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Frauen im Êzîdîtum

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Frauen tragen das Êzîdîtum (die Religion der Êzîden, auch Yeziden oder Jesiden genannt), im Heiligtum von Laliş, in der Familie, in der Geschichte und im Überleben der Gemeinschaft. Sie pflegen die heiligsten Orte der Religion, geben das religiöse Alltagswissen weiter, und mit Meyan Xatûn stand fast ein halbes Jahrhundert lang eine Frau de facto an der Spitze des êzîdîschen Fürstentums. In der Verehrung heiliger Frauengestalten wie Xatûna Fexra, der Schutzherrin der Frauen und Kinder, besitzt das Êzîdîtum eine eigene, lebendige weibliche Dimension des Heiligen.

Zugleich ist ihre Geschichte mit der Verfolgungsgeschichte der Gemeinschaft verbunden: Der Ferman von 2014 traf Frauen und Mädchen in besonderer Weise, und es waren Frauen, die der Welt Zeugnis ablegten und den Wiederaufbau vorantreiben, während die religiöse Führung mit historischen Entscheidungen antwortete. Dieser Artikel zeichnet beide Linien nach.


1. Heilige Frauengestalten

Xatûna Fexra: Schutzherrin der Frauen und Kinder

Die wichtigste weibliche Gestalt der êzîdîschen Heiligenverehrung ist Xatûna Fexra: Xudan (Schutzherrin) der Frauen und Kinder, Patronin von Schwangerschaft und Geburt. Der Überlieferung nach ist sie die Tochter des großen Heiligen Şêx Fexredîn und Schwester von Şêx Mend und Şêx Bedir; ihr Geburtsname war demnach Xezal, „Gazelle", ein Sinnbild für Anmut.

Ihre Verehrung ist gelebte Praxis: Êzîdîsche Frauen fasten einmal im Jahr zu Ehren von Xatûna Fexra und erbitten Schutz für sich und ihre Kinder. Ihr sind eigene Heiligtümer gewidmet, die Quba Xatûna Fexra in Mağara (bei İdil, Provinz Şırnak, Türkei) und ein Schrein in Laliş (siehe Heiligtümer und sakrale Architektur).

Sitiya Ês und die weiteren heiligen Frauen

Die êzîdîsche Heiligen-Genealogie kennt darüber hinaus eine ganze Reihe verehrter Frauengestalten (ausführlich: Heilige Genealogie):

Heilige Stellung in der Überlieferung
Sitiya Ês (Stiya Ês) verehrt als Mutter von Şêx Adî (Şîxadî), der zentralen Gründungsgestalt
Sitiya Gul heilige Frau der Adanî-Linie
Sitiya Nisret und Sitiya Bilxan (Belqan) Töchter von Şêx Şems
Sitî Xecîca Frau von Şêx Bedir
Sitt Hebîbe „die geliebte Herrin"; Schreine bei Bahzanê und Başîqa
Sitt Nefîse Heilkraft gegen Fieber und Schlaflosigkeit; personifiziert in einem heiligen Baum bei Başîqa
Rabi’a al-Adawiyya Mystikerin von Basra, aus der Sufi-Tradition in die êzîdîsche Verehrung übernommen

Auffällig ist ein Muster: Weibliche Heilige erscheinen meist als Angehörige großer männlicher Heiliger, oder als Schutzpatroninnen für Geburt, Heilung und Familie. Das spiegelt die traditionelle Gesellschaftsordnung, zeigt aber zugleich: Das Heilige hat im Êzîdîtum ausdrücklich auch ein weibliches Gesicht.

Ein theologischer Anker liegt in der Kosmogonie: Die Kaniya Spî („Weiße Quelle") in Laliş gilt als Urquell der Schöpfung; ihr Reinheitsmotiv trägt das êzîdîsche Taufritual, das nach 2014 für die zurückkehrenden Frauen entscheidend werden sollte (Abschnitt 6).


