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Festkalender
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Das Êzîdî-Jahr folgt einem eigenen, solar geprägten Kalender mit Festen, die teils auf vor-abrahamitische mesopotamisch-iranische Jahreszeiten-Traditionen zurückgehen. Im Zentrum steht nicht ein historisches, sondern ein kosmologisches Datum: die Erschaffung der Welt und das Herabkommen von Tawûsî Melek auf die Erde.
Stand: 2026-06-04 · Sirr-Tabu eingehalten · ezdixan.de Wiki
1. Grundlagen des Êzîdî-Kalenders

Êzîdî-Sonnen-Symbol mit 21 Strahlen. Der Êzîdî-Kalender ist solar orientiert und an einem julianisch verschobenen Schema ausgerichtet; das Sonnenjahr und der Frühlings-Neubeginn (Sersal) sind seine Anker. · Lizenz: CC BY-SA 4.0 · Quelle: Wikimedia Commons
Der êzîdîsche Festkalender ist kein bloßer Feiertags-Plan, sondern ein theologisches Gerüst: Jedes Hauptfest erzählt einen Abschnitt des êzîdîschen Welt- und Heilsgeschehens. Die Schöpfung (Sersal), die göttliche Erscheinung in der Welt (Cejna Êzî), die Versammlung der Gemeinschaft am heiligsten Ort (Cejna Cemayê) und die jahreszeitlichen Fastenperioden der Geistlichkeit (Çile-Zeiten) bilden zusammen einen Jahreszyklus, der den Rhythmus von Sonne, Saat und Ernte mit der heiligen Geschichte verwebt [Kreyenbroek 1995, S. 145-152; Açıkyıldız 2010, S. 67-69].
1.1 Êzîdî-Zeitrechnung
Die êzîdîsche Selbst-Datierung beginnt, je nach Quelle, bei rund 6.700–6.800 Jahren (Stand Mitte der 2020er Jahre), bezogen auf einen mythologisch-rituellen Ausgangspunkt, der meist mit der Schöpfung bzw. der Erschaffung Adams verbunden wird. Vergleichbare lange Religionskalender sind der jüdische (um 5.780) und der byzantinische (um 7.530). Die Êzîdî-Zahl ist symbolisch-rituell zu verstehen, nicht historisch-präzise: sie markiert die Tiefe der eigenen Tradition, nicht ein nachprüfbares Gründungsdatum [Lalish Cultural Center Duhok, Êzîdî-Kalender 2021; Açıkyıldız 2010, S. 67].
1.2 Kalender-System: Warum „Ostkalender"
- Die Êzîden (auch Yeziden oder Jesiden) orientierten sich historisch am julianischen Schema (in Şingal/Sinjar und der Region um Lalîş bis heute verbreitet). Dadurch liegen die êzîdîschen Festdaten gegenüber dem gregorianischen Kalender rund 13 Tage versetzt: derselbe Versatz, der auch ostkirchliche Feste vom westlichen Kalender trennt [Spät 2018, S. 145-149].
- Konkret heißt das: Was traditionell auf den 1. April (julianisch) fällt, entspricht heute dem 14. April (gregorianisch). Sersal, der erste Mittwoch „am Anfang des April", wird deshalb auf den ersten Mittwoch am oder nach dem 14. April (gregorianisch) gelegt [Wikipedia „Yazidi New Year"; Spät 2018, S. 156].
- Die Diaspora rechnet zunehmend rein gregorianisch und legt Feste auf das nächstgelegene Wochenende, um Arbeits- und Schulalltag gerecht zu werden.
- Vollmond, Frühlings- und Herbst-Tagundnachtgleiche sowie die Wintersonnenwende haben rituelle Bedeutung: Cejna Êzî etwa ist ausdrücklich an die Sonnenwende gekoppelt (siehe 2.4) [Allison 2017, EI³ „Yazidism"; Açıkyıldız 2010, S. 145-152].
Wichtig zur Einordnung: „Ostkalender" meint hier ausschließlich das julianische Rechensystem (gemeinsam mit Ostkirchen, Armeniern u. a.). Es bedeutet keine inhaltliche Nähe zum Christentum, die êzîdîschen Feste haben eine eigene, vor-abrahamitisch verwurzelte Bedeutung.
1.3 Struktur des Festjahrs: vier Achsen
Der Festkalender lässt sich entlang vier inhaltlicher Achsen lesen, die ihn von einem bloßen Feiertagsplan unterscheiden:
- Kosmologische Achse: Sersal (Schöpfung der Welt, Herabkommen von Tawûsî Melek) und Cejna Êzî (göttliche Erscheinung in der Welt) markieren Anfang und „Wiedergeburt" des Lichts.
- Gemeinschaftsachse: Cejna Cemayê, die siebentägige Herbstversammlung in Lalîş, vereint die ganze Gemeinschaft an ihrem heiligsten Ort.
- Asketische Achse: die beiden 40-tägigen Fastenperioden der Geistlichkeit (Çile Havîn im Sommer, Çile Zivistan im Winter) sowie das verpflichtende dreitägige Êzî-Fasten binden die Frömmigkeit an die Jahreszeiten.
- Gedächtnis-Achse: Belindê (Sintflut), Mereka Şêx Adî (Stifter-Gedächtnis) und seit 2014 der Sinjar-Gedenktag (3. August) halten die heilige und die jüngste Geschichte präsent.
Diese Verzahnung von Sonnenlauf, Saat-/Erntezyklus und Heilsgeschichte ist charakteristisch für die altorientalisch verwurzelte Religiosität der Region; die Forschung verortet Sersal strukturell in der Reihe der mesopotamischen Frühlings-Neujahrsfeste (siehe 2.1), formuliert solche Linien aber bewusst vorsichtig [Rodziewicz 2014, S. 89-103; Kreyenbroek 1995, S. 145-152].
