wissen
Qewl: die mündliche heilige Überlieferung
Qewl (kurmancî qewl, „Wort, Spruch"; Plural qewlên) heißen die religiösen Hymnen der Êzîdî (auch Yeziden oder Jesiden). Sie sind das Herzstück der êzîdîschen Religion: kunstvoll gebaute, gesungene Texte, die über Jahrhunderte ausschließlich von Mund zu Mund weitergegeben wurden, ohne Bücher, ohne Niederschrift, ohne festen schriftlichen Kanon. In der Hierarchie der êzîdîschen religiösen Literatur nehmen die Qewls die höchste Position ein; traditionell gelten sie als letztlich göttlichen Ursprungs (Amy de la Bretèque & Omarkhali).
Wo Judentum, Christentum und Islam heilige Bücher besitzen, besitzen die Êzîdî eine Bibliothek im Gedächtnis: Das religiöse Wissen der Gemeinschaft lebt in den Stimmen ausgebildeter Rezitatoren, vor allem der Qewwals aus den Zwillingsdörfern Başîqa und Bahzanê. Wegen eines über Jahrhunderte geltenden Schriftlichkeits-Tabus übernehmen die Qewls genau jene zentrale Stelle in der Weitergabe des Glaubens, die anderswo die Schrift einnimmt (Kreyenbroek & Rashow 2005). Der wahre „heilige Text" der Êzîdî ist das gesungene Wort.
Dieser Artikel erklärt, was Qewls sind, wer sie trägt, warum die Êzîdî so lange bewusst auf Schrift verzichteten, und warum diese einzigartige Überlieferung heute, nach dem Genozid von 2014, akut gefährdet ist und mit großem Einsatz gerettet wird.
1. Was sind Qewl? Eine Religion, die gesungen wird
Ein Qewl ist kein Volkslied und kein bloßes Gedicht, sondern ein sakraler Text mit eigenem rituellen Status. Drei Merkmale machen ihn aus:
- Höchster Rang. Unter allen Gattungen der êzîdîschen religiösen Überlieferung stehen die Qewls an der Spitze. Anders als andere Textsorten gelten sie traditionell als göttlich inspiriert, ihr Inhalt wird nicht als menschliche Dichtung über die Religion verstanden, sondern als Teil der Offenbarung selbst.
- Mündlichkeit. Qewls wurden über Jahrhunderte ausschließlich mündlich tradiert und zugleich vor Außenstehenden geheim gehalten. Bis ins späte 20. Jahrhundert wusste die westliche Forschung nicht einmal von der Existenz dieses umfangreichen Korpus echter religiöser Texte (Kreyenbroek & Rashow 2005).
- Gesang. Ein Qewl wird nicht gelesen, sondern vorgetragen, mit fester Melodie, oft begleitet von den heiligen Instrumenten Def (Rahmentrommel) und Şibab (Flöte).
Wie groß dieses „unsichtbare Buch" ist, hat erst die moderne Forschung sichtbar gemacht: Die Religionswissenschaftlerin Khanna Omarkhali, selbst aus einer êzîdîschen Pîr-Familie stammend, listet in ihrem Standardwerk von 2017 über 1.150 êzîdîsche religiöse Oraltexte (einschließlich Varianten), unveröffentlichte ebenso wie zwischen 1891 und 2013 in verschiedenen Alphabeten publizierte. Rund 100 Qewls gelten nach ihrer Feldforschung als „authentisch"; zu ihnen gibt sie erstmals einen systematischen Überblick über Status, Vortragspraxis, mutmaßliche Autorschaft und Melodie (Omarkhali 2017).
Wichtig dabei: Es gibt keinen standardisierten Kanon der religiösen Texte. Weil das Wissen mündlich weitergegeben wird, existieren regionale Varianten nebeneinander, und keine Instanz hat je eine verbindliche „Endfassung" festgelegt, ein grundlegender Unterschied zu den Buchreligionen.
