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73 Fermane Chronik
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Die Êzîden (auch Yeziden oder Jesiden) zählen in ihrer Überlieferung 72, 73 oder 74 Fermane: Vernichtungsbefehle und Genozide, die ihre Gemeinschaft über Jahrhunderte getroffen haben. Diese Chronik ordnet die mündliche Erinnerung in den dokumentierten historischen Befund ein: von den frühen Pogromen über die osmanischen Feldzüge bis zum Völkermord des sogenannten „Islamischen Staates" 2014 in Şingal.
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Märtyrer-Memorial der Êzîden auf dem Şingal-Berg (Juni 2019). Die Erinnerung an die Fermane ist ein Kern der êzîdischen Identität. · Foto: Levi Clancy · Lizenz: CC0 · Wikimedia Commons
Was bedeutet „Ferman"?
Das Wort ferman (persisch/türkisch fermān) bezeichnet ursprünglich einen herrscherlichen Erlass oder ein Dekret. Im êzîdischen Sprachgebrauch wurde der Begriff zum Synonym für religiös motivierten Massenmord, Zwangsbekehrung und Vertreibung: weil die meisten dieser Gewaltwellen durch Fatwas (Rechtsgutachten) islamischer Gelehrter legitimiert wurden, die die Êzîden zu „Ungläubigen" erklärten und Tötung, Versklavung und Enteignung für erlaubt befanden (Yazidi Legal Network; Açıkyıldız 2010, Kap. 5).
Ein frühes und folgenreiches Beispiel ist die Fatwa des osmanischen Şeyhülislam Ebussuud Efendi (um 1566), die die Êzîden als Apostaten einstufte. Heute steht Ferman im kollektiven Gedächtnis der Êzîden für jeden genozidalen Akt gegen die Gemeinschaft, unabhängig davon, ob ein formaler Sultanserlass vorlag.
Die Zahl 72, 73 oder 74
Die Zahlen 72 / 73 / 74 sind in der êzîdischen Tradition mündlich überlieferte, teils symbolische Angaben. In der kurdisch-mesopotamischen Erzählwelt steht „72" oft für „sehr viele"; die tatsächliche Zahl der Verfolgungen gilt als nicht abschließend bezifferbar (Wikipedia, Persecution of Yazidis; Yazidi Legal Network).
- Bis 2007 sprach die Tradition von 72 Fermanen, wobei der Völkermord im Ersten Weltkrieg (1915–1918) als 72. galt.
- Die Anschläge von Til Ezêr / Sîba Şêx Xidir am 14. August 2007 wurden als 73. Ferman aufgenommen.
- Der Genozid durch den IS ab dem 3. August 2014 gilt, bestätigt durch Mîr Tahsin Beg (1933–2019, geistlich-weltliches Oberhaupt der Êzîden) und den Geistlichen Rat, als 74. Ferman. Diese Zählung ist heute die gebräuchlichste.
Wichtig: Es existiert keine vom Geistlichen Rat verabschiedete, durchgehend von 1 bis 74 nummerierte kanonische Liste. Die folgende Chronologie ist eine Rekonstruktion aus historischen Chroniken (u. a. Evliya Çelebi, osmanische Salname, Mosul-Chronik der Jalili-Ära, Reise- und Konsulatsberichte) und der mündlichen Tradition der Şêx- und Pîr-Linien (gesammelt u. a. von Allison 2001, Açıkyıldız 2010, Kreyenbroek & Rashow 2005). Zahlen sind, wo nicht anders gekennzeichnet, Schätzungen mit teils erheblicher Spannweite.