1.4 Sirr-Status
Bestimmte Initiationsriten und innere Hochfest-Sequenzen sind Sirr (Geheimnis, Tabu für Nicht-Êzîden). In dieser Übersicht werden die öffentlichen Aspekte dargestellt; das innere Detail der Heft Sirran-Rituale (der „sieben Mysterien") bleibt bewusst restriktiv [Kreyenbroek 1995, S. 122-128].
2. Die Hauptfeste im Jahreslauf
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Sersal (Çarşema Sor), Rotes-Mittwoch-Neujahrsfest in Lalîş, 18. April 2017. Das Êzîdî-Festjahr beginnt im April mit dem Sersal, dem wichtigsten Fest der Gemeinschaft; weitere Höhepunkte: Cejna Cemayê im Oktober, Cejna Êzî im Dezember. · Foto: Levi Clancy · Lizenz: CC BY-SA 4.0 · Quelle: Wikimedia Commons
2.1 Sersal / Çarşema Sor: Êzîdî-Neujahr und Tag der Schöpfung
Termin: Erster Mittwoch am oder nach dem 14. April (gregorianisch; entspricht historisch dem 1. April julianisch). 2026: 15. April 2026 (Mittwoch) [Wikipedia „Yazidi New Year"; Spät 2018, S. 156].
Êzdîkî-/Kurmancî-Namen: Sersal („Kopf/Anfang des Jahres"), Çarşema Sor („Roter Mittwoch") bzw. Çarşema Serê Nîsanê („Mittwoch am Anfang des April").
Konventions-Hinweis (strikt): Sersal ist nicht Newroz. Êzîden feiern kein Newroz (21. März). Newroz ist ein muslimisch-kurdisches Frühlingsfest mit eigener Ursprungslegende (der Schmied Kawa gegen den Tyrannen Zahhak). Sersal hat dagegen einen eigenständigen Schöpfungs-Bezug und liegt zeitlich Wochen später. Die Gleichsetzung „Sersal = êzîdîsches Newroz" ist sachlich falsch [Açıkyıldız 2010, S. 132; theamargi.com „Yazidi Çarşema Sor"].
Bedeutung, der Tag, an dem die Welt entstand: Sersal ist das höchste und älteste Fest der Êzîden und feiert die Erschaffung der Welt. Nach êzîdîschem Mythos war die Erde seit Freitag „im Werden" und wurde am Mittwoch vollendet: An diesem Tag berührten die Sonnenstrahlen zum ersten Mal die Erde und färbten den Himmel rot, daher „Roter Mittwoch" [peacock-angel.org „Sere Sal"; nlka.net „Red Wednesday"]. Zugleich kam Tawûsî Melek, der Pfauen-Engel, auf die Erde herab, breitete seine leuchtenden Flügel über die noch leblose, „aufgewühlte" Erde und segnete sie mit Frieden und Fruchtbarkeit; die Farben des Pfaus und des Regenbogens stehen für diese Belebung [peacock-angel.org „Sere Sal"]. Der Mittwoch ist nicht zufällig gewählt: Tawûsî Melek steht im Zentrum der sieben heiligen Wesen, so wie der Mittwoch in der Wochenmitte steht [pukmedia.com „Red Wednesday"].
In der êzîdîschen Kosmogonie barg die Weiße Perle (Dur) anfangs Gott bzw. das gesamte Schöpfungspotential; ihr Zerbersten setzte Licht, Farben und das Leben frei. Sersal inszeniert genau dieses Urereignis im Festritual nach [Spät 2018, S. 156-160].
Mögliche altorientalische Parallelen (vorsichtig): Strukturell gilt Sersal als eines der ältesten überlebenden Frühlings-Neujahrsfeste Mesopotamiens. Die rituelle Erneuerungs-Symbolik weist Ähnlichkeiten mit den altmesopotamischen Frühlings-Neujahrsfesten Akitu (sumerisch-babylonisch) und Zagmuk auf; auch das Färben von Eiern wird mit dem altorientalischen Frühlings-/Fruchtbarkeitskult (Ishtar) in Verbindung gebracht [peacock-angel.org „Sere Sal"; Rodziewicz 2014, S. 89-103]. Diese Parallelen sind als religionsgeschichtliche Strukturähnlichkeit zu verstehen, nicht als direkte historische Ableitung, die Forschung formuliert sie bewusst zurückhaltend [Rodziewicz 2014, S. 89-103].
Rituale (öffentlich):
- Eier-Bemalen (Hêkên Sor): Eier werden gekocht und gefärbt (rot, blau, grün, gelb). Das gefärbte Ei symbolisiert die Weiße Perle: Das Aufschlagen des Eis bildet das Zerbersten der Perle nach, Beginn des Lebens und Hervortreten der Farben. Die Farben stehen für den Regenbogen, den Tawûsî Melek bei seinem Herabkommen schuf [Spät, zit. nach Wikipedia „Yazidi New Year"; peacock-angel.org „Sere Sal"].
- Hekkane (Eier-Tippen): ein ritualisiertes Spiel, bei dem Eier gegeneinander geschlagen werden; symbolisiert die kosmische Schöpfung.
- Türschwellen-Segen: eine Mischung aus Lehm, zerstoßenen Eierschalen, roten Blüten und Wasser wird unter Rezitation heiliger Hymnen an Türpfosten und Hauswände gestrichen, um Haus und (junge) Paare mit Glück und Fruchtbarkeit zu segnen [Wikipedia „Yazidi New Year"].