2. Die Gattungen: vom Qewl bis zur Qesîde
Die êzîdîsche Oralliteratur kennt mehrere klar unterschiedene Gattungen mit jeweils eigenem Rang und eigener Funktion (Amy de la Bretèque & Omarkhali; Kreyenbroek & Rashow 2005):
| Gattung | Kurmancî | Bedeutung | Status und Funktion |
|---|---|---|---|
| Qewl | qewl (Pl. qewlên) | „Wort, Spruch" | Religiöse Hymne; höchster Rang, gilt als göttlich inspiriert; trägt direkt religiöse Inhalte (Kosmogonie, Theologie, Heilige) |
| Beyt | beyt | Gedicht, Lied | Hoch angesehen, aber nicht als göttlich inspiriert betrachtet; behandelt eher die Pflichten der Gemeinschaft |
| Du’a | du’a | Gebet | Gebetstexte für verschiedene religiöse Kontexte und Lebensrituale |
| Dirozge | dirozge | , | Wichtiges Gebet mit einer langen Litanei bedeutender Heiliger und historischer Figuren |
| Qesîde | qesîde | Preisgedicht | Gedichte, die Schülern von Şêx Adî (Şîxadî) zugeschrieben werden; zwei Hauptkategorien: Qesîden der Pîrs und der Şêx |
Der Unterschied zwischen Qewl und Beyt ist dabei der theologisch entscheidende: Beide sind ehrwürdige, gesungene Texte, aber nur der Qewl gilt als Träger der Offenbarung selbst, während das Beyt das Leben der Gläubigen ordnet und ermahnt.
Die Qewlên Beran: die Spitze der Hierarchie
Innerhalb der Qewls bilden die Qewlên Beran („Widder-Hymnen", nach gängiger Zählung rund ein Dutzend Texte) die ranghöchste Gruppe. Ihren herausgehobenen Status verdanken sie ihrem rituellen Ort: Sie werden im Rahmen der Sema vorgetragen, der formellen Prozession der religiösen Würdenträger (Kreyenbroek & Rashow 2005). Zu den Qewlên Beran zählt unter anderem die große Schöpfungshymne Qewlê Zebûnî Meksûr (siehe Abschnitt 7).
3. Form und Musik: Strophen, Melodien, heilige Instrumente
Alle heiligen Texte sind in Kurmancî (Nordkurdisch) überliefert. Qewls sind strophisch aufgebaut, und genau so werden sie auch gelernt: Ein Novize prägt sich den Text „Strophe für Strophe, Wort für Wort" ein (Amy de la Bretèque & Omarkhali). Diese formelhafte, gebundene Sprache ist kein Schmuck, sondern Überlebensstrategie: Reim, Rhythmus und Strophenbau stützen das Gedächtnis über Generationen.
Untrennbar mit dem Text verbunden ist die Musik. Qewls, Beyts und Qesîden haben stets zugehörige Melodien, kurmancî kubrî genannt, die regional und je nach Anlass variieren können. Êzîdîsche Fachleute beschreiben die Melodien mit eigenen Kategorien: bilind („hoch"), giran („schwer, getragen") oder bi lez („schnell"). Das Tonmaterial ist mit der nahöstlichen Maqam-Tradition verwandt, ohne dass die Vortragenden dieses Theoriesystem formal kennen müssten; ihr Wissen ist praktisch, gehört und gesungen, nicht notiert (Amy de la Bretèque & Omarkhali).
Beim rituellen Vortrag erklingen die beiden heiligen Instrumente:
- Def: die Rahmentrommel (Tamburin),
- Şibab: die Flöte.
Sie begleiten die Qewls ebenso wie bekannte Beyts, etwa die Beyta Cindî (Açıkyıldız 2014; Spät). Einen breiteren Überblick über die êzîdîsche Musiktradition insgesamt, auch über die weltlichen Gattungen, gibt der Artikel Êzîdî-Musik.