Zeittafel der wichtigsten Fermane
| Jahr | Ereignis | Region | Quelle |
|---|---|---|---|
| 1246/1254 | Hinrichtung von Şêx Hasan, erste Schändung von Lalîş | Lalîş, Mosul | Açıkyıldız 2010; Kreyenbroek 1995 |
| 1414 | Verbrennung des Lalîş-Tempels durch al-Hulwānī | Lalîş | al-Maqrīzī (Primärquelle) |
| 1566 | Fatwa des Ebussuud Efendi (theologisches Mandat) | Osm. Reich | Açıkyıldız 2010; Kreyenbroek 1995 |
| 1640 | Feldzug des Melek Ahmed Paşa (klassischer „1. Ferman") | Şingal | Evliya Çelebi (Augenzeuge) |
| 1715–1809 | Mehr als 15 Feldzüge der Mosul-Pascha-Ära (Lescot) | Şingal, Şehîxan | Açıkyıldız 2010 |
| 1809–1810 | Schändung von Lalîş, Verbrennung der Gebeine Şêx Adîs | Şingal, Lalîş | Açıkyıldız 2010 |
| 1832–1834 | Firmana Mîrê Kor: Soran-Emirat (größtes Einzelmassaker) | Şehîxan, Şingal | Eppel 2019 (Genocide Studies Int.) |
| 1840–1844 | Bedirxan-Beg-Kampagne, Zwangsbekehrungen in Tur Abdin | Tur Abdin | Açıkyıldız 2010 |
| 1854 | Großes Şingal-Massaker (Höhlen-Erstickungen) | Şingal | Wikipedia; Sykes |
| 1890–1893 | Omar-Wehbi-Paşa-Kampagne unter Abdülhamid II. | Şehîxan, Şingal, Lalîş | Açıkyıldız 2010; Encycl. Iranica |
| 1915–1918 | Genozid im Rahmen des Völkermords an Armeniern (72. Ferman) | Şingal, Tur Abdin | Wikipedia; Açıkyıldız 2010 |
| 1935 | Niederschlagung des Şingal-Aufstands (Bakr Sidqi) | Şingal | Wikipedia; Bet-Shlimon 2019 |
| 1974–1975 | Massenvertreibung und Arabisierung unter Saddam Hussein | Sinjar, Şehîxan | Human Rights Watch 1995 |
| 2007 | Anschläge von Til Ezêr / Sîba Şêx Xidir (73. Ferman) | Bezirk Sinjar | Wikipedia; Yazda |
| 2014 | IS-Völkermord in Şingal (74. Ferman) | Şingal, Berg Sinjar | UN 2016; PLOS Medicine 2017 |
Frühe Verfolgungen (vor dem 16. Jahrhundert)
In der konservativen êzîdischen Zählung (Mîr Tahsin Beg) werden die vor-osmanischen Pogrome nicht als nummerierte Fermane geführt, da der Begriff an die osmanische Dekretpraxis gebunden ist. In einer erweiterten Zählung gelten sie als erste Fermane. Belegte frühe Episoden:
- um 1218, Mongolische Invasion: Erste überregionale Erschütterung des êzîdischen Stammlandes; keine belastbaren Opferzahlen (Açıkyıldız 2010, Kap. 5).
- 1246/1254, Hinrichtung Şêx Hasans: Badr al-Dīn Luʾluʾ, Atabeg von Mosul, lässt Şêx Hasan und rund 200 Gefolgsleute töten; das Grab Şêx Adîs in Lalîş wird erstmals geschändet (Açıkyıldız 2010; Kreyenbroek 1995).
- 1414, Verbrennung von Lalîş: Der şāfiʿitische Theologe ʿIzz al-Dīn al-Hulwānī brennt das Heiligtum nieder; die Gebeine Şêx Adîs werden geschändet (al-Maqrīzī als Primärquelle).
- 1585, Angriff auf Şingal: Erste dokumentierte Attacke auf die Hochburg im Şingal-Gebirge, über 600 Tote (Açıkyıldız 2010).
Osmanische Zeit (16.–18. Jahrhundert)
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Şingal (Sinjar), Juli 2019: Ruinen im Stadtzentrum nach der Befreiung vom IS. · Foto: Levi Clancy · Lizenz: CC0 · Wikimedia Commons
Die Fatwa des Ebussuud Efendi (1566)
Die Fatwa des Şeyhülislam Ebussuud Efendi erklärte die Êzîden zu Apostaten und legitimierte Tötung, Versklavung und Enteignung. Sie forderte selbst keine unmittelbaren Todesopfer, wurde aber zum theologischen Dauer-Mandat, auf das sich osmanische Feldherren über drei Jahrhunderte beriefen (Açıkyıldız 2010; Kreyenbroek 1995).