- Rote Blumen (Mohn/Anemonen): die nur im April blühenden roten Blüten werden gesammelt und zum Haussegen verwendet [peacock-angel.org „Sere Sal"].
- Gräber-Besuch (meist im Morgengrauen / am Vortag): Familien, oft die Frauen, gehen vor Sonnenaufgang mit Speisen, Süßigkeiten und Lampen auf den Friedhof. Es heißt, die Verstorbenen und Geistwesen kehrten an diesem Tag zurück; die Lebenden teilen das Festmahl mit den Ahnen [nlka.net „Red Wednesday"; peacock-angel.org „Sere Sal"].
- Öllampen/Kerzen in Lalîş: Pilger entzünden am heiligen Feuer eigens vorbereitete Dochte auf kleinen Steinen, Öllampen und Schalen, begleitet von Hymnen mit Flöte (şibab) und Trommel (def) [Wikipedia „Yazidi New Year"].
- Sancak-Waschung: der heilige Sancak wird mit Wasser aus der Zemzem-Quelle (Lalîş) rituell gewaschen [Wikipedia „Yazidi New Year"].
- Govend (Reigentanz), Sersal-Lieder („Sersal Pîroz", „Çarşema Sor") und Familienzusammenkunft am Abend.
Speisen:
- Sîmel: rundes Festtagsbrot mit Sesam, symbolisch für die Sonne
- Hêkên Sor: gefärbte Eier
- Berbîjok: Datteln-Gebäck
- Helva und traditionelle Süßigkeiten; in der Diaspora ist Lamm ein verbreitetes Festtagsgericht [npr.org „For Yazidis in U.S., New Year…"]
Tabus:
- Sersal selbst gilt traditionell als unglücklicher Reisetag: Reisen werden vermieden [Wikipedia „Yazidi New Year"].
- Im gesamten April finden keine êzîdîschen Hochzeiten statt [Wikipedia „Yazidi New Year"].
- Arbeitsruhe; der Vorlauf (siehe Çarşema Reş) ist von Stille geprägt.
[Spät 2018, S. 156-162; Rodziewicz 2014; Wikipedia „Yazidi New Year"; peacock-angel.org „Sere Sal"]
2.2 Çarşema Reş: „Schwarzer Mittwoch" (Trauer-Vorwoche)
Termin: Der Mittwoch eine Woche vor Sersal.
Bedeutung: Stille Vorbereitung auf die Schöpfung. Keine festliche Aktivität, kein Tanz, kein neuer Haarschnitt, keine Hochzeit. Ein Tag der inneren Reinigung und des Gedenkens an die Verstorbenen, bevor das Lebensfest Sersal folgt.
Rituale:
- Stille; Fasten ist möglich, aber nicht obligatorisch.
- Gründliche Hausreinigung als Vorbereitung auf Sersal.
- Keine fröhliche Musik.
[Spät 2018, S. 158; Açıkyıldız 2010, S. 134]
2.3 Roja Êzî: das dreitägige Êzî-Fasten
Termin: Drei Tage im Dezember unmittelbar vor Cejna Êzî, traditionell von Dienstag bis Donnerstag. 2026: voraussichtlich um den 15.–17. Dezember 2026.
Bedeutung: Das Rojiyên Êzî ist ein verpflichtendes dreitägiges Fasten zu Ehren von Êzî/Sultan Êzîd: einem der Namen Gottes bzw. seiner irdischen Manifestation. Es ist für alle volljährigen, gesunden Êzîden Pflicht; ausgenommen sind Kinder, Kranke und Alte (regional auch Schwangere und Reisende) [Wikipedia „Feast of Ezid"; Kreyenbroek 1995, S. 158-162].
Form: Vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang wird auf Essen und Trinken verzichtet; nach Sonnenuntergang folgt das Fastenbrechen im Familienkreis. Das Fasten endet mit dem Beginn des Festes Cejna Êzî [Wikipedia „Feast of Ezid"].
Speisen zum Fastenbrechen:
- Datteln und Wasser zuerst
- Aşê Êzîd: êzîdîsche Festsuppe/Eintopf (u. a. mit Linsen, Reis, Lamm)
- Süßigkeiten
[Açıkyıldız 2010, S. 138-141; Kreyenbroek 1995, S. 158-162; Wikipedia „Feast of Ezid"]
2.4 Cejna Êzî: Fest des Sultan Êzîd (Winterfest des Lichts)
Termin: Erster Freitag nach dem 13. Dezember bzw. der Freitag vor der Wintersonnenwende: unmittelbar im Anschluss an das dreitägige Fasten. 2026: voraussichtlich 18. Dezember 2026 (Freitag), mit Feiertagen in den Folgetagen [Wikipedia „Feast of Ezid"].
Bedeutung: Eines der beliebtesten und wichtigsten Feste der Êzîden, ein Winterfest des Lichts rund um die Sonnenwende. Es ehrt Sultan Êzîd, der in der êzîdîschen Theologie als irdische Manifestation / Erscheinung des Göttlichen verstanden wird (in enger Verbindung zu Tawûsî Melek), nicht als historischer Umayyaden-Kalif [Kreyenbroek 1995, S. 50-58]. Die Kopplung an die Wintersonnenwende ist symbolträchtig: Mit den ab der Sonnenwende wieder länger werdenden Tagen verbindet sich die Vorstellung der „Wiedergeburt" der Sonne und das Erscheinen göttlicher Figuren [Wikipedia „Feast of Ezid"].