4. Die Qewwals: Träger der Tradition
Herkunft und Aufgabe
Die Qewwals (auch Qewals; wörtlich „Rezitatoren, Sänger", vom Wort qewl) sind eine eigene religiöse Spezialistengruppe der Êzîdî. Sie stammen traditionell aus den Zwillingsdörfern Başîqa und Bahzanê in der Ninive-Ebene im Nordirak. Die Forschung beschreibt sie als „Hüter und Übermittler der religiösen Texte, Mythen und Lieder": Sie reisen zu den Êzîdî-Gemeinden, führen Zeremonien durch und unterweisen die lokale Bevölkerung im Glauben (Açıkyıldız 2014).
Ihre bekannteste Aufgabe ist das Tawûsgeran: der feierliche Umzug der Standarten von Tawûsî Melek, dem Pfauenengel und höchsten der Engel, durch die êzîdîschen Siedlungsgebiete. (Tawûsî Melek ist in der êzîdîschen Theologie ausdrücklich kein „Teufel" und kein gefallener Engel, diese Verleumdung stammt von Außenstehenden; ausführlich dazu der Artikel Tawûsî Melek.) Bei diesen Umzügen und Zeremonien tragen die Qewwals die Hymnen zum Klang von Def und Şibab vor und verbinden so die verstreuten Gemeinden mit dem religiösen Zentrum.
Die Ausbildung
Qewwal wird man nicht durch bloße Geburt in die richtige Familie, die Ausbildung ist lang und anspruchsvoll. Nach der Darstellung der Encyclopædia Iranica (Artikel „Qawl") und der ETH-Studie zur êzîdîschen Gesellschaft im Irak gelten für angehende Qewwals drei Grundvoraussetzungen:
- Kenntnis der Glaubenslehre,
- Redegewandtheit und eine klangvolle Stimme,
- Beherrschung der heiligen Instrumente Def und Şibab.
Bemerkenswert ist die Reihenfolge: Erst die Musik, dann die Texte. Nach der musikalischen Ausbildung folgt die Einführung in das Textkorpus, und zwar in fester Abfolge, zuerst die Gebete, dann die Totentexte, danach Beyts über die religiösen Pflichten, die Texte für die Zeremonien in Laliş, die Liedtexte und zuletzt die Auslegung der religiösen Texte (Encyclopædia Iranica „Qawl"; Dulz u. a.).
Auch außerhalb der Qewwal-Gruppe wird religiöses Textwissen tradiert, etwa in Şêx- und Pîr-Familien, also den erblichen religiösen Ständen der Êzîdî. Die Lernweise ist überall dieselbe: rein mündlich, ohne schriftliche Notizen beim Vortrag. Text und Melodie werden entweder gemeinsam erlernt oder nacheinander, zuerst der Text, die Melodie dann Monate später. Spezialisierte Rezitatoren heißen auch qewlbêj („Qewl-Sprecher") (Amy de la Bretèque & Omarkhali).
Die heutige Lage
Die Zahl der Qewwals aus Bahzanê und Başîqa nimmt rapide ab. Die Gründe: das hohe Alter der aktiven Qewwals, mangelndes Interesse der jungen Generation an der langen, entbehrungsreichen Ausbildung, und seit 2014 die Vertreibung: Başîqa und Bahzanê wurden im Sommer 2014 vom sogenannten „Islamischen Staat" besetzt, die Bevölkerung musste fliehen (Dulz u. a.; The Dial). Ob und wie sich in der Diaspora, etwa in Deutschland, eine neue Qewwal-Ausbildung etablieren kann, ist derzeit eine offene Entwicklung; belastbare Berichte über aktive Ausbildungsstrukturen im Exil liegen bislang nicht vor.
