muʿāwiya (→ Sultan Êzî) und in Adi ibn Musafir manifestiert hat (Rodziewicz 2014/2018). Die Trias ist damit kein Polytheismus, sondern die êzîdîsche Form, das eine göttliche Wirken in mehreren Gesichtern auszudrücken, und das genealogische Gegenstück zur kosmologischen Lehre der Sieben.
Einordnung. „Trias/Trinität" ist ein analytischer Begriff der Forschung (Rodziewicz), kein offizielles Dogma mit fixiertem Wortlaut. Die Êzîden selbst überliefern diese Zusammenhänge in den Qewl und unterliegen bei den inneren Geheimnissen der Sur einer Schweigepflicht (Abschnitt 2). Tawûsî Melek ist und bleibt der gute, oberste Engel Gottes, niemals ein Teufel.
4. Die Schlüsselfiguren der Heilsgeschichte
4.1 Şêx Adî ibn Musafir (ca. 1075–1162)
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Konische Schrein-Spitze des Şêx Adî in Lalîş. · CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons
Şêx Adî (Şîxadî) ist die zentrale historische Gestalt. Er wurde um 1075 im Bekaa-Tal (Libanon) geboren, entstammte dem Umayyaden-Klan und war ein sunnitischer Sufi der Šāfiʿī-Schule. In Bagdad studierte er im Umkreis bedeutender Mystiker (u. a. ʿAbd al-Qādir al-Jīlānī, dem Begründer der Qādiriyya); um 1115 zog er sich in das abgelegene Tal von Lalîş zurück und gründete dort den Sufi-Orden der Adawiyya. Er starb 1162 in Lalîş, wo sein Grab bis heute das wichtigste Heiligtum der Êzîden ist (Wikipedia, „Adi ibn Musafir"; Açıkyıldız 2010, Kap. 2; Kreyenbroek 1995, S. 27–44).
Wichtig für das historische Verständnis: Die ihm zuverlässig zugeschriebenen Schriften sind streng islamisch und enthalten keine spezifisch êzîdîsche Theologie (Kreyenbroek 1995, S. 30; Açıkyıldız 2010). Der historische Şêx Adî war ein orthodoxer Sufi. Die eigenständige êzîdîsche Religion bildete sich erst mehrere Generationen später unter seinen Nachfolgern heraus, durch Verschmelzung der Adawiyya mit der älteren, vorislamischen Religion der Region (Kreyenbroek 1995, Kap. 2; Spät 2005). Für die Êzîden gilt Şêx Adî als irdische Erscheinung des Tawûsî Melek.
Die „heiligen Bücher". Die unter den Titeln Kitab al-Jilwa und Mishefa Reş bekannten Texte gelten in der Forschung überwiegend als späte, teils im 19. Jahrhundert entstandene Kompilationen und nicht als ursprüngliche Offenbarungsschriften (Kreyenbroek 1995, S. 10–15; Iranica). Die authentische religiöse Überlieferung der Êzîden ist mündlich: die Qewl (Hymnen), die von den Qewwal gesungen und erst seit den 1970er Jahren systematisch verschriftlicht werden (Omarkhali 2017).
4.2 Êzdîna Mîr: Patriarch der Şemsanî
Êzdîna Mîr gilt als der letzte êzîdîsche Herrscher vor der Ankunft Şêx Adîs (frühes 11. Jahrhundert) und als Stammvater der Şemsanî-Linie. Seine vier Söhne, Şêx Şems, Fexredîn, Sicadîn und Nasirdîn: wurden zugleich zu vier der Heft Sirran (Açıkyıldız 2010, S. 79; yazidiculturalheritage.com; ezidi-heritage.org). Mit ihm verbindet sich die ältere, kurdisch-iranische Schicht der Tradition, während Şêx Adî den arabisch-sufischen Strang einbrachte; die Synthese beider ergibt die êzîdîsche Religion (Kreyenbroek 1995).