Zur theologischen Einordnung: Westliche Forschung leitet den Namen Êzîdî meist von Yazîd ibn Muʿāwiya ab, den die Êzîden jedoch als Inkarnation des göttlichen Sultan Êzî verehren; eine Minderheit leitet den Namen vom altiranischen yazata („göttliches Wesen") ab. Entscheidend ist: In der êzîdîschen Selbstdeutung ist Sultan Êzîd eine rein spirituelle Größe [Kreyenbroek 1995, S. 3; S. 50-58].
Rituale:
- Abschluss des dreitägigen Fastens; festliches Fastenbrechen im Familienkreis.
- Festgottesdienste und Lampen-Entzünden in Lalîş; Hymnen, traditionelle Musik unter Leitung des Baba Şêx.
- Gemeinschafts- und Familienfeste mit Tanz und Musik; Gebete in Richtung Lalîş.
Speisen:
- Aşê Êzîd (Festeintopf), Festfleisch, Süßigkeiten.
[Kreyenbroek 1995, S. 156-167; Açıkyıldız 2010, S. 138-145; Wikipedia „Feast of Ezid"; bianet.org „Îda Êzî"]
2.5 Cejna Cemayê: die große Versammlung in Lalîş
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Quba Mêrê Dîwanê, Aknalich, Armenien. Wo eine Reise nach Lalîş nicht möglich ist, feiern Gemeinden die Cejna Cemayê simultan an eigenen Tempeln und Zentren. · Lizenz: CC BY 4.0 · Quelle: Wikimedia Commons
Termin: Sieben Tage, traditionell 6.–13. Oktober, zu Ehren von Şêx Adî. 2026: 6.–13. Oktober 2026 [Wikipedia „Cejna Cemayê"; kurdish-history.com „Cejna Cemaiye"].
Bedeutung: Die größte und heiligste Feier des êzîdîschen Jahres: die „Versammlung" bzw. „das Fest der Gemeinschaft". Sieben Tage lang kommt die gesamte Êzîdî-Gemeinschaft an ihrem heiligsten Ort, dem Tal von Lalîş (Şêxan, Nordirak), zusammen: zu einem Fest der Hingabe, des Rituals, der Einheit und der Freude. Es ehrt den heiligen Şêx Adî bin Musafir und gilt als Herzstück des religiösen Lebens. Idealerweise pilgert jede/r Êzîd:in mindestens einmal im Leben nach Lalîş; wer in der Region lebt, versucht, jedes Jahr zur Herbstversammlung dort zu sein [Wikipedia „Cejna Cemayê"; kurdish-history.com „Cejna Cemaiye"; Allison 2001, S. 51-58].
Leitung: Das Fest steht unter Vorsitz des Mîr (weltliches und geistliches Oberhaupt), des Baba Şêx und des geistlichen Rates [kurdish-history.com „Cejna Cemaiye"].
Ablauf über die sieben Tage (öffentlich beschriebene Elemente):
- Mor Kirin (Taufe/rituelle Waschung) an der heiligen Quelle Kaniya Spî (Weiße Quelle) und heiliger Gruß an der Zemzem-Quelle [kurdish-history.com „Cejna Cemaiye"].
- Perî Siwarkirin (um den 4. Tag), feierliches Anbringen bunter Stofftücher (peri) an den Schreinen der Heiligen [Wikipedia „Cejna Cemayê"].
- Qebaxgêran (um den 5. Tag), rituelles Stier-/Bullen-Opfer am Schrein des Şêx Şems; das Fleisch wird als geweihte Speise (Simat) an die Gemeinschaft verteilt [Wikipedia „Cejna Cemayê"].
- Berê Şibakê (um den 6. Tag), feierliche Prozession eines heiligen Kupfer-Gitters zu einem heiligen Wasser/Teich [Wikipedia „Cejna Cemayê"].
- Sema Êvarî: der feierliche Abend-Sema-Tanz: in Weiß gekleidete Männer umkreisen eine Fackel, begleitet von Trommel (def) und Flöte (şibab) [Wikipedia „Cejna Cemayê"; kurdish-history.com „Cejna Cemaiye"].
- Qewl-Vorträge durch die geschulten Qewals (die beiden Qewal-Gruppen Dimlî [kurmancî-sprachig] und Tazhî [arabisch-sprachig] aus Başîqa und Bahzanê), jeden Abend werden zudem zahlreiche heilige Lampen entzündet [kurdish-history.com „Cejna Cemaiye"].
- Abschluss-Opfer gegen Ende des Festes; Mitnahme von geweihtem Wasser und heiliger Lalîş-Erde (Berat) für den Haussegen.
Sancak / Tawûsgêran: Die Prozession des heiligen Sancak (Bronze-Pfau, Symbol der Präsenz von Tawûsî Melek) und die inneren Sequenzen in den Kammern von Lalîş sind teils Sirr: nur Mîr, Baba Şêx und designierte Qewals dürfen anwesend sein; hier wird bewusst nur strukturell beschrieben (siehe 2.11) [Açıkyıldız 2010, Kap. 4; Kreyenbroek 1995, S. 122-128].
Diaspora: Wo eine Reise nach Lalîş nicht möglich ist, wird das Fest simultan in Gemeindezentren abgehalten, mit Festmahlen, Sema und Liedern u. a. in Hannover, Stockholm, Tbilisi und Yerevan.
Speisen: Reis (Berf) als Zeichen der Reinheit, Festbrot, Lamm-Eintopf; das geweihte Opferfleisch (Simat).
[Wikipedia „Cejna Cemayê"; kurdish-history.com „Cejna Cemaiye"; Allison 2001, S. 51-58; Açıkyıldız 2010, Kap. 4; Rodziewicz 2016]
2.6 Cejna Belindê (Eyda Belindê): Belindê-Fest
Termin: Frühling/Vorsommer, regional unterschiedlich (etwa April–Mai).