2. Frauen im religiösen Dienst: Faqra und Kebanî

Die Faqra von Laliş

Im Heiligtum von Laliş wirkt ein eigener Frauenorden: die Faqra (auch Fakra oder Feqra), unverheiratete Frauen, die bewusst ein keusches, asketisches Leben im Dienst der Religion gewählt haben. Ihnen ist die Pflege und Instandhaltung des Heiligtums Laliş anvertraut: Der heiligste Ort des Êzîdîtums liegt buchstäblich in Frauenhand. Die Faqra genießen in der Gemeinschaft hohes Ansehen.

Von außen werden die Faqra gelegentlich mit christlichen „Nonnen" verglichen, der Vergleich führt in die Irre: Die Faqra sind keine klösterliche Gemeinschaft nach christlichem Vorbild, sondern eine eigenständige êzîdîsche Institution.

Die Kebanî: der höchste Rang einer Frau

An der Spitze des Frauenordens steht die Kebanî (wörtlich „Herrin des Hauses"). Sie leitet die Faqra in Laliş, ihr Amt ist der höchste Rang, den eine Frau in der êzîdîschen religiösen Hierarchie erreichen kann. Der Rang wird nach Verdienst vergeben, nicht nach Abstammung, in einer Gemeinschaft mit sonst streng erblichen Ständen bemerkenswert.

Der Feqîr-Stand und die Grenzen

Auch der asketische Stand der Feqîr: der Träger des heiligen schwarzen Gewands xerqe, ist nicht grundsätzlich männlich gedacht: Die Überlieferung beschreibt die Feqîr als „heilige Männer und Frauen". Die meisten dokumentierten Feqîr sind allerdings Männer; wie viele Frauen diesen Weg gingen, ist nur dünn belegt. Vorsichtig formuliert: Der Stand steht der Überlieferung nach grundsätzlich auch Frauen offen.

Zugleich gibt es Grenzen: Die Qewwals, die Rezitatoren der heiligen Hymnen, sind traditionell Männer. Das religiöse Alltagswissen jedoch, Fasten, Feste, Wallfahrt, Hausrituale, wird wesentlich von Frauen getragen und weitergegeben; das jährliche Fasten zu Ehren von Xatûna Fexra ist das sichtbarste Beispiel dieser weiblichen Überlieferungslinie.


3. Eine Fürstin regiert: Meyan Xatûn

Dass Frauen im Êzîdîtum höchste weltliche Macht ausüben konnten, beweist Mîra Meyan Xatûn (Mayan Khatun, um 1873/74 – 1957/58), die bedeutendste êzîdîsche Herrscherin der neueren Geschichte.

Geboren in Ba’edrê als Tochter von Mîr Abdi Beg, heiratete sie Mîr Ali Beg, das weltliche Oberhaupt der Êzîdî. Schon früh erlebte sie Verfolgung: 1892, im „Jahr des Generals", als der osmanische Feldherr Omar Wehbi Pascha gegen die Êzîdî vorging, wurde sie mit ihrem Mann ins Exil gezwungen.

Ihre historische Rolle begann 1913: Von da an war Meyan Xatûn Regentin des Mîrtums (Fürstentums) Şêxan: zunächst als Vormundin ihres Sohnes Mîr Sa’id Beg, später ihres Enkels Mîr Tehsîn Beg (Mîr bis Januar 2020). Bis 1957, fast ein halbes Jahrhundert, war sie die faktische Herrscherin der Êzîdî. Zeitgenossen beschrieben sie als „außergewöhnliche Persönlichkeit"; überliefert ist auch ein langjähriger Machtkampf mit ihrem innerfamiliären Rivalen Ismail Beg, den sie politisch bestand.

Meyan Xatûn führte die Gemeinschaft durch das Ende des Osmanischen Reiches, die britische Mandatszeit und die Gründung des modernen Irak. Dass eine Frau in dieser Zeit über Jahrzehnte das höchste weltliche Amt der Êzîdî ausübte, ist der stärkste historische Beleg dafür, dass weibliche Autorität im Êzîdîtum nicht Fremdkörper, sondern gelebte Möglichkeit war (weitere Persönlichkeiten: Bekannte Êzîdî-Persönlichkeiten).