4.3 Şêx Hesen / Melik Şêxsin (1195–1254): Patriarch der Adanî
Şêx Hesen (theologisch Melik Şêxsin) war ein Großneffe des Şêx Adî (über dessen Neffen und Nachfolger Sakhr Abu l-Barakat und Şêx Adî II.). Er gilt als „Meister des Stiftes", Schirmherr von Schrift und Gelehrsamkeit; aus ihm leitet sich die Adanî-Linie ab, die traditionell als einzige Êzîdî-Gruppe Lesen und Schreiben pflegte. 1254 wurde er auf Befehl des Atabeg von Mosul, Badr al-Dīn Luʾluʾ, mit etwa 200 Anhängern hingerichtet, der Beginn der dokumentierten Verfolgungsgeschichte (Wikipedia, „Sheikh Hasan ibn Sheikh Adi II"; Kreyenbroek 1995, S. 30; Açıkyıldız 2010). Auch er ist Doppelgestalt: historische Person und irdische Erscheinung des Engels Melik Şêxsin.
4.4 Şerfedîn (gest. 1257/58)
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Schrein des Şerfedîn in den Şingal-Bergen bei Sinune (Sinjar). 2014–2017 durch den IS-Genozid schwer beschädigt, seit 2019 im Wiederaufbau. · Foto: Levi Clancy · CC0 · Wikimedia Commons
Şerfedîn, der Sohn des Şêx Hesen, reorganisierte die Bewegung nach der Katastrophe von 1254. Er fiel 1257/58 während der mongolischen Invasion. In der Tradition gilt er als „Personifikation der êzîdîschen Religion"; aus seiner Linie wird bis heute das Amt des Pêşîmamê Babê Şêx gestellt (Wikipedia, „Yazidis", „Sheikh Hasan…"; Kreyenbroek 1995, S. 30–34; Açıkyıldız 2010).
4.5 Sultan Êzî / Êzîdê Sor: Heilsgestalt und Gelehrtendebatte
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Eingang zum Hof des Lalîş-Haupttempels. · Foto: Levi Clancy · CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons
Sultan Êzî (auch Êzîdê Sor, „der rote Êzî") ist eine der zentralen Heilsgestalten und namensgebend für die Êzîden. Über seine Herkunft besteht eine bekannte Gelehrtendebatte:
- Historische Lesart: Êzî gehe auf den Umayyaden-Kalifen Yazīd I. (reg. 680–683) zurück; die Adi-Linie habe dessen Verehrung mitgebracht (so die ältere westliche Forschung; Kreyenbroek 1995, S. 28).
- Theologische Lesart: Êzî leite sich vom altiranischen yazata („verehrungswürdiges Wesen") ab; Sultan Êzî sei ein eigenständiger göttlicher Engel ohne historischen Yazīd-Bezug (so das heutige Selbstverständnis vieler Êzîden).
- Synthese: Eine ältere, vorislamische yazata-Schicht wurde später durch den Yazīd-Bezug überlagert; heute überwiegen die altiranisch-theologischen Funktionen (Açıkyıldız 2010; Rodziewicz 2016; Asatrian/Arakelova 2014).
In der von Rodziewicz beschriebenen Trias bildet Sultan Êzî mit Tawûsî Melek und Şêx Adî die drei Aspekte des einen Gottes. Sein Fest ist die Cêjna Êzî (Winterfest); sein Schrein steht in Lalîş.