Der Feldzug des Melek Ahmed Paşa (1640)
Unter Sultan Murad IV. bzw. İbrahim führte Melek Ahmed Paşa einen Großfeldzug gegen das Şingal-Gebirge. Der Augenzeuge Evliya Çelebi berichtet in seinem Seyâhatnâme von tausenden Toten und tausenden Gefangenen (die Quellenangaben schwanken zwischen rund 3.000 und mehreren zehntausend). In der êzîdischen Tradition gilt dies vielfach als der „Erste Ferman": der älteste osmanische Sultanserlass mit dokumentiertem Genozid (Çelebi; Dankoff 1991; Açıkyıldız 2010).
Die Mosul-Pascha-Ära (1715–1809)
Laut dem Orientalisten Roger Lescot wurden im 18. Jahrhundert mindestens 15 Feldzüge gegen die Êzîden in Şingal und Şehîxan geführt. Wiederkehrende Muster waren Strafexpeditionen wegen Karawanenüberfällen, Plünderungen, Verschleppung von Frauen und erzwungene Konversionen, etwa unter Hassan Paşa (1715), beim Zab-Massaker mit rund 3.000 Zwangskonversionen (1733) oder unter Süleyman Paşa, der 1752–1754 etwa 3.000 Êzîden tötete und 500 Frauen verschleppte (Açıkyıldız 2010; Yezidi Cultural Heritage). 1809–1810 wurde Lalîş erneut geschändet und die Gebeine Şêx Adîs vor den Augen der Êzîden verbrannt, die schwerste religiöse Entweihung vor 1892.
Die kurdischen Emirats-Genozide (1832–1844)
Firmana Mîrê Kor: das Soran-Emirat (1832–1834)
Der Feldzug des Mîr Muhammad Paşa von Rawanduz („Mîrê Kor", der blinde Fürst) gilt als das größte dokumentierte Einzelmassaker der êzîdischen Geschichte. Ausgelöst durch eine Fatwa des Mulla Yahya Mizurî, zogen 40.000 bis 50.000 Kämpfer durch Şehîxan, Şingal und das Tigris-Ufer.
Die Opferzahlen werden in der Forschung mit 70.000 bis 135.000 Toten angegeben (Eppel 2019, The Firmān of Mīr-i-Kura, Genocide Studies International); der êzîdische Chronist al-Damlouji sprach von rund 95 Prozent Bevölkerungsverlust in den betroffenen Gebieten. Tausende ertranken oder kamen auf der Flucht am Tigris um; tausende Frauen und Kinder wurden nach Rawanduz verschleppt und zwangsbekehrt. In Lalîş wurden Schutzsuchende in einer Höhle unter dem Heiligtum durch Feuer erstickt. Der êzîdische Führer Mîr Ali Beg I. verweigerte die Konversion und wurde Ende 1833 in Rawanduz hingerichtet.
Bedirxan Beg und das Botan-Emirat (1836–1844)
Bedirxan Beg, Fürst des Botan-Emirats, setzte die Verfolgung fort. In Cezîra (1836) wurde ein Großteil der êzîdischen Bevölkerung getötet oder versklavt; in Tur Abdin (1840–1844) wurden sieben Dörfer zwangsbekehrt, Verweigerer getötet. 1843 dokumentierte der russische Orientalist Ilya Berezin als Augenzeuge ein Massaker mit rund 7.000 Toten bei den Hügeln von Ninive (Berezin 1843; Açıkyıldız 2010).
Spätosmanische Zeit (1849–1918)
Tanzimat und Konversionsdruck (1849–1885)
Mit den Tanzimat-Reformen erhielten die Êzîden erstmals einen Rechtsstatus, jedoch nicht als „Schriftbesitzer" (ahl al-kitāb), sondern unter höherer Steuerlast und Wehrpflicht. Daraus entstanden jahrzehntelange Konflikte und Eskalationen (1850–1864, 1872, 1885). Das große Şingal-Massaker von 1854 unter Muhammad Reschid Paşa und Hafiz Paşa, bei dem Schutzsuchende in Höhlen erstickt wurden, wird in êzîdischen Klageliedern (Stran) bis heute besungen (Wikipedia, Persecution of Yazidis; Sykes).