Bedeutung: Erinnerungsfest, das eng mit der êzîdîschen Sintflut-Überlieferung und dem Schlangen-Mythos verbunden ist: Nach der Überlieferung verschloss eine schwarze Schlange das Leck im Schiff (Arche) und rettete so die Êzîdî-Vorfahren, ein Motiv, das auch im Schlangen-Relief am Eingang von Lalîş verewigt ist [Spät 2018, S. 162-165; servantgroup.org „Yezidi Mythology"]. Das Belindê-Fest ist kleiner als Sersal und stark familiär geprägt.
Rituale:
- Familien-Gedenkfest mit Tier-Opfer (Lamm).
- Spezielle Gebete; in der Region an heiligen Orten/Bergen, in der Diaspora sinngemäß.
[Spät 2018, S. 162-165; Rodziewicz 2016, Fritillaria Kurdica 13-14, S. 35-67]
2.7 Xidir Nebî / Xidir-Eliyas: Fest der Schutzheiligen
Termin: Februar (regional verschieden). 2026: etwa Mitte Februar (3 Tage).
Bedeutung: Fest zu Ehren von Xidir Nebî / Xidir Eliyas, der in der êzîdîschen Tradition als Xudan (Schutzherr) des Wassers, der Flüsse und Meere und als Zindî (Unsterblicher) gilt, eine eigenständige êzîdîsche Schutzfigur (nicht koranisch zu verstehen) [List of Yazidi holy figures, Wikipedia; Spät 2018, S. 152-155]. Xidir wird besonders mit dem Schutz von Reisenden, Schiffbrüchigen und Liebenden verbunden.
Rituale:
- Süßspeisen werden zubereitet und an Bedürftige verteilt.
- Junge, unverheiratete Êzîden richten Wünsche zu Liebe und Ehe an Xidir Nebî (und Pîrê Libnan) [Wikipedia „List of Yazidi holy figures"].
- Süßer Reis-/Getreidebrei (Aşûrî) mit Datteln, Granatapfelkernen und Nüssen.
Sirr-Status: Öffentliches Fest, keine Beschränkungen.
[Kreyenbroek 1995, S. 169-172; Spät 2018, S. 152-155; Wikipedia „List of Yazidi holy figures"]
2.7a Eida Xidir Eliyas: Pflichtfasten Rojiyên Xidir und Halva-Ritual (Februar)
Ergänzung zu 2.7: Während dort vor allem die Schutzfunktion und die Wunsch-Bitten der Liebenden beschrieben sind, behandelt dieser Abschnitt die dreitägige Fastenphase (Rojiyên Xidir Nebî) und das eigenständige Mehl-/Halva-Ritual, die das Fest erst vollständig machen.
Termin: Die zweite Februar-Woche nach östlichem (julianischem) Kalender; das Fest selbst fällt traditionell auf den zweiten Donnerstag im Februar. Der Ritualzyklus beginnt am Sonntag, den die Êzîden als ersten Wochentag und als „Tag der Reinheit" (Roja Paqijiyê) verstehen; an den drei darauf folgenden Tagen (Montag–Mittwoch) wird gefastet, am Donnerstag wird das Fest begangen [yazidis.info „Rojie Khidr Nabi"; Wikipedia „Eid Khidr Elias"; Kurdistan24 „Yezidis Mark Eid Khidr Elias"].
Zwei Reiter, zwei Schutzbereiche: In der êzîdîschen Überlieferung sind Xidir Nebî und Xidir Eliyas zwei Heilige auf einem weißen Pferd (Xidir Nebî û Xidir Eylas siyarê hespêd boz). Xidir Nebî gilt als Erfüller der Wünsche und Schutzherr der Liebenden, Xidir Eliyas als Schutzherr der Seereisenden [yazidis.info „Rojie Khidr Nabi"; bernamegeh.org „Xidir Eylaz û Xidir Nebî"].
Das Fasten (Rojiyên Xidir):
- Drei Tage Fasten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang; vor Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang sind Essen und Trinken erlaubt.
- Das Fasten gilt nicht für alle als strikt verpflichtend wie das Êzî-Fasten; besonders gebunden sind Personen mit den Namen Xidir bzw. Eliyas sowie junge Êzîden, die mit dem Fasten ein persönliches Gelübde verbinden.
- Junge Fastende verzichten am letzten Tag zusätzlich auf Wasser und brechen das Fasten mit einem gesalzenen Fladen [yazidis.info „Rojie Khidr Nabi"].
Halva- und Mehl-Ritual (pixîn/poxîn → Halva): In der Nacht des Festes wird ein süßes Mehlgericht aus in reichlich Öl gerösteten Mehl, pixîn/poxîn (auch Pekhûn bzw. Çarxoos genannt), zubereitet, in einen hölzernen Trog gefüllt und in der Mitte des Raumes aufgestellt. Verbreitet ist dabei die Vorstellung, dass das weiße Pferd des Xidir Nebî in der Nacht einen Hufabdruck im Mehl hinterlässt; findet die Familie am Morgen eine solche Spur, gilt das als Segen („Segen und Gnade des Propheten Xidir sind in dieser Nacht in mein Haus gekommen"). Nach Fastenende wird aus dem pixîn Halva bereitet und an Nachbarn, Verwandte und Bedürftige verteilt [yazidis.info „Rojie Khidr Nabi"; hawarnews.com „Khidir Elias Eid"].