5. Die drei Şêx-Linien: Şemsanî, Adanî, Qatanî
Die Şêx-Kaste gliedert sich in drei Linien, die untereinander nicht heiraten und je einen Stammvater und eine Spitzenfunktion tragen (yazidiculturalheritage.com; Iranica; Wikipedia, „Yazidi social organization"):
| Linie | Stammvater | Herkunft (Tradition) | Stellt das Amt | Historische Rolle |
|---|---|---|---|---|
| Şemsanî | Êzdîna Mîr (über seine 4 Söhne) | kurdisch | Babê Şêx (über die Fexredîn-Familie) | älteste, vor-adische Schicht |
| Adanî | Şêx Hesen / Melik Şêxsin | arabisch | Pêşîmam | gelehrte, schriftkundige Schicht |
| Qatanî | Şêxûbekir (Verwandter des Şêx Adî) | arabisch | Mîr | weltliche Führungslinie |
Eine Quellen-Feinheit. Manche Quellen (yazidiculturalheritage.com, Iranica) sagen verkürzt, die Qatanî stammten „von Şêx Adî" ab. Da Şêx Adî jedoch kinderlos starb, ist die präzisere Formulierung: Die Qatanî führen sich auf Şêxûbekir zurück, der als Verwandter bzw. Gefährte des Şêx Adî gilt (ezidi-heritage.org; Açıkyıldız 2010). Über die spätere Pismîr-Linie ist aus den Qatanî die weltliche Mîr-Dynastie hervorgegangen (siehe Abschnitt 7).
Die vier Söhne Êzdîna Mîrs (Şemsanî). Aus Şêx Şems geht die Şemsedîn-Linie hervor, aus Fexredîn die Fexredîn-Linie, aus der der Babê Şêx gewählt wird. Sicadîn und Nasirdîn werden vor allem theologisch als Engel verehrt.
Weibliche Şêx-Heilige. Die Tradition kennt auch bedeutende Heilige: allen voran Xatûna Fexra (Tochter des Fexredîn), Patronin von Geburt und Schwangerschaft und einer der wichtigsten weiblichen Kultplätze, sowie Sitt Nefîse (Heilung) und mehrere Töchter des Şêx Şems.
6. Die Pîr-Kaste
Der Begriff Pîr („Ältester, Weiser") bezeichnet die zweite priesterliche Kaste neben den Şêx. Die Tradition zählt idealtypisch vierzig Hauptlinien („Çelî Pîr"); historisch sind aber wesentlich mehr Sub-Linien dokumentiert (ezidi-heritage.org; yazidiculturalheritage.com). Jeder Mirîd-Familie ist genau ein Pîr zugeordnet, erblich und unauflöslich.
Aufgaben der Pîr. Geistliche Betreuung der zugeordneten Mirîd-Familien, Mitwirkung an Festen und Übergangsriten, jährliche Besuche zur Segnung (mit Brot und Salz) und zum Empfang der religiösen Abgabe; gegenüber den Şêx haben sie eine geringere politische Stellung (Iranica; ezidi-heritage.org).
Heiratstabu der Pîr. Pîrs dürfen nicht heiraten in: die Linien ihrer eigenen Mirîds, die Linie ihres eigenen Pîrs/Mentors sowie Linien, die ihnen geistlich nachgeordnet sind (ezidi-heritage.org; Kreyenbroek 1995).
Bedeutende Pîr-Linien (Auswahl, mit gut belegten Funktionen):
| Pîr-Linie | Sphäre / Funktion |
|---|---|
| Pîr Hesen Meman | höchster der Pîrs, „Pîr der vierzig Pîrs"; enger Gefährte des Şêx Adî |
| Pîr Mehmed Reşan (Mem Reşan) | „Herr des Regens"; Patron von Ernte und Landwirtschaft; Schreine auf dem Sinjar und in Lalîş |
| Pîr Sînî Bahrî | „Herr des Meeres"; mit seiner Linie verbunden ist die Mişûr-Urkunde (604 AH / 1207–08), einer der frühesten datierten Êzîdî-Texte (Iranian Studies 53, 2019) |
| Pîr Omerxala | Patriarch der Mêrebî (der spirituellen Mentoren) |
| Pîr Mehmedê Reben | Lalîş-Verwaltungslinie; aus ihr stammt der Baba Çawîş |
7. Die geistlichen und weltlichen Ämter