4. Leben zwischen Tradition und Aufbruch

Endogamie als Strukturprinzip

Das Leben êzîdîscher Frauen, wie das der Männer, ist traditionell durch die Endogamie geprägt: Êzîdî heiraten nur innerhalb der Religionsgemeinschaft und ihres Standes (Mirîd, Şêx oder Pîr); eine Heirat außerhalb bedeutete traditionell den Ausschluss. Diese Regel ist historisch als Überlebensstrategie einer verfolgten Minderheit zu verstehen, die ihre Religion allein durch Geburt weitergibt (mehr: Traditionen). Formal trifft sie beide Geschlechter gleich, in der Praxis prägt sie die Lebensentscheidungen junger Frauen besonders stark, vor allem in der Diaspora.

Wandel in der Diaspora

Deutschland beherbergt die größte êzîdîsche Diaspora der Welt, Schätzungen reichen von 60.000 bis 120.000 Menschen, neuere Angaben bis rund 200.000 (siehe Diaspora und Demographie). Hier verschieben sich Bildungs- und Berufschancen für Frauen am schnellsten: Sie studieren, forschen, gründen Vereine, treten öffentlich auf.

Die Forschung beschreibt, wie sich dabei die alten Regeln wandeln: Endogamie und Standesordnung sind in Westeuropa für viele junge Êzîdî „hochproblematisch" geworden; Frauen stehen unter doppeltem Druck: die Normen der Gemeinschaft bewahren und sich zugleich in eine Mehrheitsgesellschaft integrieren, die solche Regeln nicht kennt. Kaste und Endogamie verwandeln sich „von Werkzeugen der Reinheit zu einer Sprache der Loyalität", die jede Generation neu aushandelt, und Frauen sind dabei aktive Aushandlerinnen, nicht passive Betroffene.

Erzwungene Rollenverschiebung nach 2014

Auch im Irak hat sich die Rollenverteilung verschoben, unter tragischen Umständen. Eine Feldstudie von 2016 in den Vertriebenencamps bei Duhok dokumentierte, dass viele Männer nach dem Ferman ihre traditionellen Rollen, Schutz und Versorgung, nicht mehr erfüllen konnten; Frauen übernahmen Erwerbsarbeit, organisierten das Lagerleben, manche kämpften bewaffnet gegen den IS. Die Forschung spricht von einer „erzwungenen Emanzipation": einem Wandel, den niemand gewählt hat, der aber die Handlungsspielräume von Frauen dauerhaft erweiterte. Dokumentiert ist aus derselben Zeit auch die breite Bereitschaft, befreite Frauen wieder aufzunehmen (Abschnitt 6).


5. Der Ferman 2014 aus der Perspektive der Frauen

Der Angriff des sogenannten „Islamischen Staats" auf Şingal (Sinjar) im August 2014 ist in der êzîdîschen Zählung der 74. Ferman: der jüngste Genozid an der Gemeinschaft. Seine Chronik und Aufarbeitung haben eigene Artikel: Genozide an den Êzîden und Die Fermane, Chronik der Verfolgungen. Hier nur das, was für die Frauen-Perspektive unverzichtbar ist.

Die UN-Untersuchungskommission stellte in ihrem Bericht „They came to destroy" (16. Juni 2016) fest, dass der IS an den Êzîdî Genozid begeht, und begründete dies ausdrücklich auch mit der Geschlechterdimension der Verbrechen: der Versklavung von Frauen und Mädchen und gezielten Maßnahmen, êzîdîsche Geburten zu verhindern. 2014 wurden nach den meistzitierten Zahlen 6.417 Êzîdî verschleppt, darunter 3.548 Frauen und Mädchen (andere Quellen: bis zu ca. 6.800). Zehn Jahre später galten noch über 2.600 Menschen als vermisst (manche Zählungen: rund 2.700), darunter schätzungsweise 1.300 Kinder. Die folgenden Abschnitte handeln davon, was diese Menschen und ihre Gemeinschaft daraus gemacht haben.