Regional wird zur Speisenfolge qawît (auch poxîn) aus geröstetem Weizen und Gerste bereitet; mancherorts mahlt das Dorf vor dem Fest sieben verschiedene Getreide-/Hülsenfrüchte-Sorten (Weizen als Basis, dazu u. a. Kichererbsen, Linsen, Saubohnen, Mais, Kürbis- und Sonnenblumenkerne) zu einem gemeinsamen Mehl [Kurdistan24 „Yezidis Mark Eid Khidr Elias"].
Traum-Orakel der Heiratsfähigen: Am Festabend essen junge unverheiratete Frauen und Männer gesalzene, saure Backwaren (qursik); wer ihnen in der folgenden Nacht im Traum Wasser reicht, gilt als künftige® Ehepartner(in). Dieses Liebes-/Heiratsorakel knüpft direkt an Xidir Nebîs Rolle als Schutzherr der Liebenden an [bernamegeh.org „Xidir Eylaz û Xidir Nebî"; yazidis.info „Rojie Khidr Nabi"].
Weitere Bräuche: Das Fest gilt als Tag der Versöhnung und der Gastfreundschaft (Hilfe für Fremde und Hungernde); während der Feier gilt ein vollständiges Schlacht-Verbot (kein Tieropfer), was Xidir Eliyas von Festen wie Belindê oder der Cejna Cemayê unterscheidet [Kurdistan24 „Yazidi Kurds Celebrate Khidr Elias Festival"; hawarnews.com „Khidir Elias Eid"].
[yazidis.info „Rojie Khidr Nabi/Khidr Ailas"; Wikipedia „Eid Khidr Elias"; Kurdistan24 „Yezidis Mark Eid Khidr Elias" / „Khidr Elias Festival"; hawarnews.com „Khidir Elias Eid"; bernamegeh.org „Xidir Eylaz û Xidir Nebî"; Spät 2018, S. 152-155]
2.8 Çile Havîn: die 40 Tage des Sommers
Termin: Hochsommer, traditionell ca. 1. Juli – 10. August. 2026: 1. Juli – 10. August 2026.
Bedeutung: 40-tägige Hochsommer-/Hitzeperiode. Vor allem die Geistlichkeit (Pîrs, Şêxs, Feqîrs) hält in dieser Zeit ein 40-tägiges Sommer-Fasten (Çilê Havînê) als Zeit spiritueller Konzentration und des Rückzugs; das Volk übt verstärkt Wohltätigkeit. Das Fasten der „coldest/hottest forty days" bindet die religiöse Praxis bewusst an die Naturzyklen [Kurdistan24 „Winter Forty-Day Feast"; Yazidi social organization, Wikipedia; Açıkyıldız 2010, S. 145-148].
Rituale:
- 40-tägige Meditations-/Fastenstrenge der Geistlichkeit.
- Erhöhte Spenden- und Hilfsbereitschaft in der Gemeinschaft.
- In diese Periode fällt der Sinjar-Gedenktag (3. August) seit 2014 (siehe 2.12).
[Açıkyıldız 2010, S. 145-148; Wikipedia „Yazidi social organization"]
2.9 Çile Zivistan: die 40 Tage des Winters
Termin: Ab der Wintersonnenwende, traditionell ca. 21. Dezember – 30. Januar. 2026/27: 21. Dezember 2026 – 30. Januar 2027.
Bedeutung: Wintersolstitium-Periode der inneren Einkehr. Auch hier hält die Geistlichkeit unter Leitung des Baba Şêx ein 40-tägiges Winter-Fasten (Çilê Zivistanê) an den kältesten Tagen des Jahres ab, als Symbol der Erneuerung der Erde und des Jahreszyklus. Den Abschluss bildet ein „Winter-40-Tage-Fest" mit heiligen Rezitationen, Musik und dem Entzünden der Tempel-Lampen in Lalîş [Kurdistan24 „Yazidis Mark Winter Forty-Day Feast"; Açıkyıldız 2010, S. 148-152]. Roja Êzî und Cejna Êzî fallen in den Beginn dieser Periode.
[Açıkyıldız 2010, S. 148-152; Kurdistan24 „Winter Forty-Day Feast"]
2.10 Mereka Şêx Adî: Şêx-Adî-Gedächtnistag
Termin: Variabel, regional unterschiedlich (oft im Frühling).
Bedeutung: Gedächtnis an Şêx Adî bin Musafir (gest. 1162, in Lalîş bestattet), den theologischen Konsolidator des überlieferten Êzîdîsmus. Pilgerfahrt zum Grab in Lalîş; eng mit der Bedeutung von Lalîş als zentralem Heiligtum verbunden (siehe auch Cejna Cemayê, 2.5).
[Açıkyıldız 2010, Kap. 5; Spät 2018, S. 78-89]
2.11 Tawûsgêran: die Pfauen-Prozession (Sancak/Tawaf)
Termin: Historisch mehrmals im Jahr, je nach Route des Sancak durch die Êzîdî-Dörfer; heute hauptsächlich im Umfeld der Cejna Cemayê.
Bedeutung: Heilige Bronze-Sancaks (Pfauen-Statuetten) werden durch Êzîdî-Gebiete getragen, Zeichen der gegenwärtigen Präsenz von Tawûsî Melek. Die Prozession ist strikt Sirr: keine Fotos, keine Detailbeschreibung der inneren Abläufe. Historisch gab es mehrere Sancaks; ein Teil ging im 19. Jahrhundert während der Verfolgungen verloren, nur wenige sind heute noch im êzîdîschen Besitz [Açıkyıldız 2010, Kap. 4; Kreyenbroek 1995, S. 122-128].