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Grabkomplex des Şêx Adî in Lalîş (1981). · CC BY 3.0 · Wikimedia Commons
Die religiöse Verfassung der Êzîden verteilt die Spitzenämter genealogisch auf die drei Şêx-Linien und ergänzt sie um Dienstämter, die auch aus der Pîr- oder Mirîd-Kaste besetzt werden (Iranica; yazidiculturalheritage.com; Wikipedia, „Yazidi social organization"):
| Amt | Linie / Herkunft | Funktion |
|---|---|---|
| Mîr (Mîrê Êzîdxanê) | Qatanî | weltliches und repräsentatives Oberhaupt; ernennt den Babê Şêx; vertritt die Gemeinschaft nach außen; leitet den Geistlichen Rat |
| Babê Şêx | Şemsanî (Fexredîn-Familie) | geistliches Oberhaupt; bei allen großen Riten anwesend; höchste rein religiöse Autorität |
| Pêşîmam | Adanî (Nachkomme des Şêx Hesen) | Autorität für Ehe- und Zeremonialrecht; schließt Ehen und regelt Brautgeld |
| Baba Çawîş | Linie des Pîr Mehmedê Reben | Hüter und Verwalter des Heiligtums von Lalîş |
| Qewwal | Mirîd-Stämme (Dimilî und Tazhî), ausgebildet von Adanî-Şêx | religiöse Sänger; rezitieren die Qewl, tragen das Banner (Sancak) des Tawûsî Melek auf den Rundgängen und bewahren so die mündliche Überlieferung |
| Feqîr | aus mehreren Kasten | Asketen, die ihr Leben dem Glauben weihen; Vorbild für Frömmigkeit und Enthaltsamkeit |
| Koçek | Diener von Lalîş, unter dem Babê Şêx | „Seher" mit zugeschriebener Sehergabe; dienende Funktion am Heiligtum |
Quellen zu den Ämtern: ezidi-heritage.org; yazidiculturalheritage.com; Iranica; Wikipedia, „Yazidi social organization" (Stand 2026: amtierender Babê Şêx ist Şêx Alî Ilyas, seit November 2020).
8. Die Mîr-Dynastie
Die Mîr sind seit dem 16. Jahrhundert die weltliche Spitzeninstanz der Êzîden; sie gehören der Qatanî-Linie an und gelten in der Tradition als legitime Nachfolger des Şêx Adî. Genealogisch führt die Linie über Şêx Mehmedê Batinî und den Pismîr-Zweig zurück (Wikipedia, „Sheikhan principality"; ezidi-heritage.org). Vom 16. bis frühen 18. Jahrhundert wurde das Fürstentum Şêxan als osmanischer Verwaltungsdistrikt geführt; die Prinzen trugen oft den Beinamen „Dasinî" (alter Regionalname und Synonym für „Êzîde").
Die Dynastie ist durchgängig von Verfolgung geprägt, nur wenige Mîrs starben eines natürlichen Todes (ÊzîdîPress). Wichtige Stationen:
| Mîr | Zeit | Anmerkung |
|---|---|---|
| Mîr Hussein Beg Dasinî | bis ~1530er | im Sanjak Mosul eingesetzt 1534; ermordet |
| Mir Ali Beg I. „der Große" | 1809–1833 | im Rawanduzi-Massaker (1832) getötet |
| Mir Ali Beg II. | 1899–1913 | verheiratet mit Mayan Khatun (1873–1956), in den 1920er–30er Jahren de-facto-Regentin |
| Mir Said Beg | 1913–1944 | 1944 ermordet |
| Mir Tahsin Beg | 1944–2019 | längste Amtszeit (75 Jahre); rief 2014 weltweit zur Hilfe gegen den IS-Genozid auf; gest. 2019 in Hannover |
| Mir Hazim Tahsin Beg | seit 2019 | amtierender Mîr (Qatanî); Wahl durch KRG-Behörden umstritten, in Teilen Sinjars wird ein alternativer Mîr anerkannt |
Quellen: Wikipedia, „Sheikhan principality", „Tahseen Said", „Hazim Tahsin Beg"; ÊzîdîPress, „The Last Mîr". Mayan Khatun gilt als der einzige dokumentierte Fall einer weiblichen de-facto-Führung und als eine der prägenden Gestalten der jüngeren Êzîdî-Geschichte.