6. Die Antwort der Gemeinschaft

Das Dekret des Bavê Şêx (2014/2015)

Die wohl folgenreichste religiöse Entscheidung der jüngeren êzîdîschen Geschichte fiel Wochen nach Beginn des Ferman: Der Bavê Şêx Xurto Hecî Îsmaîl (Baba Sheikh, 1933–2020), das geistliche Oberhaupt der Êzîdî, erließ am 28. August 2014 ein historisches Dekret, alle zwangskonvertierten Êzîdî, Frauen, Mädchen, Männer und Kinder, werden ohne jeden Makel wieder in die Gemeinschaft aufgenommen. Anfang 2015 folgte eine ausdrückliche Willkommens-Erklärung für die zurückkehrenden Frauen, ein mehrstufiger Prozess: Dekret 2014, Bekräftigung 2015.

Die Entscheidung war revolutionär: Traditionell bedeutete Konversion, auch eine erzwungene, den Ausschluss; nach 74 Fermanen war diese Strenge Teil der Überlebenslogik. Der Bavê Şêx kehrte sie um: Nicht die Frauen hatten die Gemeinschaft verlassen, sondern ihnen war Gewalt angetan worden, die Gemeinschaft schuldete ihnen Aufnahme, nicht Prüfung. Er empfing die ersten Rückkehrerinnen persönlich; 2017 ehrten ihn das irakische Parlament und die UN. Nadia Murad nannte ihn ein „Licht", das „Überlebende mit Liebe und Respekt behandelte".

Die Wiedertaufe an der Kaniya Spî

Sichtbares Zeichen der Wiederaufnahme wurde ein Ritual in Laliş: Befreite Frauen werden an der Kaniya Spî, der Weißen Quelle, (wieder) getauft, durch dreimaliges Übergießen des Hauptes mit dem heiligen Wasser (zum Heiligtum: Heiligtümer). Die Botschaft: Die Frauen waren nie „verloren", ihre Zugehörigkeit und Würde sind unversehrt. Dokumentiert ist die Praxis seit 2015; die Forschung beschreibt sie als rituelle Neuerung, die tief in der êzîdîschen Tauftradition wurzelt. Noch 2025 wurde eine nach elf Jahren befreite Frau mit ihrer Tochter in Laliş so empfangen.

Die offene Frage der Kinder (2019)

Ungelöst blieb eine der schmerzhaftesten Fragen der Gemeinschaft. Im April 2019 veröffentlichte der Oberste Geistliche Rat der Êzîdî unter Vorsitz von Mîr Hazim Tahsin Beg eine Erklärung, „alle Überlebenden" aufzunehmen; viele lasen darin auch die Aufnahme der in der Gefangenschaft geborenen Kinder. Wenige Tage später stellte der Rat klar: Gemeint seien nur Kinder zweier êzîdîscher Eltern.

Verschärft wird das Dilemma durch das irakische Recht: Artikel 26 des Personalausweisgesetzes von 2015 registriert Kinder mit einem muslimischen Elternteil zwangsweise als Muslime. Manche Mütter mussten so faktisch zwischen Gemeinschaft und Kind wählen; viele dieser Familien leben heute in Drittländern.

Diese Frage ist eine offene Wunde und eine laufende Debatte ohne einfache Formel: Auf der einen Seite die Identitätslogik einer Gemeinschaft, die 74 Vernichtungsversuche nur dank strenger Zugehörigkeitsregeln überstand; auf der anderen Mütter und Kinder, und dazwischen ein irakisches Registrierungsrecht, das das Dilemma zementiert.


7. Vom Überleben zum Handeln

Die Welt kennt den Ferman von 2014 vor allem durch die Stimmen êzîdîscher Frauen, die ihre Geschichten selbst öffentlich gemacht haben, ihr Handeln steht im Mittelpunkt, nicht das ihnen zugefügte Leid.

Nadia Murad: Friedensnobelpreis 2018

Nadia Murad (geboren 1993 in Kocho bei Şingal) überlebte die Gefangenschaft des IS und entschied sich, vor der Welt auszusagen. 2016 ernannten die UN sie zur ersten Sonderbotschafterin für die Würde der Überlebenden von Menschenhandel; 2018 erhielt sie, gemeinsam mit dem kongolesischen Arzt Denis Mukwege, den Friedensnobelpreis „für ihre Bemühungen, sexuelle Gewalt als Kriegswaffe zu beenden". Sie ist die erste Irakerin und die erste Êzîdîn mit einem Nobelpreis.