Die Omar-Wehbi-Paşa-Kampagne (1890–1893)
Unter Sultan Abdülhamid II. führte General Omar Wehbi Paşa („Ferîq Paşa") gemeinsam mit der neu aufgestellten Hamidiye-Kavallerie eine Kampagne mit dem Ultimatum „Konversion oder Tod". Schätzungen sprechen von 10.000 bis 15.000 getöteten oder zwangskonvertierten Êzîden (ÊzîdîPress); Açıkyıldız nennt für die Şingal-Kampagne Ende 1892 rund 500 unmittelbare Tote. Das Lalîş-Heiligtum wurde für etwa zwölf Jahre in eine Koranschule (Madrasa) umgewandelt, sakrale Objekte nach Bagdad verbracht. In der Erinnerung gilt dies neben 1832 als der „Große Ferman" des 19. Jahrhunderts (Açıkyıldız 2010, Kap. 5; Edmonds, A Pilgrimage to Lalish; Encyclopaedia Iranica).
Der Genozid im Ersten Weltkrieg (1915–1918): der 72. Ferman
Im Rahmen des Völkermords an den Armeniern wurden auch die Êzîden Ziel der jungtürkischen CUP-Regierung und verbündeter Stämme. Die Opferschätzungen reichen weit auseinander: Der akademische Konsens liegt bei mehreren zehntausend bis rund 100.000; eine in der armenisch-êzîdischen Diaspora kursierende Maximalzahl von 300.000 (Aziz Tamoyan, sowj.-armenisch-êzîdische Schule) gilt als akademisch überhöht und nicht belastbar (Allison 2001; Açıkyıldız 2010).
Zugleich steht diese Zeit für ein Kapitel der Menschlichkeit: Der Şingal-Stammesführer Hemoyê Şêro (Hammo Shero) verweigerte das osmanische Ultimatum und nahm rund 20.000 armenische Flüchtlinge unter den Schutz seines Stammes; hunderte Êzîden starben bei deren Verteidigung (Gariwo; Açıkyıldız 2010). In der klassischen Zählung vor 2007 gilt 1915–1918 als 72. Ferman.
Königreich und Republik Irak (1925–2003)
- 1935, Şingal-Aufstand: General Bakr Sidqi schlägt den Widerstand gegen die Zwangsrekrutierung nieder; über 200 Êzîden werden getötet, das Kriegsrecht über Sinjar verhängt (Wikipedia, 1935 Yazidi revolt; Bet-Shlimon, City of Black Gold, 2019).
- 1974–1975, Massenvertreibung unter Saddam Hussein: Im Zuge der Arabisierungspolitik der Baʿath-Regierung werden 37 Dörfer in Sinjar zerstört und in Şehîxan 147 von 182 Dörfern zwangsumgesiedelt. Die Bewohner werden in sogenannte Mujammaʿat (Kollektivsiedlungen) gezwungen; in den Volkszählungen 1977 und 1987 müssen sich Êzîden als „Araber" registrieren. Insgesamt werden über 150 êzîdische Dörfer zerstört (Human Rights Watch, Iraq’s Crime of Genocide, 1995).
Die Post-Saddam-Ära und der Aufstieg des IS (2003–2014)
Nach 2003 wurden die Êzîden wiederholt Ziel sunnitischer Aufständischer und der al-Qaida im Irak (AQI), u. a. bei einem Anschlag auf einen Bus mit êzîdischen Studenten und einem gezielten Mord in Beşîqe (beide 2007).