9. Mythos und Geschichte
Die heilige Genealogie der Êzîden verbindet zwei Ebenen, die man auseinanderhalten sollte:
- eine theologische Ebene, auf der die Stammväter zugleich Engel der Heft Sirran sind (kiras guhorîn), und
- eine historische Ebene mit datierbaren Personen des 11.–13. Jahrhunderts (Şêx Adî, Şêx Hesen, Şerfedîn).
Die Forschung betont, dass die genealogische Überlieferung primär in den Qewl lebt, mündlich, gesungen, theologisch geformt, und nicht als historisches Archiv gelesen werden darf (Kreyenbroek 1995; Omarkhali 2017; Allison 2001). Gerade die früheren Generationen und die genauen Verwandtschaftsbeziehungen sind teils unsicher; die Tradition vermischt etwa Şêx Adî II. mit der Engelgestalt Melik Şêxsin. Wo Quellen voneinander abweichen, wie bei der Herkunft der Qatanî, ist das kein Widerspruch der Tradition, sondern Ausdruck dieser Doppelnatur von Mythos und Geschichte. Die mündliche Tradition bleibt die eigentliche Autorität; verlässliche Vertiefung erfolgt über die Qewwal und die kritischen Texteditionen der Forschung.
10. Quellen
Wissenschaftliche Hauptwerke
- Kreyenbroek, Philip G.: Yezidism, Its Background, Observances and Textual Tradition. Lewiston: Edwin Mellen Press, 1995. (Grundlagenwerk zu Theologie, Heft Sirran, Şêx Adî)
- Kreyenbroek, Philip G. & Rashow, Khalil J.: God and Sheikh Adi are Perfect, Sacred Poems and Religious Narratives from the Yezidi Tradition. Wiesbaden: Harrassowitz, 2005. (Qewl-Edition)
- Omarkhali, Khanna: The Yezidi Religious Textual Tradition: From Oral to Written. Wiesbaden: Harrassowitz, 2017. (Textgeschichte, Mişûr, Klanstruktur)
- Açıkyıldız, Birgül: The Yezidis: The History of a Community, Culture and Religion. London: I.B. Tauris, 2010. (Kulturgeschichte, Stammbäume)
- Allison, Christine: The Yezidi Oral Tradition in Iraqi Kurdistan. Richmond: Curzon, 2001. (mündliche Tradition)
- Asatrian, Garnik & Arakelova, Victoria: The Religion of the Peacock Angel: The Yezidis and Their Spirit World. Yerevan/Durham: Acumen, 2014.
- Spät, Eszter: The Yezidis. London: Saqi Books, 2005.
- Rodziewicz, Artur: „The Holy Trinity of the Yazidis…", in Iran and the Caucasus (2014 ff.); Sammelband Yazidism: Historical and Theological Roots, Harrassowitz 2019. (göttliche Trias, Inkarnationslehre)
- Rodziewicz, Artur: „Heft Sur, The Seven Angels of the Yezidi Tradition and Harran", in Fritillaria Kurdica / Bulletin of Kurdish Studies (2018). (Sur-Emanation, Sieben als Engel/Planeten/Heilige, harranische Spur) researchgate.net
- Kreyenbroek, P. G. & Allison, C.: „YAZIDIS i. GENERAL", in Encyclopaedia Iranica (Online). iranicaonline.org
- „A Yezidi Manuscript: Mišūr of Pîr Sīnī Bahrī / Pîr Sīnī Dārānī", in Iranian Studies 53/1–2 (2019). tandfonline.com
Gemeinschafts- und Webquellen
- Ezidi Heritage: „Ezidi Caste System: Şêx, Pîr & Mirîd". ezidi-heritage.org
- Yazidi Cultural Heritage: „Society". yazidiculturalheritage.com
- ÊzîdîPress: „The Last Mîr". ezidipress.com
- Wikipedia: Yazidism · Tawûsî Melek · Adi ibn Musafir · Sheikh Hasan ibn Sheikh Adi II · Yazidi social organization · List of Yazidi holy figures · Sheikhan principality · Sultan Ezid
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