Ihre Memoiren The Last Girl (2017; deutsch: Ich bin eure Stimme) machten ihre Geschichte weltweit bekannt. Ihre Organisation Nadia’s Initiative treibt den Wiederaufbau von Şingal voran, über 2,6 Millionen Quadratmeter Land wurden von Minen geräumt, und steht für einen überlebenden-zentrierten Ansatz der Hilfe.

Lamiya Aji Bashar: Sacharow-Preis 2016

Lamiya Aji Bashar (geboren um 1998, ebenfalls aus Kocho) verlor bei ihrer Flucht durch eine Minenexplosion beinahe ihr Augenlicht; zwei Begleiterinnen starben. 2016 verlieh ihr das Europäische Parlament, gemeinsam mit Nadia Murad, den Sacharow-Preis für geistige Freiheit. Sie lebt in Deutschland und setzt sich öffentlich für ihre Gemeinschaft ein.

Farida Khalaf: von der Zeugin zur Organisationsgründerin

Farida Khalaf (geboren um 1995) veröffentlichte 2016 ihre Geschichte unter dem Titel Das Mädchen, das den IS besiegte. Seit 2015 lebt sie in Deutschland; 2019 gründete sie die Farida Global Organization mit, eine von Überlebenden selbst geführte Hilfsorganisation, deren Präsidentin sie ist.

Vian Dakhil: die Stimme im Parlament

Vian Dakhil (geboren 1971), êzîdîsche Abgeordnete im irakischen Parlament, hielt am 5. August 2014 eine Rede, die Geschichte schrieb: „Mein Volk wird abgeschlachtet!", unter Tränen brach sie am Rednerpult zusammen. Ihre Worte machten den Ferman weltweit bekannt und trugen nachweislich zur Entscheidung für die Luftbrücke zum Şingal-Berg bei. Noch im selben Jahr erhielt sie den Anna-Politkowskaja-Preis (mehr: Bekannte Persönlichkeiten).

Das Survivors’ Law (2021)

Auf Druck der Überlebenden verabschiedete das irakische Parlament am 1. März 2021 das Yazidi Survivors’ Law: ein Reparationsgesetz für Überlebende sexualisierter IS-Gewalt (Êzîdî sowie Christinnen, Şabak und Turkmeninnen): monatliche Rente, Grundstück oder Wohnung, Therapie-Zentren, Bildungszugang. Amnesty International und Human Rights Watch würdigen das Gesetz als wichtigen Schritt, kritisieren aber die schleppende Umsetzung, die nachträgliche Anzeigepflicht, und dass die Kinder aus der Gefangenschaft vollständig ausgeklammert blieben.

Trauma-Arbeit: Kizilhan, das BW-Sonderkontingent und die Universität Duhok

Die seelischen Folgen des Ferman beschäftigen die Gemeinschaft bis heute. Der deutsch-kurdische Psychologe Prof. Jan Ilhan Kizilhan leitete als Chefpsychologe das Sonderkontingent des Landes Baden-Württemberg, das ab 2015 1.100 schwersttraumatisierte Frauen und Kinder zur Behandlung nach Deutschland holte. Mit einer Million Euro Landesförderung gründete er das Institute for Psychotherapy and Psychotraumatology an der Universität Duhok, das lokale Therapeutinnen und Therapeuten ausbildet. Seine Forschung beschreibt die Traumatisierung der Êzîdî als individuell, kollektiv und transgenerational: 2014 trifft auf das ererbte Wissen um 73 frühere Fermane, und fordert kultursensible Therapie, die religiöse Vorstellungen, Familienstrukturen und körperliche Trauma-Ausdrucksformen ernst nimmt.