5. Warum mündlich? Die Religion ohne Buch
Das Schriftlichkeits-Tabu
Dass die Êzîdî ihre heiligen Texte nicht aufschrieben, war kein Mangel, sondern über Jahrhunderte religiöses Prinzip. Lesen und Schreiben war innerhalb der Gemeinschaft religiös weitgehend einer einzigen Lineage vorbehalten, für alle anderen galt faktisch ein Schriftlichkeits-Tabu. Deshalb übernehmen die Qewls in der Weitergabe des religiösen Wissens jene zentrale Stelle, die in Judentum, Christentum und Islam die heiligen Bücher einnehmen (Kreyenbroek & Rashow 2005).
Hinzu kam die Geheimhaltung: Die Texte wurden vor Außenstehenden verborgen. Eine Religion, die über Jahrhunderte verfolgt wurde, die êzîdîsche Erinnerung zählt zahlreiche Fermane (Verfolgungsedikte und Massaker; siehe Genozide an den Êzîden) –, hatte gute Gründe, ihr Innerstes nicht preiszugeben. Die Folge: Bis ins späte 20. Jahrhundert ahnte die westliche Wissenschaft nicht, dass hinter der scheinbar „schriftlosen" Religion ein riesiges, präzise tradiertes Textkorpus stand.
Exkurs: Mishefa Reş und Kitêba Cilwe: die „heiligen Bücher", die keine waren
Wer im 19. und frühen 20. Jahrhundert im Westen nach den heiligen Schriften der Êzîdî suchte, stieß auf zwei Manuskripte: das Mishefa Reş („Schwarzes Buch") und die Kitêba Cilwe („Buch der Offenbarung"). Beide kursierten unter Manuskripthändlern und Missionaren und wurden lange für die authentischen Heiligtümer der Religion gehalten.
Die Forschung beurteilt das heute anders: Die Manuskripte gelten als Fälschungen von Nicht-Êzîdî: verdächtigt wird unter anderem der Manuskripthändler Jeremiah Shamir in Mossul. Philip Kreyenbroek verweist auf anachronistische Sprache (südkurdische Dialektmerkmale statt des Kurmancî der echten Tradition), auf arabische und türkische Lehnwörter sowie auf die fehlende Verzahnung mit der Kern-Oraltradition: eine späte Kompilation, die echte Motive mit fabriziertem Inhalt vermischt (Cheung; Wikipedia „Yazidi Black Book"). Ein anschauliches Beispiel für die Brüche: Das „Schwarze Buch" nennt den Sonntag als ersten Schöpfungstag, die mündliche Überlieferung den Samstag.
Eine respektvolle Einordnung ist hier wichtig: Gefälscht ist nicht alles, was in diesen Texten steht. Die Inhalte, Kosmogonie, Heiligengestalten, spiegeln teilweise echte êzîdîsche Überlieferung, die den Kompilatoren zugetragen wurde. Gefälscht ist der Status: die Behauptung, hier liege das authentische schriftliche Heiligtum der Êzîdî vor. Das wahre „heilige Buch" der Êzîdî gab es nie auf Papier, es ist das gesungene Wort der Qewls. Ausführlich behandeln diese Fragen die Artikel Heilige Texte und Fälschungen & Verleumdungen.
6. Von der Stimme zur Schrift: Verschriftlichung und Forschung
Die Pioniere der 1970er Jahre
Erst in den 1970er Jahren begannen êzîdîsche Intellektuelle, die heiligen Texte selbst niederzuschreiben, zunächst nur die prestigeträchtigsten Gattungen. Der Meilenstein dieser Bewegung ist die Sammlung „Êzdiyatî" (1979) von Xelîl Cindî Reşo (Khalil Jindy Rashow) und Pîr Xidir Silêman (Sileman). In diesem Band erschien unter anderem die vollständigste Fassung des Qewlê Tawûsî Melek; Philip Kreyenbroek publizierte sie 1995 erneut (Kreyenbroek & Rashow 2005; Asatrian & Arakelova).