Konventions-Hinweis: Der Pfauen-Engel Tawûsî Melek ist keineswegs „der Teufel": diese Gleichsetzung ist eine jahrhundertealte Fremd-Diffamierung. Tawûsî Melek ist der oberste der heiligen Wesen und Statthalter Xwedês (Gottes) auf Erden [Kreyenbroek 1995, S. 45-58].
[Sirr-Tabu: nur strukturelle Beschreibung. Açıkyıldız 2010, Kap. 4; Kreyenbroek 1995, S. 122-128]
2.12 3. August: Sinjar-Genozid-Gedenken (seit 2014)
Termin: 3. August jeden Jahres. Neuer Gedenktag seit dem Sinjar-Genozid 2014.
Bedeutung: Erinnerung an den ISIS-Angriff auf Sinjar/Şingal (3. August 2014): in êzîdîscher Zählung der 73. bzw. 74. Ferman (Massaker/Vernichtungswelle):
- etwa 3.100 Êzîden ermordet (PLOS Medicine 2017: 2.100–4.400; andere Schätzungen bis ~5.000),
- rund 6.800 Frauen und Kinder versklavt (Spannweite 4.200–10.800),
- über 400.000 Vertriebene,
- mehr als 70 dokumentierte Massengräber,
- 2.500+ Frauen und Kinder noch immer vermisst (Stand 2025).
Rituale:
- Weltweite Schweigeminute; Kerzen, Sinjar-Klagelieder.
- Gedenkveranstaltungen in den Diaspora-Städten (Hannover, Stockholm, Lincoln/Nebraska, Yerevan, Tbilisi).
- Politische Mahnwachen, oft mit Vertreter:innen lokaler Regierungen.
Internationale Anerkennung als Genozid u. a.: Deutschland (Bundestag, 19.01.2023), Niederlande, Frankreich, Belgien, Vereinigtes Königreich, Australien, Schottland, Armenien, Schweiz.
[UN OHCHR A/HRC/32/CRP.2 (2016); Bundestag-Drucksache 20/5228 (19.01.2023); Yazda Reports 2024]
3. Regionale Festkalender-Varianten
3.1 Şingal / Sinjar (Irak)
- Streng julianisch; intensive Beachtung der Çile-Markierungen.
- Sinjar-2014-Gedenken besonders ausgeprägt; lokale Schreinfeste (Mam Reşan, Şerfedîn).
3.2 Şêxan / Lalîş-Region (Irak)
- Lalîş liegt hier; alle Hauptfeste mit physischer Präsenz.
- Cejna Cemayê direkt am Heiligtum; Mîr-Familie und Baba Şêx ortsansässig.
3.3 Bahzanî / Behzanê
- Wohnort der Qewal-Familien; Sonderfeste rund um die Qewal-Tradition.
- Aşûrî-Brei zum Xidir Nebî besonders ausgeprägt.
3.4 Aparan / Yerevan (Armenien)
- Sersal teils mit Sowjetzeit-Tradition verschmolzen.
- Eigener Tempel Quba Mêrê Dîwanê (Aknalich, seit 2019) für gemeindliche Feste.
3.5 Tbilisi (Georgien)
- Sultan-Êzîd-Tempel (Tbilisi, eröffnet Juni 2015) als gemeindliches Zentrum; Festkalender wie Aparan.
3.6 Diaspora (Deutschland / Schweden / USA)
- Hauptfeste in Gemeindezentren (Hannover, Stockholm, Lincoln/Nebraska).
- Anpassung an westlichen Kalender; häufige Wochenend-Verschiebung der Feiertage.
[Açıkyıldız 2010, S. 173-189; Pîrbarî 2008; Maisel 2017]
4. Verhältnis zu nicht-êzîdîschen Festen
4.1 Êzîden feiern nicht:
| Fest | Begründung |
|---|---|
| Newroz (21. März) | Muslimisch-kurdisches Fest, andere Ursprungslegende (Kawa vs. Schöpfung), Sersal ist NICHT Newroz |
| Ramadan / ʿĪd al-Fitr | Islamische Tradition |
| ʿĪd al-Adha | Islamisch |
| Pessach / Schawuot | Jüdisch |
| Weihnachten | Christlich |
| Ostern | Christlich (das Eierbemalen bei Sersal ist eine eigenständige êzîdîsche Tradition, kein Oster-Brauch) |
Wichtig: Êzîden in muslimischen oder christlichen Mehrheitsgesellschaften beobachten diese Feste respektvoll als gesellschaftliche Realität (Schulferien, Feiertage), feiern sie aber nicht religiös.
4.2 Êzîden beobachten respektvoll
- 27. Januar: Internationaler Holocaust-Gedenktag (oft mit Bezug auf den Sinjar-Genozid).
- 24. April: Armenier-Genozid-Gedenken (Solidarität u. a. wegen der gemeinsamen Erfahrung von 1915).