Organisationen von und für Frauen

Aus der Katastrophe entstand eine dichte Landschaft von Organisationen, in denen Frauen tragende Rollen spielen:

  • Free Yezidi Foundation: Frauenzentrum in Khanke (Irak) mit Trauma-Therapie und Bildung, getragen von jungen Êzîdînnen;
  • Yazda: schult mit dem Yazidi Survivors Network Überlebende zu ihren Reparationsrechten, dokumentiert Verbrechen und leistet humanitäre Hilfe;
  • HÁWAR.help: in Berlin von Düzen Tekkal mit ihrer Schwester Tuğba gegründet; Frauenrechts- und Bildungsprogramme im Irak und in Deutschland.

8. Frauen heute: Stimmen, Kultur, junge Generation

Öffentliche Stimmen der Diaspora

Die prominenteste êzîdîsche Stimme der deutschen Öffentlichkeit ist Düzen Tekkal (geboren 1978 in Hannover): Journalistin, Filmemacherin, Aktivistin. Ihr Dokumentarfilm Háwar, Meine Reise in den Genozid (2015) brachte den Ferman in die deutschen Wohnzimmer; mit HÁWAR.help (2015) und GermanDream (2019) verbindet sie êzîdîsches Engagement mit Bildungsarbeit. Sie steht für einen neuen Typus: die in Deutschland geborene Êzîdîn, die selbstverständlich beides ist, Teil ihrer Gemeinschaft und Teil der Öffentlichkeit.

Frauen bewahren die Musik

Auch die kulturelle Überlieferung liegt zunehmend hörbar in Frauenhand. Im Vertriebenencamp Khanke bei Duhok (rund 14.000 Bewohner) gründete die damals 22-jährige Rana Sulaiman Halo 2019 den Ashti-Chor („Friedens-Chor"), unterstützt von der AMAR Foundation. Junge Sängerinnen wie Ghazal Dawoud Hussein verstehen das Singen der alten Lieder als „Akt des Widerstands"; Aufnahmen werden u. a. an der Bodleian Library in Oxford archiviert. Neu ist das nicht: Die Überlieferung kennt mit Sitiya Nexşan schon vor Jahrhunderten eine êzîdîsche Saz-Spielerin und Sängerin (zur Musiktradition: Êzîdî-Musik).

Die junge Generation

In der Diaspora wächst eine Generation von Frauen heran, die Identitätsarbeit öffentlich betreibt, in Vereinen, an Hochschulen, in den sozialen Medien. Die Forschung beschreibt sie als aktive Gestalterinnen: Sie handeln aus, was êzîdîsch-Sein im Exil bedeutet, stellen Fragen an die Standesordnung und tragen zugleich das Fasten der Xatûna Fexra weiter.

Die Geschichte der Frauen im Êzîdîtum ist kein abgeschlossenes Kapitel, sondern wird gerade geschrieben, von den Faqra in Laliş bis zur Studentin in Bielefeld, von der Regentin Meyan Xatûn bis zur Friedensnobelpreisträgerin aus Kocho.