Dieser Schritt war innerhalb der Gemeinschaft alles andere als selbstverständlich, er bedeutete den Bruch mit dem jahrhundertealten Schriftlichkeits-Tabu. Dass ihn Êzîdî aus den religiösen Ständen selbst vollzogen, gab der Verschriftlichung ihre Legitimität.
Die wissenschaftlichen Hauptsammlungen
Auf den Vorarbeiten der êzîdîschen Sammler baut die internationale Forschung auf. Vier Werke bilden heute das Fundament:
- Kreyenbroek & Rashow, God and Sheikh Adi are Perfect (Harrassowitz 2005), die repräsentative Auswahl der Hauptgattungen mit Übersetzung und Kommentar. Die Übersetzungen stammen von Kreyenbroek; Grundlage waren großteils Rashows Transkriptionen von Tonaufnahmen, die Schrift folgt also bis heute der Stimme.
- Khanna Omarkhali, The Yezidi Religious Textual Tradition: From Oral to Written (Harrassowitz 2017), die Gesamtdarstellung von Kategorien, Weitergabe (Transmission), Verschriftlichung (Skripturalisierung) und beginnender Kanonisierung. Omarkhali stammt selbst aus einer Pîr-Familie und verbindet Innen- und Forschungsperspektive.
- Christine Allison, The Yezidi Oral Tradition in Iraqi Kurdistan (2001), die Standardstudie zur weltlichen, profanen Oraltradition, gegen die sich die sakrale abhebt.
- Eszter Spät, Late Antique Motifs in Yezidi Oral Tradition (Gorgias 2010), weist spätantike (gnostische) Motive in den Oraltexten nach; auf Späts Feldforschung in Şingal (2011/12) basiert auch ihr Dokumentarfilm „Following the Peacock".
Hinzu kommen Texteditionen einzelner Hymnen, etwa Artur Rodziewicz’ Edition der Kosmogonie-Hymnen Qewlê Zebûnî Meksûr und Qewlê Bê û Elîf (Kurmancî-Text mit Übersetzung und Kommentar).
7. Wichtige Qewls im Einzelnen
Aus dem Korpus von rund 100 als authentisch geltenden Qewls seien hier die am besten dokumentierten vorgestellt.
Qewlê Zebûnî Meksûr: die Hymne des schwachen Gebrochenen
Die zentrale Schöpfungshymne der Êzîdî. In ihr wird Melik Fexredîn, einer der heiligen Engel, gebeten, die Schöpfung zu erzählen: Gott tritt aus der Urperle (dur) hervor; durch die Liebe (mihbet) werden die göttlichen Wesenheiten manifest, unter ihnen Siltan Êzîd; Gott bereitet und weiht das Xerqe, das heilige Gewand (Cheung; Kreyenbroek & Rashow 2005). Die Hymne zählt zu den ranghöchsten Texten überhaupt, den Qewlên Beran, und wird Şêx Fexir zugeschrieben. Wissenschaftlich ediert und übersetzt wurde sie von Kreyenbroek & Rashow (2005); eine polnische Edition legte Rodziewicz vor.
Qewlê Afirîna Dinyayê: die Hymne von der Erschaffung der Welt
Die zweite große Kosmogonie-Hymne. Sie erzählt einen ähnlichen Schöpfungsablauf, die Perle, den „Stift der Macht/des Schicksals", den Sauerteig im Ur-Ozean, die Çar Yar („Vier Freunde"), und bezieht zudem die Gestalt Noahs (Nûh) ein (Cheung). Zusammen mit dem Zebûnî Meksûr zeigt sie, dass die êzîdîsche Schöpfungslehre nicht in einem einzigen verbindlichen Text fixiert ist, sondern in mehreren, einander ergänzenden Hymnen lebt.