Die Anschläge von Til Ezêr und Sîba Şêx Xidir (2007): der 73. Ferman
Am 14. August 2007 sprengten sich vier koordinierte Selbstmordattentäter mit Tanklaster- und Autobomben in den êzîdischen Orten Til Ezêr (Qahtaniyah) und Sîba Şêx Xidir im Bezirk Sinjar in die Luft. Mit 796 Toten (Erstmeldungen sprachen von rund 500) und über 1.500 Verletzten gilt der Anschlag als der schwerste Bombenanschlag des gesamten Irak-Kriegs (Wikipedia, Qahtaniyah bombings; Yazda). Verantwortlich war das Netzwerk der al-Qaida im Irak. In der êzîdischen Tradition wurde dieses Ereignis als 73. Ferman aufgenommen.
Der 74. Ferman: der IS-Völkermord in Şingal (2014)
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Êzîdische Flüchtlinge im Newroz-Camp (Syrien, 2014), versorgt durch das International Rescue Committee. · Foto: International Rescue Committee · Lizenz: CC BY 2.0 · Wikimedia Commons
Der Angriff
In den frühen Morgenstunden des 3. August 2014 griff der sogenannte „Islamische Staat" (IS / Daesh) unter Abu Bakr al-Baghdadi die Stadt Şingal und rund 68 umliegende Dörfer an. Der IS hatte die Êzîden zuvor als „Teufelsanbeter" diffamiert, eine sachlich falsche, von der Forschung längst widerlegte Verleumdung, denn die Êzîden verehren den Engel Tawûsî Melek: und damit den Völkermord propagandistisch vorbereitet.
Das Vorgehen folgte einem systematischen Muster: Männer und ältere Jungen wurden erschossen oder enthauptet; Frauen und Mädchen, teils ab etwa neun Jahren, wurden verschleppt, auf Sklavenmärkten verkauft und sexuell versklavt (sabaya); jüngere Jungen wurden als Kindersoldaten zwangsrekrutiert. Im Dorf Kocho wurden am 15. August 2014 Dutzende Männer hingerichtet, darunter Angehörige der späteren Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad –, die Frauen versklavt.
Opferzahlen (Schätzungen)
- Getötete: Punktschätzung rund 3.100 Êzîden (PLOS Medicine 2017: Spanne 2.100–4.400; UN-Initialschätzung: bis 5.000).
- Verschleppte: Punktschätzung rund 6.800 Frauen und Kinder (Cetorelli et al., PLOS Medicine 2017: Spanne 4.200–10.800).
- Vertriebene: mehrere hunderttausend Êzîden (der deutsche Bundestag nennt rund 550.000 Betroffene der Gemeinschaft; rund 400.000 wurden unmittelbar vertrieben).
- Massengräber: über 200 dokumentierte Massengräber (davon rund 80 im Distrikt Sinjar); UNITAD unterstützte die Exhumierung von 37 Massengräbern; bislang wurden 186 Opfer identifiziert und würdevoll bestattet (UNITAD; UN-Nachrichtendienst).
Die Belagerung des Berges Sinjar
Zehntausende Êzîden flohen auf den Berg Sinjar, wo sie ohne Wasser und Nahrung eingeschlossen waren. Zwischen dem 7. und 11. August 2014 öffneten US-Luftangriffe und ein von kurdischen Einheiten gesicherter Korridor einen Fluchtweg, über den mehr als 100.000 Menschen entkamen. Im November 2015 wurde die Stadt Şingal zurückerobert.
Folgen, Aufarbeitung und internationale Anerkennung
Trauma und Diaspora
Der Völkermord hinterließ eine zutiefst traumatisierte Gemeinschaft. Hunderttausende leben weiterhin in Lagern in der Region Kurdistan-Irak oder sind ins Ausland geflohen. Deutschland beherbergt mit geschätzt 200.000 bis 250.000 Menschen die größte êzîdische Diaspora außerhalb des Irak (ZÊD 2024; konservative Schätzungen ab ~100.000). Der Wiederaufbau Şingals verläuft langsam; das Schicksal tausender entführter Frauen und Kinder ist bis heute ungeklärt.