Quellen

  1. Wikipedia (en): „Yazidi social organization" (Faqra, Kebanî; dort belegt u. a. mit Tagay & Ortaç 2016), https://en.wikipedia.org/wiki/Yazidi_social_organization
  2. Kurdish-History.com: „The Feqir: The Ascetics of the Yazidi Faith", https://www.kurdish-history.com/post/yazidi-feqir
  3. Kurdish-History.com: „Xatuna Fakhra", https://www.kurdish-history.com/post/xatuna-fakhra
  4. Wikipedia (en): „Khatuna Fekhra", https://en.wikipedia.org/wiki/Khatuna_Fekhra
  5. Wikipedia (en): „List of Yazidi holy figures", https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Yazidi_holy_figures
  6. Fisher, T. & Zagros, N.: „Yezidi baptism and rebaptism" (Routledge), https://www.taylorfrancis.com/chapters/edit/10.4324/9781315627427-16/yezidi-baptism-rebaptism-tyler-fisher-nahro-zagros
  7. Wikipedia (en): „Meyan Khatun", https://en.wikipedia.org/wiki/Meyan_Khatun
  8. Wikipedia (en): „Vian Dakhil", https://en.wikipedia.org/wiki/Vian_Dakhil
  9. RFE/RL (2014): „Iraq’s Sole Yazidi Lawmaker … Politkovskaya Award", https://www.rferl.org/a/iraq-yazidi-vian-dakhil-politkovskaya-award-islamic-state/26627843.html
  10. MDPI Religions 13(11):1071 (2022): „The Influence of the Diaspora on the Transformation … of the Yazidi Religion", https://www.mdpi.com/2077-1444/13/11/1071
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  14. OHCHR CoI Syria (2.8.2024): „Ten years after the Yazidi genocide", https://www.ohchr.org/en/press-releases/2024/08/ten-years-after-yazidi-genocide-un-syria-commission-inquiry-calls-justice
  15. The New Humanitarian (5.8.2024), https://www.thenewhumanitarian.org/news-feature/2024/08/05/its-our-shoulders-ten-years-after-yazidi-genocide-survivors-refuse-give · Save the Children (2024), https://www.savethechildren.net/news/about-1300-yazidi-children-still-missing-10-years-after-genocide
  16. Middle East Eye (2.10.2020): „Baba Sheikh: Yazidi leader leaves legacy as champion of women…", https://www.middleeasteye.net/news/baba-sheikh-yazidi-spiritual-leader-dies
  17. UNHCR: „Yazidi women welcomed back to the faith", https://www.unhcr.org/us/news/stories/yazidi-women-welcomed-back-faith
  18. The World / PRX (29.8.2017): „Yazidi women undergo a rebirth ceremony after ISIS enslavement", https://theworld.org/stories/2017/08/29/photos-yazidi-women-undergo-cleansing-ceremony-after-isis-captivity
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  20. Al Jazeera (29.4.2019): „Yazidis to accept ISIL rape survivors, but not their children", https://www.aljazeera.com/news/2019/4/29/yazidis-to-accept-isil-rape-survivors-but-not-their-children
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  25. Wikipedia (en): „Nadia Murad", https://en.wikipedia.org/wiki/Nadia_Murad
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  28. ESCAP: „Repairing shattered lives" (Kizilhan, Sonderkontingent BW), https://www.escap.eu/resources/resource-centre-disorders/repairing-shattered-lives
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  30. Al Jazeera (11.6.2018): „Jan Kizilhan: ISIL rape victims need culture-sensitive therapy", https://www.aljazeera.com/news/2018/6/11/jan-kizilhan-isil-rape-victims-need-culture-sensitive-therapy
  31. Ceasefire Centre for Civilian Rights (5/2021): „The Yazidi Survivors’ Law: A step towards reparations for the ISIS conflict", https://www.ceasefire.org/wp-content/uploads/2021/05/Yazidi-Survivors-Law-Briefing.pdf
  32. Amnesty International (11/2021): „Iraq: Yezidi reparations law progress welcome…", https://www.amnesty.org/en/latest/news/2021/11/iraq-yezidi-reparations-law-progress-welcome-but-more-must-be-done-to-assist-survivors/
  33. Human Rights Watch (14.4.2023): „Joint Statement on the Implementation of the Yazidi Survivors Law", https://www.hrw.org/news/2023/04/14/joint-statement-implementation-yazidi-survivors-law
  34. Free Yezidi Foundation: „About Us", https://freeyezidi.org/about-us/
  35. Yazda: „Yazda Launches the Yazidi Survivors Network…", https://www.yazda.org/yazda-launches-the-yazidi-survivors-network-to-advocate-for-the-rights-of-survivors
  36. HÁWAR.help: „Our Story", https://www.hawar.help/en/about-us/our-story/ · Wikipedia (en): „Düzen Tekkal", https://en.wikipedia.org/wiki/Düzen_Tekkal
  37. deutschland.de: „Civil society: The journalist and activist Düzen Tekkal", https://www.deutschland.de/en/topic/politics/civil-society-the-journalist-and-activist-duzen-tekkal
  38. Shafaq News: „Yazidi Women Keep Ancient Music Alive", https://shafaq.com/en/Kurdistan/Yazidi-Women-Keep-Ancient-Music-Alive
  39. JINHA Agency: „Sitiya Nexşa releases video to promote Yazidi culture", https://jinhaagency.com/en/art-and-culture/sitiya-nexsa-releases-video-to-promote-yazidi-culture-33525

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