Qewlê Tawûsî Melek: die Hymne an den Pfauenengel
Ein Lobpreis der Tugenden von Tawûsî Melek: seiner Stärke, seiner Güte, seiner grenzenlosen Macht. Die Hymne enthält Anrufungen wie: „O mein Herr, du bist der Engel-Herrscher der Welt … du bist seit jeher urewig." Die vollständigste Version publizierten Sileman & Jindy 1979 in „Êzdiyatî"; Kreyenbroek veröffentlichte sie 1995 erneut. Bemerkenswert: Nach dem Forschungsstand ist dieser Qewl kein fester Bestandteil der rituellen Praxis, sondern eher eine freie Gebetsform (Asatrian & Arakelova). Zur Theologie des Pfauenengels siehe den Artikel Tawûsî Melek.
Beyta Cindî und Qewlê Kofa: der Weckruf
Die Beyta Cindî („Beyt des einfachen Gläubigen") ist eines der unter Êzîdî bekanntesten Beyts. Sie ruft die Gläubigen auf, „aus dem Schlaf zu erwachen" und der harten Welt entgegenzutreten, ein Topos, den Eszter Spät als gnostischen „Weckruf" gedeutet hat: ein Motiv, das die êzîdîsche Überlieferung mit spätantiken religiösen Strömungen verbindet (Spät). Die Beyta Cindî wird oft zusammen mit dem Qewlê Kofa („Hymne der Kopfbedeckung") rezitiert, dem literarischen Ausdruck des himmlischen Lohnversprechens; auch hierbei erklingen Def und Şibab.
Weitere Hymnen
Mehrfach belegt und wissenschaftlich ediert ist außerdem der kosmogonische Qewlê Bê û Elîf („Hymne von B und A"; Edition Rodziewicz). Daneben existieren zahlreiche weitere Qewls und Beyts, die bislang nur als Titel oder Tonaufnahme dokumentiert sind, ein Hinweis darauf, wie viel Erschließungsarbeit noch bevorsteht.
8. Nach dem Ferman 2014: Gefährdung und Rettung
Der Genozid als Wissens-Katastrophe
Der Angriff des sogenannten „Islamischen Staats" auf Şingal (Sinjar) im August 2014, in êzîdîscher Zählung der jüngste Ferman, war nicht nur ein Verbrechen an Menschen, sondern auch eine Katastrophe für das kollektive Gedächtnis. Bis zu 5.000 Êzîdî wurden ermordet, mindestens 6.800 verschleppt (rund 2.700 sind weiter vermisst), etwa 500.000 Menschen wurden vertrieben (UNHCR-Zahlen nach The Dial; ausführlich: Genozide an den Êzîden).
Für die mündliche Überlieferung bedeutet das: Viele Träger der Erzähltradition wurden getötet. Überlebende sind traumatisiert, was das Erinnern selbst beeinträchtigt; Erzähler und Publikum, die beiden Pole, zwischen denen mündliche Tradition lebt, sind über die ganze Welt zerstreut. Hochbetagte Wissensträger sterben, bevor ihr Wissen aufgenommen werden kann: So verstarb Mîrza Xetarî, der als „einer der wichtigsten Bewahrer der Oralgeschichte" galt, in seinen Neunzigern (The Dial).
Der Genozid wirkt dabei als Beschleuniger einer Erosion, die früher begann: die Arabisierungspolitik der 1970er und 1980er Jahre, die Konkurrenz von Fernsehen und Smartphones um die Abende, an denen früher erzählt und gesungen wurde, und der schleichende Sprachverlust im Kurmancî, gerade in der Diaspora (The Dial). Auch die großen Diaspora-Gemeinden in Deutschland sowie in Russland und Armenien stehen vor dem Problem, dass die traditionelle Weitergabe im Exil erschwert ist (Amy de la Bretèque & Omarkhali).