Nadia Murad und der Friedensnobelpreis
Nadia Murad, selbst Überlebende aus Kocho, wurde zur weltweiten Stimme der Êzîden. 2018 erhielt sie gemeinsam mit dem kongolesischen Arzt Denis Mukwege den Friedensnobelpreis „für ihren Einsatz gegen den Gebrauch sexueller Gewalt als Kriegswaffe". Sie ist die erste Irakerin und Êzîdin, die einen Nobelpreis erhielt. Ihre Stiftung Nadia’s Initiative unterstützt den Wiederaufbau in Sinjar (Nobelprize.org; Nadia’s Initiative).
Juristische Aufarbeitung
- 2017, UNSC-Resolution 2379: Der UN-Sicherheitsrat richtete, maßgeblich auf Betreiben Nadia Murads, das Ermittlungsteam UNITAD ein, das Beweise für Verbrechen des IS sichern sollte.
- 2021, UNITAD-Befund: Das Team stellte „klare und überzeugende Beweise" fest, dass der IS einen Völkermord an den Êzîden begangen hat, und unterstützte die irakischen Behörden bei der Exhumierung der Massengräber (UN News, Mai 2021; UNITAD).
- 2021, Yazidi Survivors Law: Der irakische Gesetzgeber verabschiedete ein Gesetz zur Entschädigung und Anerkennung überlebender Êzîdinnen.
- 2023, Anerkennung durch den Deutschen Bundestag: Am 19. Januar 2023 erkannte der Bundestag die Verbrechen an den Êzîden als Völkermord an und folgte damit der rechtlichen Bewertung der UN-Ermittler. Deutschland reihte sich damit in eine Gruppe von mehr als einem Dutzend Staaten und Gremien ein, Stand 2026 haben über 13 Länder sowie die EU, der Europarat und die UN den Genozid offiziell anerkannt (Al Jazeera; Bundestag).
Mehrere êzîdische und internationale Organisationen, darunter Yazda, die Free Yezidi Foundation und Nadia’s Initiative: dokumentieren die Verbrechen, unterstützen Überlebende und setzen sich für strafrechtliche Aufarbeitung und weitere völkerrechtliche Anerkennung ein.
Erinnerung und Weiterleben
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Pilger beim êzîdischen Neujahrsfest (Sersal) in Lalîş, 2017. Erinnern und Weiterleben sind beide Säulen der Gemeinschaft. · Foto: Levi Clancy · Lizenz: CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons
Die Fermane sind für die Êzîden mehr als historische Daten: Sie sind ein Kern der kollektiven Identität, der in Klageliedern (Stran), Wallfahrten nach Lalîş und im Festkalender weiterlebt. Die Zählung „72 + 1 = 73 + 1 = 74" ist zugleich Erinnerungspraxis und Mahnung. Mîr Tahsin Beg fasste sie sinngemäß zusammen: „Wir haben 73 Tragödien erlitten, der Völkermord von Sinjar 2014 ist die 74." Erinnern und Weiterleben sind dabei keine Gegensätze, sondern beide tragende Säulen der êzîdischen Gemeinschaft.
Quellen
Wissenschaftliche Literatur
- Açıkyıldız, Birgül: The Yezidis. The History of a Community, Culture and Religion. I.B. Tauris, 2010 (Kap. 5 „Persecution and Resistance").
- Allison, Christine: The Yezidi Oral Tradition in Iraqi Kurdistan. Routledge Curzon, 2001.
- Kreyenbroek, Philip G.: Yezidism. Its Background, Observances and Textual Tradition. Edwin Mellen, 1995.
- Kreyenbroek, P. G. & Rashow, Khalil J.: God and Sheikh Adi are Perfect. Harrassowitz, 2005.
- Eppel, Michael: Genocidal Campaigns during the Ottoman Era. The Firmān of Mīr-i-Kura against the Yazidi Religious Minority in 1832–1834. Genocide Studies International 13(1), 2019. https://utppublishing.com/doi/abs/10.3138/gsi.13.1.05
- Cetorelli, V. et al.: Mortality and kidnapping estimates for the Yazidi population in the area of Mount Sinjar, Iraq, in August 2014. PLOS Medicine, 2017. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5423550/
- Bet-Shlimon, Arbella: City of Black Gold. Oil, Ethnicity, and the Making of Modern Kirkuk. Stanford UP, 2019.