5. Festkalender 2026/27: Übersichtstabelle
| Datum 2026 | Fest | Dauer | Bedeutung (kurz) | Status |
|---|---|---|---|---|
| ~Mitte Februar | Xidir Nebî / Xidir-Eliyas | 3 Tage | Schutzheiliger des Wassers; Wünsche der Liebenden | empfohlen |
| ~8. April | Çarşema Reş | 1 Tag | Stille Trauer-Vorwoche | Stille |
| 15. April | Sersal / Çarşema Sor | 1 Tag | Schöpfung der Welt; Tawûsî Melek kommt zur Erde | Pflicht/Hochfest |
| April–Mai (variabel) | Cejna Belindê | 1 Tag | Sintflut/Schlangen-Mythos | empfohlen |
| 1. Juli – 10. Aug | Çile Havîn | 40 Tage | Sommer-Fasten der Geistlichkeit | spirituell |
| 3. August | Sinjar-Gedenken | 1 Tag | Genozid-Gedenken (seit 2014) | modernes Pflicht-Gedenken |
| 6.–13. Oktober | Cejna Cemayê | 7 Tage | Große Versammlung in Lalîş; Pilgerfahrt | höchstes Pilgerfest |
| ~15.–17. Dez | Roja Êzî | 3 Tage Fasten | Pflicht-Fasten vor Cejna Êzî | Pflicht |
| ~18. Dez | Cejna Êzî | Fest | Sultan Êzîd; Winterfest des Lichts | Pflicht/Hochfest |
| 21. Dez – 30. Jan 2027 | Çile Zivistan | 40 Tage | Winter-Fasten der Geistlichkeit | spirituell |
Hinweis: Da der Kalender julianisch ausgerichtet ist und einige Feste an Sonnenwende/Mondphase gekoppelt sind, können die gregorianischen Daten je nach Quelle und Region um wenige Tage abweichen. Verbindlich ist jeweils die örtliche geistliche Festlegung.
6. Forschungsstand
Der êzîdîsche Festkalender ist akademisch erst seit den 1990er Jahren systematisch beschrieben. Zentrale Werke:
- Kreyenbroek 1995: theologische Einbettung, Sultan-Êzîd-Frage, Festobservanzen.
- Allison 2001: orale Tradition, Aparan-/Bahzanî-Material, Cejna Cemayê.
- Açıkyıldız 2010: Standardwerk zu Geschichte, Heiligtum und Festkalender.
- Spät 2018: regionale Variabilität, Sersal-Symbolik (Weiße Perle).
- Rodziewicz 2014–22: mesopotamisch-iranische Wurzeln, Mythologie, Schöpfungs-Symbolik.
- Omarkhali 2017: Textgrundlage der Qewls und Festgebete.
7. Sirr-Tabu
- Innere Sancak-Prozessions-Details (welche Hymne in welcher Sancak-Kammer), Sirr.
- Inhalt der Heft Sirran-Mysterien während Cejna Cemayê, Sirr.
- Spezifische Initiationsrituale (z. B. Mor Kirin in seiner inneren Form), nicht detailliert.
- Diffamierende Fremd-Begriffe (Gleichsetzung Tawûsî Melek = „Teufel") werden nicht verwendet.
Quellen
| Nr. | Quelle | Trust |
|---|---|---|
| 1 | Açıkyıldız, B. (2010) The Yazidis, I.B. Tauris, ISBN 978-1-848-85274-7 | A |
| 2 | Allison, C. (2001) The Yezidi Oral Tradition in Iraqi Kurdistan, Curzon, ISBN 0-7007-1397-2 | A |
| 3 | Kreyenbroek, P. (1995) Yezidism: Its Background, Observances, Textual Tradition, Edwin Mellen, ISBN 0-7734-9004-3 | A |
| 4 | Spät, E. (2018) The Yezidis, Saqi, ISBN 978-0-86356-593-4 | A |
| 5 | Rodziewicz, A. (2014/16/22) Artikel in Fritillaria Kurdica + Iran & Caucasus | A |
| 6 | Omarkhali, K. (2017) The Yezidi Religious Textual Tradition, Harrassowitz, ISBN 978-3-447-10856-0 | A |
| 7 | Maisel, S. (2017) Yezidis in Syria, Lexington Books, ISBN 978-1-498-50253-2 | A |
| 8 | Allison, C. (2017) „Yazidism", Encyclopaedia of Islam THREE, Brill | A |
| 9 | Lalish Cultural Center Duhok (2021) Êzîdî-Kalender (Festkalender-Edition) | B |
| 10 | UN OHCHR A/HRC/32/CRP.2 (2016) They Came to Destroy: ISIS Crimes Against the Yazidis, Genf | A |
| 11 | Bundestag-Drucksache 20/5228 (19.01.2023), Êzîdî-Genozid-Anerkennung | A |
| 12 | Yazda Reports 2020-2024 zur Lage in Sinjar | B |
| 13 | Wikipedia „Yazidi New Year" / „Cejna Cemayê" / „Feast of Ezid" / „List of Yazidi holy figures" | C |
| 14 | peacock-angel.org, „Fertility and Renewal: The Yezidi New Year Festival Sere Sal" (E. Spät zit.) | B |
| 15 | kurdish-history.com, „Cejna Cemaiye: The Yazidi Feast of the Assembly" | C |
| 16 | Kurdistan24, „Yazidis Mark Winter Forty-Day Feast" / „Winter Fast at Lalish" | C |
| 17 | nlka.net / theamargi.com / pukmedia.com, Sersal/Çarşema-Sor-Reportagen | C |
| 18 | Pîrbarî, D. (2008) Êzîdiyên Sovêtê, Yerevan | B |
| 19 | yazidis.info, „Rojie Khidr Nabi / Khidr Ailas" (Fast- und Halva-Bräuche, Tbilisi) | C |
| 20 | Wikipedia „Eid Khidr Elias" / Kurdistan24 „Yezidis Mark Eid Khidr Elias" / „Khidr Elias Festival" | C |
| 21 | hawarnews.com (ANHA) „Khidir Elias Eid"; bernamegeh.org „Xidir Eylaz û Xidir Nebî" | C |
Trust: A = peer-reviewed akademisch · B = institutionell/NGO/anerkannte Community · C = journalistisch/Online-Community.
Stand: 2026-06-04 · Êzîdî-Konventionen: Sersal (nicht Newroz) · Eigennamen lateinisch (Lalîş, Şêx Adî, Çarşema Sor) · Tawûsî Melek ≠ Teufel · Xwedê ≠ Allah · Sirr-Tabu respektiert.
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