Die Rettungsprojekte
Gegen diesen Verlust arbeiten seit 2014 mehrere bemerkenswerte Initiativen:
- TewTew-Archiv. Gegründet von den êzîdîschen Dichtern Zêdan Xelef und Emad Bashar, die sich an der Universität Duhok kennenlernten. Das Projekt nimmt Lieder und Erzählungen auf Kurmancî auf und stellt sie online; nach dem Stand der Berichterstattung umfasste das Archiv 84 Audio- und Videoaufnahmen, der öffentliche Launch erfolgte über die University of Exeter (The Dial).
- AMAR Foundation. Die britische Stiftung nimmt êzîdîsche (sakrale) Musik auf und lehrt sie weiter, unter anderem mit einem Frauenchor in einem Camp für Binnenvertriebene. Gefördert wird die Arbeit vom British Council Cultural Protection Fund (AMAR Foundation).
- Yazidi Cultural Archives (Jameel Arts & Health Lab). Ein multimediales Digitalarchiv gefährdeten êzîdîschen Kulturerbes, verbunden mit Kunst-Workshops für überlebende Frauen, Bewahrung und Heilung in einem Projekt (Jameel Arts & Health Lab).
So entsteht eine doppelte Bewegung: Die Tradition, die jahrhundertelang gerade durch ihre Mündlichkeit und Geheimhaltung überlebte, wird nun durch Aufnahme, Verschriftlichung und Digitalisierung gerettet, von Êzîdî selbst, in Zusammenarbeit mit internationaler Forschung. Die Stimme bleibt dabei das Original; Schrift und Datei sind ihr Echo und ihre Versicherung.
9. Begriffe im Überblick
| Begriff | Bedeutung |
|---|---|
| Qewl | religiöse Hymne; höchste Gattung, gilt als göttlich inspiriert |
| Qewlên Beran | „Widder-Hymnen"; ranghöchste Qewl-Gruppe, vorgetragen bei der Sema |
| Sema | formelle Prozession der religiösen Würdenträger |
| Beyt | Gedicht/Lied über die Pflichten der Gemeinschaft; hoch angesehen, aber nicht göttlich inspiriert |
| Du’a | Gebet |
| Dirozge | Gebet mit langer Litanei wichtiger Heiliger |
| Qesîde | Preisgedicht, Schülern von Şêx Adî zugeschrieben |
| Qewwal | Rezitator aus Başîqa/Bahzanê; Hüter und Übermittler der heiligen Texte |
| qewlbêj | „Qewl-Sprecher"; spezialisierter Rezitator |
| Def | heilige Rahmentrommel |
| Şibab | heilige Flöte |
| kubrî | die zu den Texten gehörenden Melodien |
| Tawûsgeran | Umzug der Tawûsî-Melek-Standarten durch die Gemeinden |
| Tawûsî Melek | der Pfauenengel, höchster Engel, niemals „Teufel" |
| Ferman | Verfolgungsedikt/Massaker; Bezeichnung der Genozide an den Êzîden |
| Mishefa Reş / Kitêba Cilwe | die untergeschobenen „heiligen Bücher" (Fälschungen mit teils echtem Überlieferungsgut) |
Quellen
Alle Quellen wurden für das zugrunde liegende Recherche-Dossier am 11. Juni 2026 abgerufen und verifiziert.