- Dankoff, Robert: The Intimate Life of an Ottoman Statesman. Melek Ahmed Pasha. SUNY, 1991.
- Cambridge World History of Genocide, Kap. „The Yazidi Genocide". https://www.cambridge.org/core/books/abs/cambridge-world-history-of-genocide/yazidi-genocide/B660D9FB9837C2AC8685A64526104355
- Edmonds, Cecil J.: A Pilgrimage to Lalish. RAS, 1967.
Primär- und Augenzeugenquellen
- Evliya Çelebi: Seyâhatnâme, Bd. 4, Augenzeuge des Feldzugs von 1640.
- Ilya Berezin: Reiseberichte 1843: Augenzeuge der Nachwirkungen am Tigris.
- Henry Layard: Discoveries in the Ruins of Nineveh and Babylon, 1853.
- al-Maqrīzī: Bericht zur Lalîş-Verbrennung 1414.
- Mosul-Chronik der Jalili-Ära (1726–1834). https://archive.org/stream/Mosul17261834/
UN, Menschenrechts- und Justizquellen
- UN Human Rights Council: „They came to destroy". ISIS Crimes Against the Yazidis. A/HRC/32/CRP.2, Juni 2016.
- UNITAD (UN-Ermittlungsteam, eingesetzt durch UNSC-Resolution 2379/2017): Befund zum Völkermord, Mai 2021. https://news.un.org/en/story/2021/05/1091662 · https://www.unitad.un.org/news/unitad-publishes-detailed-findings-international-crimes-including-genocide-committed-isil-da
- Human Rights Watch: Iraq’s Crime of Genocide. The Anfal Campaign against the Kurds. Yale UP, 1995.
- NIOD: Ten Years of Ongoing Genocide Against the Yazidis. https://www.niod.nl/en/longreads/ten-years-ongoing-genocide-against-yazidis
- Nobelprize.org: Friedensnobelpreis 2018, Nadia Murad. https://www.nobelprize.org/prizes/peace/2018/murad/facts/
- Al Jazeera: Germany recognises Yazidi massacre by ISIL as „genocide", 19.01.2023. https://www.aljazeera.com/news/2023/1/19/germany-recognises-yazidi-massacre-as-genocide
Enzyklopädische Quellen
- Encyclopaedia Iranica, „Yazidis i. General". https://www.iranicaonline.org/articles/yazidis-i-general-1/
- Wikipedia: Persecution of Yazidis. https://en.wikipedia.org/wiki/Persecution_of_Yazidis
- Wikipedia: Yazidi genocide. https://en.wikipedia.org/wiki/Yazidi_genocide
- Wikipedia: Yazidi genocide by the Soran Emirate (1832–1834). https://en.wikipedia.org/wiki/Yazidi_genocide_by_the_Soran_Emirate_(1832-1834)
- Wikipedia: Qahtaniyah bombings. https://en.wikipedia.org/wiki/Qahtaniyah_bombings
- Wikipedia: 1935 Yazidi revolt. https://en.wikipedia.org/wiki/1935_Yazidi_revolt
- Wikipedia (DE): Jesidenverfolgung. https://de.wikipedia.org/wiki/Jesidenverfolgung
Êzîdische und zivilgesellschaftliche Organisationen
- Yazidi Legal Network: Genocide at the Hands of ISIS & the 74 Firmans. https://www.yazidilegalnetwork.org/blog/efom6u2th25llc1f9eo4s8qm7u746c
- Yazda. https://www.yazda.org/
- Free Yezidi Foundation: Genocide Timeline. https://freeyezidi.org/yezidi-genocide-timeline/
- Nadia’s Initiative. https://www.nadiasinitiative.org/the-genocide
- ÊzîdîPress. https://www.ezidipress.com/en/
- Yezidi Cultural Heritage. https://www.yazidiculturalheritage.com/history/
- Gariwo (Biografie Hemoyê Şêro). https://en.gariwo.net/righteous/armenian-genocide/hammo-shero-17295.html
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