- FU Berlin, Institut für Iranistik: Verlagsseite zu Kreyenbroek & Rashow, God and Sheikh Adi are Perfect (Iranica 9, Harrassowitz 2005), https://www.geschkult.fu-berlin.de/en/e/iranistik/publikationen/iranica/iranica09/index.html
- Estelle Amy de la Bretèque & Khanna Omarkhali: „The Yezidi Religious Music", Oral Tradition Journal, https://oraltradition.org/the-yezidi-religious-music/
- Wikipedia (en): „Yazidi literature" (mit Belegen aus Kreyenbroek/Rashow 2005, Omarkhali 2017, Allison 2001), https://en.wikipedia.org/wiki/Yazidi_literature
- Khanna Omarkhali: The Yezidi Religious Textual Tradition: From Oral to Written (Harrassowitz 2017), Volltext-PDF der Universität Göttingen, https://www.uni-goettingen.de/de/document/download/7aa23de7edf74949749e706f404d2d4e.pdf/Omarkhali_Yezidi_Religious_Textual_Tradition_2017.pdf
- Harrassowitz-Verlagsseite zu Omarkhali 2017, https://www.harrassowitz-verlag.de/title_1833.ahtml
- Birgül Açıkyıldız: The Yezidis: The History of a Community, Culture and Religion (I.B. Tauris 2010/2014), Besprechung der LSE Review of Books, https://blogs.lse.ac.uk/lsereviewofbooks/2014/11/26/book-review-the-yezidis-the-history-of-a-community-culture-and-religion-by-birgul-acikyildiz/
- Encyclopædia Iranica: „QAWL", https://www.iranicaonline.org/articles/qawl/
- Eszter Spät: „The Song of the Commoner: The Gnostic Call in Yezidi Oral Tradition", https://www.academia.edu/33663927/THE_SONG_OF_THE_COMMONER_THE_GNOSTIC_CALL_IN_YEZIDI_ORAL_TRADITION · Dissertation (CEU Budapest 2009): https://www.etd.ceu.edu/2009/mphspe02.pdf
- Johnny Cheung: „On the Tales of Creation recounted by the Yezidi singers", Forschungsblog Yezidi Stories (hypotheses.org/OpenEdition), https://yes.hypotheses.org/36
- The Dial (Issue 22): „Saving Yazidi Song" (TewTew-Archiv, Genozid-Folgen), https://www.thedial.world/articles/news/issue-22/yazidi-oral-tradition-kurmanji
- Wikipedia (en): „Yazidi Black Book", https://en.wikipedia.org/wiki/Yazidi_Black_Book · „Yazidi Book of Revelation", https://en.wikipedia.org/wiki/Yazidi_Book_of_Revelation
- Garnik Asatrian & Victoria Arakelova: „Malak-Tawus: the Peacock Angel of the Yezidis" (zur Publikationsgeschichte des Qewlê Tawûsî Melek), https://www.academia.edu/3172037/Malak_Tawus_the_Peacock_Angel_of_the_Yezidis
- Irene Dulz u. a.: Social Change Amidst Terror and Discrimination: Yezidis in the New Iraq (ETH Zürich / MEI), https://www.files.ethz.ch/isn/90905/No_18_Social_Change_Amidst_Terror.pdf
- Wikipedia (en): „Eszter Spät", https://en.wikipedia.org/wiki/Eszter_Spät · Gorgias Press: Late Antique Motifs in Yezidi Oral Tradition (2010), https://dokumen.pub/late-antique-motifs-in-yezidi-oral-tradition-9781463222024.html
- AMAR Foundation: Yazidi-Musik-Projekt / Genozid-Gedenken, https://www.amarfoundation.org/uk-news/remembering-the-yazidi-genocide/
- Jameel Arts & Health Lab: „Yazidi Cultural Archives" (Case Study), https://www.jameelartshealthlab.org/case-studies/yazidi-cultural-archives
- Artur Rodziewicz: Jezydzkie hymny kosmogoniczne: Qewlê Zebûnî Meksûr i Qewlê Bê û Elîf (Edition Kurmancî, Übersetzung, Kommentar), https://www.academia.edu/38199521/
Hinweis: Aussagen, die in den Quellen nur eingeschränkt verifiziert werden konnten (Ausbildungsdetails nach Encyclopædia Iranica; Zahl der TewTew-Aufnahmen), sind im Text entsprechend vorsichtig formuliert.
Dieser Artikel ist Teil des mehrsprachigen Êzdîxan-Wikis.
Verwandte Inhalte
Verzeichnis
Kommentare
Noch keine Kommentare — sei der Erste.